Wien Nordwestbahnhof

Wien Nordwestbahnhof
Wien Nordwestbahnhof (Wien)
Red pog.svg
Daten
Betriebsart Kopfbahnhof
Bauform Reiterbahnhof
Bahnsteiggleise 5
Eröffnung 1873
Stilllegung 31. Mai 1959
Architektonische Daten
Architekt Wilhelm Bäumer
Theodor Reuter
Lage
Stadt Wien
Bundesland Wien
Staat Österreich
Koordinaten 48° 13′ 50″ N, 16° 22′ 57″ O48.23055616.3825Koordinaten: 48° 13′ 50″ N, 16° 22′ 57″ O
Liste der Bahnhöfe in Österreich

i7i13i15i16i16i18BW

Hauptfassade des Nordwestbahnhofs in Wien kurz nach seiner Vollendung 1873
Die markante Abfahrtseite mit Statuen der Städte der Nordwestbahn
Querschnitt, von Wilhelm Bäumer gezeichnet

Der Nordwestbahnhof im Bezirk Brigittenau in Wien war der Kopfbahnhof der Österreichischen Nordwestbahn. Derzeit wird das Bahnhofsareal als Frachtenbahnhof bzw. Güterterminal genützt; bis 2025 wird auf dem Areal ein neuer Stadtteil gebaut.

Inhaltsverzeichnis

Gebäude

Nach Plänen von Wilhelm Bäumer wurde 1870 bis 1873 durch Theodor Reuter auf einem Teil des Augartens im damaligen 2. Wiener Gemeindebezirk der Nordwestbahnhof erbaut; seit 1900 ist das Areal Teil des 20. Wiener Gemeindebezirks. Erschwert wurden diese Arbeiten durch das sumpfige Gelände, das bis zu vier Meter hoch mit Erde angeschüttet werden musste. Das Erdreich wurde mit einer eigenen Feldbahn über den Donaukanal von Heiligenstadt her antransportiert. Für den Bahnhofsbau wurde das populäre Vergnügungsetablissement „Universum“ demoliert.

Das Bahnhofsgebäude stand an der Ecke Nordwestbahnstraße / Taborstraße und wurde von zwei Straßenbahnlinien (heute Linien 2 und 5) bedient. An der Abfahrtsseite befanden sich allegorische Figuren, welche die wichtigsten mit der neuen Bahnlinie erreichbaren Städte darstellen sollten. Sie stammten von Franz Melnitzky.

Der Maler Hermann Burghart gestaltete den Wartesalon der 1. Klasse aus. Die Bildhauer Franz Schönthaler und Rudolf Winder waren im Hofsalon tätig.

Geschichte

Der Nordwestbahnhof war der zweitgrößte Bahnhof und kann dennoch als das „Stiefkind“ unter den sechs Wiener Kopfbahnhöfen bezeichnet werden. Seine Errichtung ist, wirtschaftlich gesehen, nur durch die hektische Bauspekulation im Vorfeld der Wiener Weltausstellung 1873 und durch die damals gegebene Konkurrenz mehrerer Eisenbahnunternehmen im Raum Wien zu erklären. Als diese Konkurrenz (im Wesentlichen durch Verstaatlichung; die Nordwestbahn wurde ab 15. Oktober 1909 von den k.k. Staatsbahnen betrieben[1]) wegfiel und die Nordwestbahn durch die Auflösung Österreich-Ungarns an Bedeutung verlor, wurde der Betrieb eines großen Kopfbahnhofes an diesem Standort bald überflüssig. Der Bahnhof ist aber als Schauplatz politischer Ereignisse in die Geschichte Wiens eingegangen und fungierte nach Kriegsschäden als vorübergehender Ersatz.

Der von einer Wahlveranstaltung in Stockerau zurückkehrende sozialdemokratische Politiker Franz Schuhmeier wurde am 11. Februar 1913 von Paul Kunschak, Bruder des christlichsozialen Politikers Leopold Kunschak, in der Bahnhofshalle erschossen.

Aus Einsparungsgründen wurde wegen der gesunkenen Fahrgastzahlen am 1. Februar 1924 die Personenabfertigung im Nordwestbahnhof eingestellt; die Personenzüge der Nordwestbahn wurden sodann vom nahegelegenen Nordbahnhof aus geführt.

Die nutzlos gewordene Bahnhofshalle wurde für Ausstellungen, politische und sportliche Veranstaltungen genutzt. Sogar Schi fahren konnte man auf einer schneebedeckten schiefen Ebene. Nach der Eröffnung des „Schneepalasts“ wurde auf den sozialdemokratischen Wiener Bürgermeister Karl Seitz ein Pistolenattentat verübt, das dieser und seine Begleiter aber unverletzt überstanden. Auch als Abstellhalle für nicht gebrauchte Lokomotiven musste die Halle herhalten.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs hielten Hermann Göring am 26. März 1938 sowie Adolf Hitler, Joseph Goebbels und andere NS-Spitzenpolitiker am 9. April 1938, dem Tag vor der „Volksabstimmung“ über die Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich, in der Bahnhofshalle Propagandareden. Die im Bahnhof gezeigte antisemitische Ausstellung „Der ewige Jude“ sollte die begonnenen Judenverfolgungen legitimieren.

