Wort des Jahres (Österreich)

Das Österreichische Wort des Jahres (oewort) wird seit 1999 gekürt. Die Trennung vom deutschen Wort des Jahres erfolgte, nachdem sich zeigte, dass bei der Wahl zum ursprünglich deutschsprachigen Wort und Unwort des Jahres immer mehr Wörter zur Auswahl standen, die von deutschen Politikern oder Medien geprägt wurden, zu Österreich dagegen keinen Bezug hatten. Die Forschungsstelle für Österreichisches Deutsch an der Karl-Franzens-Universität in Graz ermittelt seither das Wort und Unwort des Jahres, seit 2002 zusätzlich einen Spruch und seit 2006 einen Unspruch des Jahres. Seit 2010 wird weiterhin ein Jugendwort des Jahres gekürt.

„oewort

Das österreichische Wort des Jahres
Brisante Wörter - Zeitbezogene Lexik
WORT-UNWORT-SPRUCH-UN-SPRUCH “[1]

Inhaltsverzeichnis

Gesamtübersicht

Jahr Wort des Jahres Unwort des Jahres Spruch des Jahres Unspruch des Jahres Jugendwort des Jahres
2012 Rettungsgasse Unschuldsvermuteter „Ich trete nicht zurück, ich mache den Weg frei.“ „Das ist mir nicht erinnerlich!“ leider geil
2011 Euro-Rettungsschirm Töchtersöhne „Shortly, without von delay.“ „Wo woa mei Leistung?“ liken
2010 Fremdschämen humane Abschiebung „Ich werde auf die Einhaltung des Defizits achten.“ „Es gilt die Unschuldsvermutung.“ Kabinenparty
2009 Audimaxismus Analogkäse „Reiche Eltern für alle!“ „Wer alt genug ist zum Stehlen, ist auch alt genug zum Sterben.“
2008 Lebensmensch Gewinnwarnung „Wir haben nur unsere Stärken trainiert, deswegen war das Training heute nach 15 Minuten abgeschlossen.“ „Es reicht!“
2007 Bundestrojaner Komasaufen „The world in Vorarlberg is too small.“ „Wir säubern Graz.“
2006 Penthouse-Sozialismus Ätschpeck „Nimm ein Sackerl für mein Gackerl.“ „Daham statt Islam.“
2005 Schweigekanzler Negativzuwanderung „Österreich ist frei!“
2004 Pensionsharmonisierung Bubendummheiten
2003 Hacklerregelung Besitzstandswahrer „Kinder statt Partys.“
2002 Teuro Rücktritt vom Rücktritt „Bin schon weg – bin schon wieder da!“
2001 Nulldefizit nichtaufenthaltsverfestigt
2000 Sanktionen soziale Treffsicherheit
1999 Sondierungsgespräche Schübling

Wort des Jahres

Jahr Wort des Jahres Erklärung
2012 Rettungsgasse Neueinführung eines Fahrwegs für Rettungskräfte auf mehrspurigen Straßen
2011 Euro-Rettungsschirm Maßnahmen der Europäischen Union und der Euro-Zone zur finanziellen Stabilität nach der Finanzkrise ab 2007 und insbesondere der Schuldenkrise
2010 Fremdschämen
2009 Audimaxismus Entstand im Umfeld der Studierendenproteste in Österreich 2009 mit der Besetzung des Auditorium Maximum der Universität Wien.
2008 Lebensmensch Stefan Petzner über das Verhältnis zum tödlich verunglückten Jörg Haider
2007 Bundestrojaner
2006 Penthouse-Sozialismus Geprägt durch die BAWAG-Affäre
2005 Schweigekanzler Besonders in den Medien verwendeter Beiname des damaligen Bundeskanzlers Wolfgang Schüssel
2004 Pensionsharmonisierung Angleichung der unterschiedlichen Pensionssysteme von Angestellten, Selbständigen und Bauern
2003 Hacklerregelung Ostösterreichisch Hackler für Schwerarbeiter, eine Pensionsregelung für Langzeitversicherte für Schwerarbeiter
2002 Teuro Preissteigerungen infolge der Euro-Umstellung
2001 Nulldefizit Budgetziel der Sparpakete unter Schüssel
2000 Sanktionen Als Folge der Regierungsbildung nach der Nationalratswahl
1999 Sondierungsgespräche Bislang nicht übliche Vorverhandlungen bei der Regierungsbildung nach einer Nationalratswahl

Unwort des Jahres

In Österreich wird das Unwort des Jahres seit 1999 ermittelt.

Jahr Unwort des Jahres Begründung der Jury
2012 Unschuldsvermuteter Abgeleitet von der Phrase „Es gilt die Unschuldsvermutung”, die aufgrund zahlreicher Korruptionsfällen häufig in den Medien zu lesen war. „Die Phrase wurde zuerst zu einem Adjektiv verkürzt und dann in ein Nomen umgewandelt, das in kürzestmöglicher Weise den negativen Sachverhalt der juristischen Schuld andeutet. Damit bewirkt es einerseits eine Vorverurteilung, verschleiert diesen Umstand jedoch zugleich, weil ja ausgedrückt wird, dass es sich um einen Unschuldigen handelt.”[2]
2011 Töchtersöhne Die Verkürzung der neu formulierten Zeile „Heimat großer Töchter, Söhne“ der österreichischen Bundeshymne stellt eine sprachlich sehr unglückliche Formulierung dar, da damit unbeabsichtigt die von Töchtern geborenen männlichen Enkel gemeint sein können. Die mangelhaft gestaltete Hymnezeile war Anlass dafür, dass von verschiedenen Seiten ein legitimes Anliegen der Frauen in Zweifel gezogen wurde. Es ist die mangelhafte sprachliche Form und die damit verbundenen Reaktionen, die den Ausdruck zu einem Unwort machen.[3]
2010 humane Abschiebung Der Umstand, dass eine Abschiebung von Menschen ins Ausland einen Akt staatlicher Gewaltausübung darstellt und damit nicht ‚human‘ sei, insbesondere, wenn sie Kinder beträfe, mache diesen Begriff widersprüchlich und damit sowohl aus sprachlicher wie auch aus sachlicher Sicht zum Unwort. Er verschleiere die zuletzt häufig erfolgte Abschiebung von gut integrierten Zuwandern, denen die Fremdengesetze entgegenstehen und gehe auf die Innenministerin zurück, die im Oktober 2010 angekündigt hat, dass sie veranlasst habe, Abschiebungen ‚humaner‘ gestalten zu wollen.[4]
2009 Analogkäse Hierbei handelt es sich aus sprachlicher, wie auch aus sachlicher Sicht um ein Unwort, da es für einen Etikettenschwindel steht. Das damit bezeichnete Produkt hat mit Käse nichts zu tun […]. Sprachlich wird jedoch aufgrund der deutschen Wortbildungsregeln der Eindruck erweckt, dass es sich doch um „Käse“ handelt.
2008 Gewinnwarnung Das Wort verschleiert den wahren Sachverhalt, da es nicht eine Warnung vor Gewinnen meint, sondern das Vermelden verminderter Gewinne oder von Verlusten. Es steht somit für die undurchsichtigen Vorgänge der Finanz- und Bankenwelt.
2007 Komasaufen Ausdruck der Skandalisierung einer negativen gesellschaftlichen und sozialen Entwicklung und trägt zur Stigmatisierung der Opfer bei.[5]
2006 Ätschpeck Beim Wort selbst handelt es sich um eine sprachliche Neubildung, die neben dem verspottenden „ätsch“ auch das unklare Element „peck“ enthält. Dieses erweckt Assoziationen zu so unterschiedlichen Begriffen wie „Speck“, „pecken“, „Packet“ und „Package“, was zusätzliche Irritationen erzeugt. Der Begriff steht für die zunehmende Aggressivität in der Werbung und in der Gesellschaft.
2005 Negativzuwanderung Ein Unwort, da es in mehrfacher Weise den gemeinten Inhalt verhüllt.

Es drückt einerseits einen deutlichen Widerspruch in sich aus, da Zuwanderung eine Vermehrung der Bevölkerung bedeutet, die hier aber mit dem verneinenden Wortelement in ihr Gegenteil verkehrt wird. Das Wort Negativzuwanderung kann auf diese Weise verhüllend zum Ausdruck des Wunsches nach Abwanderung unerwünschter Personen in deren Heimatländer verwendet werden. Es ist darüber hinaus noch in anderer Hinsicht mehrdeutig, da damit auch gemeint sein kann, dass es eine negativ zu bewertende Form von Zuwanderung gibt. Das Wort steht in einer langen Reihe von Neubildungen technisch-bürokratischer Herkunft, die alle mit dem Element “negativ“ gebildet werden (Negativkapital, Negativwachstum usw.).

2004 Bubendummheiten Im Priesterseminar der Diözese St. Pölten wurden im Herbst 2003 von einem Priesteramtsanwärter kinderpornografische Fotos aus dem Internet geladen. In der Folge kursierten Gerüchte über homosexuelle Beziehungen im Priesterseminar, die später auch bestätigt wurden. Bischof der Diözese, Kurt Krenn, bezeichnete die Vorgänge im Priesterseminar öffentlich als „Bubendummheiten“. Im weiteren Verlauf untersuchte ein Apostolischer Visitator die Vorgänge im Priesterseminar und Bischof Krenn trat am 29. September 2004 von seinem Amt zurück.
2003 Besitzstandswahrer
2002 der Rücktritt vom Rücktritt gemeint ist Jörg Haider
2001 nichtaufenthaltsverfestigt
2000 soziale Treffsicherheit
1999 Schübling als Bezeichnung einer Person in Abschiebehaft

Spruch des Jahres

Jahr Spruch des Jahres Erklärung
2012 „Ich trete nicht zurück, ich mache den Weg frei.“ Kommentar der Grünen-Politikerin Gabriela Moser zu ihrem Rücktritt als Vorsitzende des Untersuchungsausschusses zur Klärung von Korruptionsvorwürfen.
2011 „Shortly, without von delay.“ Verkürzter Ausspruch von Finanzministerin Maria Fekter. Diese sagte nach einer EU-Krisensitzung zur Schuldenkrise am 13. Juli 2011 zu Journalisten: „Die Zeit, die wir uns gegeben haben, ist shortly. Und auf Ihre Frage, was das heißt, sage ich Ihnen: shortly, without von delay.“[6]
2010 „Ich werde auf die Einhaltung des Defizits achten." Finanzminister Josef Pröll am 24. November 2010 in einer ORF-Nachrichtensendung
2009 „Reiche Eltern für alle!“ Einer der Slogans während der Studierendenproteste
2008 „Wir haben nur unsere Stärken trainiert, deswegen war das Training heute nach 15 Minuten abgeschlossen.“ Teamchef Josef Hickersberger bei einer Pressekonferenz während der EURO 2008
2007 „The world in Vorarlberg is too small.“ Aus einem Bewerbungsschreiben des ehemaligen Vizekanzlers Hubert Gorbach
2006 „Nimm ein Sackerl für mein Gackerl.“ Aus einem Werbeplakat für eigenverantwortliche Entfernung von Hundekot
2005 „Österreich ist frei!“ Mythisierung des österreichischen Staatsvertrages
2004 kein Spruch des Jahres gekürt
2003 „Kinder statt Partys.“ Nach einem Ausspruch der damaligen Ministerin Elisabeth Gehrer
2002 „Bin schon weg – bin schon wieder da!“ Nach mehreren Rücktrittsankündigungen Jörg Haiders

Un-Spruch des Jahres

Jahr Unspruch des Jahres Erklärung
2012 „Das ist mir nicht erinnerlich“ Häufig während Sitzungen des Untersuchungsausschusses zur Klärung von Korruptionsvorwürfen zu hören
2011 „Wo woa mei Leistung?“ Walter Meischberger
2010 „Es gilt die Unschuldsvermutung.“
2009 „Wer alt genug ist zum Stehlen, ist auch alt genug zum Sterben.“ Originalzitat: „Wer alt genug zum Einbrechen ist, ist auch alt genug zum Sterben […]“. Aus einem Kommentar des Kolumnisten Michael Jeannée in der Kronen Zeitung, nachdem ein Polizist am 5. August 2009 einen 14-jährigen Einbrecher erschossen hatte. [7]
2008 „Es reicht!“ Vizekanzler Wilhelm Molterer bei der Ankündigung der Neuwahlen
2007 „Wir säubern Graz.“ Aus einem Wahlkampf-Slogan des BZÖ
2006 „Daham statt Islam.“ Wahlkampf-Slogan der FPÖ

Jugendwort des Jahres

Jahr Jugendwort des Jahres Erklärung
2012 leider geil Nach einem Lied der Gruppe Deichkind
2011 liken Über das Internetportal Facebook persönliche Vorlieben anzeigen
2010 Kabinenparty Titel eines erfolgreichen österreichischen Hip-Hop-Liedes

Halbjahrhundertwort

Bei der ersten Wahl zum Wort des Jahres wurde 1999 zudem als „Halbjahrhundertwort“ Proporz gekürt, da dieser die Politik und das soziale Leben in Österreich seit 1945 entscheidend prägte.

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Zitat www-oedt.kfunigraz.ac.at/oewort
  2. [1] Pressemitteilung der Forschungsstelle für Österreichisches Deutsch, Karl Franzens Universität Graz, Abgerufen 6. Dezember 2012
  3. [2] Pressemitteilung der Forschungsstelle für Österreichisches Deutsch, Karl Franzens Universität Graz, Abgerufen 8. Dezember 2011
  4. Der Standard: Wort & Spruch des Jahres - Unspruch 2010: „Es gilt die Unschuldsvermutung“, 9. Dezember 2010
  5. http://www-oedt.kfunigraz.ac.at/oewort
  6. http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/714989/Shortly-without-von-delay-ist-Spruch-des-Jahres-
  7. Kronen Zeitung vom 7. August 2009, „Post von Jeannée“, Seite 12