Witikobund

Der Witikobund e.V. ist ein sudetendeutscher Kulturverein in der Rechtsform eines eingetragenen Vereines. Sitz des von einem Bundesvorstand geleiteten Vereines ist München. Der jetzige Vorsitzende ist Roland Schnürch, seine Vorgänger waren Hans Mirtes und Horst Rudolf Übelacker. Der Witikobund wurde bis 1967 vom Bundesministerium des Innern als rechtsextrem eingestuft und steht bis heute unter dem Verdacht, rechtsextremistische Ziele zu verfolgen.

Inhaltsverzeichnis

Selbstverständnis

Der Witikobund e.V. ist nach eigener Beschreibung eine unabhängige, nicht parteilich oder kirchlich gebundene elitäre „nationale Gesinnungsgemeinschaft der Sudetendeutschen“. Benannt wurde er nach der Romanfigur „Witiko“ von Adalbert Stifter. Seine Wurzeln verortet der Verein selbst in der sudetendeutschen Turnbewegung und den Heimat-, Kultur- und Schutzverbände der Sudetendeutschen, deren Tradition er sich verpflichtet fühlt.

Die Mitgliedschaft im Witikobund ist grundsätzlich auf Lebenszeit ausgerichtet: „Wer heute die alte Pflicht verrät, verrät auch morgen die neue“.[1]

Zu dem Verein gehört ein Jugendverband, die „Jungen Witikonen“ (JW). Die Mitgliedschaft im Verein selbst ist - wie bei jedem anderen Verein - beschränkt. Die bislang etwa 1000 Mitglieder wurden und werden gewählt. Für jedes neue zukünftige Mitglied müssen sich zwei Witikonen verbürgen.

Programmatik

Laut eigenem Satzungsstatut betrachtet der Wikitobund „die Förderung und Unterstützung der berechtigten Anliegen der Flüchtlinge und Vertriebenen“, „die Wiedergutmachung des Vertreibungsunrechts auf der Basis des Völkerrechts“ sowie die „Rückgabe des konfiszierten Eigentums auf der Grundlage eines gerechten Ausgleichs“ als seine Hauptaufgaben.[2]

Nach Ansicht von Kritikern lässt sich in diesen Forderungen die Befürwortung einer erneuten Angliederung des heute zum tschechischen Staat gehörenden Sudetenlandes an Deutschland erkennen. Das „Sudetenland solle heim ins Reich“ geholt und die deutschen Grenzen von 1939 wiederhergestellt werden.

Zudem wird dem Witikobund vorgeworfen, Ausländerhass zu schüren. So äußerte etwa der langjährige Bundesvorsitzende Horst Rudolf Übelacker im Witiko-Brief unter anderem: „Die Deutschen, zusammengedrängt auf die Restgebiete in West- und Mitteldeutschland sowie in Österreich und zudem bedrängt von einem 'Millionenheer' volksfremder Zuwanderer, sehen sich einer allmählich zerbröckelnden Zeitgeschichtsfassade gegenübergestellt.“ Des Weiteren werde die Shoa relativiert oder geleugnet. So findet sich im Witikobrief von 1974 die folgende Behauptung: „Zu den gewaltigsten Geschichtslügen der jüngsten Vergangenheit gehören die 6 Millionen Juden“.[3]

Bundesvorsitzende des Witikobundes

Geschichte des Vereins

Gründung

Der Witikobund wurde 1950 in Stuttgart von sieben Anhängern der in den 1930er Jahren in der Tschechoslowakei von Konrad Henlein geführten Sudetendeutschen Partei (SdP) gegründet. Vorausgegangen war eine Sammlungsbewegung, die bereits seit 1947/48 existierte.

Zahlreiche ehemalige NSDAP-Funktionäre

Viele führende Mitglieder des Witikobundes waren vor 1945 der NSDAP beigetreten, so etwa die Gründungsmitglieder:

Neben den Gründungsmitgliedern wiesen aber auch zahlreiche weitere führende Mitglieder des Witikobundes eine nationalsozialistische Vergangenheit auf, die sich nicht nur auf eine bloße Mitgliedschaft beschränkte. So waren vor 1945:

  • Ernst Anrich, SS-Historiker und zeitweile Dekan der Philosophischen Fakultät der Reichsuniversität Straßburg, dort auch NS-Dozentenführer, später in der NPD;
  • Konstantin Höß, NSDAP-Kreisleiter in Prag, Gitschin und Königgrätz;
  • Franz Karmasin, NS-Volksgruppenführer, Vorsitzender der Deutschen Partei, Waffen-SS-Offizier und Staatschef der Regierung Jozef Tiso in der Slowakei, nach 1945 in der Tschechoslowakei zum Tode verurteilt, von 1957 bis zu seinem Tod 1970 Geschäftsführer des Witikobundes;
  • Karl Kraus, SS-Obersturmbannführer im SD und Gestapo-Chef von Belgrad;
  • Albert Smagon, NSDAP-Kreisleiter und Botschaftsrat an der deutschen Botschaft in Pressburg;
  • Rudolf Staffen, Gauamtsleiter der NSDAP.[4]

Beziehungen zur NPD und zu anderen rechtsextremen Organisationen

In den 1960er Jahren bestanden enge Beziehungen zur NPD, und mehrere Parteimitglieder wie Heinz Flöter und Ernst Anrich waren 1967 auch im Vorstand des Witikobundes. Einige dieser Verbindungen bestehen bis heute weiter. Sowohl der NPD-Bundespressesprecher und ehemalige Bundesvorsitzende des Nationaldemokratischen Hochschulbundes (NHB) und der Jungen Nationaldemokraten (JN) Karl-Heinz Sendbühler als auch der einstige NHB-Bundesgeschäftsführer Günter Schwemmer sind Witikonen, ebenso wie die beiden ehemaligen NPD-Abgeordneten im baden-württembergischen Landtag Rolf Kosiek und Karl Baßler.

In den 1970er Jahren nahmen an den „Reichsgründungsfeiern“ des Witikobundes auch mehrere Aktivisten der Wiking-Jugend teil. In den 1980er Jahren bestanden wiederum neue Beziehungen mit dem Hilfskomitee Südliches Afrika.

Rechtsextremer Geschichtsrevisionismus

Außerdem äußerten sich mehrere Mitglieder rechtsextrem geschichtsrevisionistisch und relativierten oder leugneten den Holocaust. Aktivisten aus dem Witikobund wie Walter Staffa und Werner Nowak gründeten 1970 das Deutsche Seminar, das Vorträge hauptsächlich rechtsextremer Referenten organisierte.

Rechte Politiker und Publizisten

Im Witikobund und besonders dessen Vorstand waren und sind zahlreiche rechte und rechtsextreme Politiker und Publizisten tätig, wie z.B. Alfred Ardelt, Ernst Frank, Wigbert Grabert, Günther Kissel, Walter Staffa und Hans-Ulrich Kopp. Neben den genannten NPDlern sind auch die ehemaligen REP-Kandidaten für den bayerischen Landtag Henning Lenthe, Carl-Wolfgang Holzapfel sowie Horst Rudolf Übelacker und Hellmut Diwald Vereinsmitglieder. Zahlreiche Witikonen haben in der rechtskonservativen Jungen Freiheit publiziert. Der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der »Jungen Freiheit« und Organisator der JF-Sommeruni 1993, Hans-Ulrich Kopp ist seit 1983 Mitglied und seit 1992 Schriftleiter des »Witikobriefes«. Bei den Veranstaltungen des Witikobundes trat beispielsweise auch das ehemalige Mitglied der Grünen Alfred Mechtersheimer im November 2003 als Referent auf.

Aber auch mehrere Personen des bürgerlichen Lagers sind Witikonen, so z. B. der langjährige CDU-Funktionär Rüdiger Goldmann (seit 1965) oder der ehemalige Fraktionsassistent der CDU im hessischen Landtag Wolfgang Egerter (stellvertretender Bundesvorsitzender des WB) sowie Herbert Fleissner.

Radikalisierung anderer Vertriebenenverbände und Unterwanderung

Der Witikobund repräsentierte stets den rechten Flügel der sudetendeutschen Heimatvertriebenen und radikalisierte andere Vertriebenenverbände, sucht sie auf eine „völkisch-nationale Linie“ zu leiten. Hierbei arbeitet er „abgeschottet“ und versteht sich als „Kaderorganisation“.

Mitglieder des Witikobundes versuchten – oft erfolgreich – „gezielt Ämter in Parteien oder anderen Organisationen zu besetzen“. Dies waren die NPD, kommunale Parteiämter, Landtagspositionen, die Sudetendeutsche Landsmannschaft, der Bund der Vertriebenen, andere rechtsextreme Organisationen, Verlage, Medien sowie Positionen in Staat und Wirtschaft. Der Bundesversammlung der Sudetendeutschen Landsmannschaft gehörten sei „seit Jahrzehnten zu über 50 Prozent“ Witikonen an. Vereinnahmt oder beeinflusst wurde vielfach auch die „Ostkunde“, ein Schulfach, das in den 50er-Jahren in der Bundesrepublik eingeführt wurde.[4] Mitglieder unterwanderten andere Organisationen und besetzten Posten.

Einschätzungen durch den Verfassungsschutz

Bis 1967 wurde der Verein vom Bundesministerium des Innern als rechtsextrem eingestuft. Im Dezember 2001 gab die Bundesregierung auf eine Anfrage der PDS an, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz beim Witikobund eine „Verdichtung von Anhaltspunkten für rechtsextremistische Bestrebungen“ festgestellt habe. Einen solchen Anhaltspunkt stelle etwa die „Häufung antijüdischer Textstellen“ in der Publikation Witiko-Brief dar.[5].

Dagegen teilte das Innenministerium des Landes Baden-Württemberg am 17. März 2009 auf eine Kleine Anfrage des Landtagsabgeordneten Stephan Braun (SPD) mit, dass der Verein „kein Beobachtungsobjekt“ des dortigen Landesamtes für Verfassungsschutz sei. Zum Witikobund lägen „keine Erkenntnisse“ vor. Ebenso sei in Baden-Württemberg der Jugendverband „Junge Witikonen“ kein Beobachtungsobjekt des Landesamtes für Verfassungsschutz.[6]

Karl Bassler, als Witikone auch NPD-Mitglied, im „Deutschen Seminar“ und im „Aktionskreis“ Nürtingen, sowie im Vorstand der „Notgemeinschaft für Volkstum und Kultur“, sagte zu Einstufungen durch den Verfassungsschutz und zu Zukunftsvisionen: „Der Verfassungsschutz hat überhaupt kein Recht, einzustufen. Das sind Drecksäcke, der Verfassungsschutz, das sage ich hier ganz bewusst. […] Wenn jemand etwas einstufen kann: ein politisches Verfassungsgericht, und jeder andere hat kein Recht dazu, dem wird aufs Maul gehauen. Und die kriegen auch aufs Maul noch, der Tag dauert nicht mehr lange. []… Die ganze deutsche Politik ist unehrlich, lügenhaft bis auf den Grund, von Anfang an. Und wenn das mal eine größere Anzahl von Deutschen begriffen hat, dass sie fünfzig Jahre belogen worden sind niederträchtig und ihnen deshalb das Geld aus der Tasche gezogen worden ist, sie beschuldigt worden sind, dann Gnade Gott denen, die diese Lügen hier ständig verbreitet haben.“[7]

Unter-Gruppierungen

Walter Staffa beispielsweise leitete in Nürtingen 1964 einen „Nürtinger Aussprachekreis“. 1968 gründete sich auf Initiative von Staffa ein „Staatspolitischer Arbeitskreis“, der als geistiger Mittelpunkt des Witikobundes wirken sollte. Danach gründete er mit anderen Witikonen 1970 in Stuttgart als Ableger und Speerspitze das „Deutsche Seminar“, das 1984 seinen Sitz ebenfalls in Nürtingen nahm. In Nürtingen hat er mit den Witikonen Rolf Kosiek, Karl Bassler und dem damaligen Witikonen Werner Nowak dazuhin 1997 noch einen „Aktionskreis“ des Witikobundes gegründet.[8]

Vereinspublikation

Der Witikobund gibt vier Mal im Jahr die Vereinspublikation Witikobrief heraus.

Literatur

  • Georg Herde, Alexa Stolze: Die Sudetendeutsche Landsmannschaft; Köln 1987.
  • Helmut Kellershohn (Hrsg.): Das Plagiat; Duisburg 1994 (hierzu besonders Martin Dietzsch: Kader gegen die Fünfundvierziger – Die völkische Gesinnungsgemeinschaft Witikobund.)
  • Sönke Braasch: Der Witikobund; in: Der Rechte Rand, Juni/Juli/August 1995
  • Thomas Grumke, Bernd Wagner (Hrsg.): Handbuch Rechtsradikalismus. Personen – Organisationen – Netzwerke vom Neonazismus bis in die Mitte der Gesellschaft; Opladen 2002, S. 439–442.
  • Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945; München 2008; insbesondere S.182 ff.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der Deutschen Vertriebenen nach 1945; München 2008, S. 183.
  2. http://www.witikobund.de/Satzung_in_der_Fassung_vom_13.10.2007.pdf
  3. Der Witikobund. Späte Erkenntnis; Artikel vom 16. Dezember 2001 in: haGalil.com, http://www.klick-nach-rechts.de/gegen-rechts/2001/04/witiko02.htm
  4. a b Vgl. Andreas Kossert: Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945; München 2008; S. 182 ff.
  5. http://webarchiv.bundestag.de/archive/2005/1017/bic/hib/2001/2001_334/04.html
  6. http://www.landtag-bw.de/wp14/drucksachen/4000/14_4087_d.pdf
  7. ARD-Sendung Panorama vom 5. Februar 1998 in: http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/1998/erste7080.html
  8. Rainer Nübel: „Deutsches Seminar“ unter Beobachtung. Verfassungsschutz hat rechtsextreme Denkfabrik im Visier – Nowak Mitbegründer; in: Nürtinger Zeitung vom 10. Februar 1998