Während des Krieges nutzte die Wehrmacht das Gebäude als Lager. Um den Nordbahnhof zu entlasten, forderte die Deutsche Reichsbahn am 12. Dezember 1942 den Bahnhof zurück und setzte ihn provisorisch wieder instand. Am 1. November 1943 konnte der Personenverkehr zwischen dem Nordwestbahnhof und Jedlersdorf wieder aufgenommen werden.

Durch Bombenangriffe wurde der Nordwestbahnhof schwer beschädigt. Trotzdem wurden nach dem Krieg hier auch die Züge der Nordbahn abgefertigt, denn diese war durch die Sprengung der Nordbahnbrücke unterbrochen; die Nordwestbahnbrücke (Nordbrücke) war hingegen bereits am 25. August 1945 wieder befahrbar.

Um das Nordbahnhofareal und die daran anschließende Verbindungsbahn zum Südbahnhof provisorisch mit dem anderen Donauufer zu verbinden, ließ die sowjetische Besatzungsmacht 1945 von der östlichsten Ecke des Nordwestbahnhofes zu den westlichsten Gleisen des Nordbahnhofes quer über die Einmündung der Taborstraße in die Nordbahnstraße die so genannte „Russenschleife“ bauen, die die höhere Gleislage der Nordbahn über eine Rampe erreichte. Dieses auch von schweren Dampfloks benützte Verbindungsgleis war bis 1959 wichtig und wurde später wieder abgebaut.

1959 war die Nordbahnbrücke wiederhergestellt, und der neue Bahnhof Praterstern wurde provisorisch in Betrieb genommen. Das führte dazu, dass die Personenabfertigung auf dem Nordwestbahnhof mit 31. Mai 1959 endgültig eingestellt (bzw. zum Bahnhof Praterstern verlegt) und die Nordwestbahnbrücke über die Donau zur Straßenbrücke umgebaut wurde. Seit der Außerbetriebnahme der Nordwestbahnbrücke sind die Gleisanlagen des Bahnhofs im Bereich des Frachtenbahnhofs Brigittenau, nahe der ehemaligen Brücke, durch Schleifen nach Norden und nach Süden mit der Donauuferbahn verbunden.

Das Gelände des Nordwestbahnhofs wurde in den 1970er Jahren zu einem damals modernen Güter- und Containerterminal mit Krananlagen und Lagerhäusern ausgebaut. Am 29. September 1974 wurde die Elektrifizierung der Gleisanlagen auf dem Bahnhof und der Zufahrtsgleise in Betrieb genommen.

Nachnutzung des Areals

2006 entschlossen sich die ÖBB als Grundeigentümer, den Güterterminal schrittweise vom Areal Nordwestbahnhof abzusiedeln. Dadurch soll abschnittsweise eine neue Nutzung des Geländes ermöglicht werden: Etwa im Zeitraum 2020–2025, so die Prognose 2009, wird hier ein neuer Stadtteil entstehen. Die Barriere Nordwestbahnhof, die heute den 20. Bezirk in zwei Teile trennt, soll damit beseitigt werden.

Bis Mitte 2007 wurde vorerst ein Städtebauliches Leitbild entwickelt. Auf dessen Grundlage fand im März 2008 ein Architekturwettbewerb statt, bei dem das Schweizer Büro ernst niklaus fausch Architekten (2009 als ENF Architekten Zürich bezeichnet, siehe auch www.enf.ch) den ersten Preis gewann.

Auf insgesamt 44 Hektar sind Wohnungen für 12.000 Menschen, Arbeitsplätze für 5.000 Menschen und eine große Parkanlage geplant. Das Areal wird dazu in kleinere Flächen aufgeteilt, die von unterschiedlichen Bauträgern genutzt werden sollen. Auf einer Straße zwischen Wallensteinstraße und Traisengasse könnte eine Straßenbahnlinie durch das Areal verkehren, ansonsten sind keine durchgehenden Straßen vorgesehen[2].

Bildergalerie

Einzelnachweise

  1. Richard Heinersdorff: Die K.u.K. Privilegierten Eisenbahnen der Österreichisch-Ungarischen Monarchie 1928–1918. Molden, Wien, München, Zürich 1975, ISBN 3-217-00571-6, S. 50
  2. Tageszeitung Der Standard, Wien, 1. September 2009, S. 9, Wohnpark Nordwestbahnhof (Pressegespräch von Planungsstadtrat Rudolf Schicker und Arch. Bertram Ernst, ENF Architekten Zürich)

Literatur

  • Wolfgang Kos, Günter Dinhobl (Hrsg.): Großer Bahnhof. Wien und die weite Welt. Czernin, Wien 2006, ISBN 3-7076-0212-5 (Sonderausstellung des Wien-Museums 332), (Ausstellungskatalog, Wien, Wien-Museum, 28. September 2006 – 25. Februar 2007).

Weblinks

 Commons: Wien Nordwestbahnhof – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien