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Arbeiterstadt Herzogenburg#

Arbeiterstädte im Spannungsfeld zwischen Feudalismus und industrieller Revolution - Musterstadt Herzogenburg

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Essay
von
Dr. Karl Glaubauf

Paradigma Herzogenburg: Tausend Jahre Feudalismus (850 - 1850) - Arbeiterstadt seit 1875#

Herzogenburg mit der ehemals größten Schließwarenfabrik der Donaumonarchie ist heute das klassische Beispiel einer niederösterreichischen Arbeiterstadt. Im Gegensatz zu Hainfeld und Berndorf stellt sich hier aber der durch die Arbeiter- und Studentenrevolution von 1848 bedingte Paradigmenwechsel des politischen Systems vom Feudalismus mit Leibeigenschaft, Robot und Frondienst zur kommunalen Demokratie aber wesentlich deutlicher, fast schon radikal und somit über den Einzelfall hinausgehend exemplarisch dar.

Während Hainfeld und Berndorf durch die Industrialisierung als Stadt erst entstanden sind, war Herzogenburg schon seit seiner Gründung um 850 als Burg der Herzoge an der politischen Grenze des damaligen Europa einer von insgesamt siebzehn landesfürstlichen Orten des Herzogtums Österreich. Noch dazu geteilt in zwei geistliche Grundherrschaften der Stifte Herzogenburg und Formbach mit jeweils eigener Verwaltung und eigenem Territorium sowie jeweils eigener Rechtsordnung, da Formbach nicht zu Österreich sondern zum Herzogtum Bayern gehörte.

Der Herzogenburger Kirchturm mit dem Erzherzogshut an der Spitze symbolisiert diese Untertänigkeitsverhältnisse auch heute noch unübersehbar. Somit war Herzogenburg als landesfürstlicher Ort und doppeltes grundherrschaftliches Territorium ein schon überdeutliches Beispiel des Feudalsystems:

Weltliche und geistliche Herrschaft bedrückten die Stadtbevölkerung.Die Einwohner Herzogenburgs unterstanden dadurch sogar einer mehrfachen (!) durchaus repressiven Rechtsordnung durch die Landesfürsten und die geistlichen Grundherrschaften.

Dazu kam noch die politische Rivalität der beiden Stifte, die die Entstehung eines geschlossenen Ortes jahrhundertelang bis zu den Türkenbelagerungen von 1529 und 1683 verhinderte. Herzogenburg war also tausend Jahre von 850 bis 1850 eine kleine Welt, in der die große durchaus ihre Probe hielt.

Dies beweist in tragischer Weise die durch Herzog Albrecht V. in allen siebzehn landesfürstliche Orten des Herzogtums Österreich, daher eben auch in Herzogenburg durchgeführte grausame Judenverfolgung von 1421, die sogenannte "Wiener Gesera". Im Herzogtum Steiermark fand diese nicht statt.

"Die Hebräerhunde sint zu vertilgen durch den prannt" - so die Parole der Wiener Gesera, die sich vom Holocaust nur durch die Quantität aber nicht durch die Qualität, also die Geisteshaltung, unterscheidet. Von einer Arbeiterstadt konnte damals keine Rede sein, ganz im Gegenteil, Herzogenburg war tausend Jahre lang ein klassisches praktisches Beispiel des gesamteuropäischen Feudalismus mit Leibeigenschaft, harter Fron und Robot.

Arbeiter- und Studentenrevolution beendet 1848 Feudalismus in Herzogenburg#

Dieser Feudalismus führte zu bedeutenden Bevölkerungsverlusten Europas, da viele nach Amerika auswanderten, wovon insbesondere die Vereinigten Staaten aber auch Kanada und Südamerika profitierten. Diese Flucht der überwiegend jungen Leute trug wesentlich zum Ende das Systems bei. Die Arbeiterrevolution von 1848 setzte dann den Schlusspunkt unter das menschenverachtenden feudalistische System der weltlichen und geistlichen Grundherrschaften.

Diese Entwicklung ist untrennbar mit dem Namen Hans Kudlich verbunden, dessen Verdienste um die Einführung der kommunalen Demokratie in der Fachliteratur kaum gewürdigt und auf seine Rolle als "Bauernbefreier" reduziert werden.

Aus Untertanen wurden damit auch in Herzogenburg Bürger, die ihren Bürgermeister und ihre Kommunalpolitiker wählen konnten, allerdings noch immer mit einem extrem restriktiven Wahlrecht. Das allgemeine Wahlrecht konnte erst 1907 erkämpft werden, allerdings auch nur für Männer.Die Monarchie musste erst im Weltkrieg untergehen, damit 1919 auch das Frauenwahlrecht eingeführt werden konnte.

Der Flucht aus dem Feudalismus in Europa überwiegend in die USA Vergleichbares ereignete sich 1989 in der Deutschen Demokratischen Republik, die ebenfalls zusammenbrach. Schon im alten Rom hatten übrigens die Plebejer, also die arbeitenden Menschen, wiederholt die Stadt verlassen, solange bis sie durch eigene Gesetze eine besondere Rechtsstellung erhielten. Wiederholt sich Geschichte ?

Herzogenburg verdankt seine Stadterhebung 1927 und seinen Charakter als Arbeiterstadt den Grundmannwerken, die 1880 eine moderne Fabrik an der Traisen errichteten. Dies brannte ein Jahr später ab, wurde aber innerhalb von drei Monaten (!) unter Mithilfe der gesamten Belegschaft wieder neu erbaut.

Diese "Gebrüder Grundmannwerke" entwickelten sich rasch zum größten Schließwarenhersteller der Donaumonarchie mit ähnlichen hohen sozialen Standards wie in Berndorf, wodurch die Arbeiterbewegung und damit die spätere Sozialdemokratische Partei nur langsam Fuß fassen konnte.

Erst seit 1951 stellt die 1888 auch in Herzogenburg entstandene Sozialdemokratische Partei nach einem kurzen Zwischenspiel von 1919 bis 1921 permanent den Bürgermeister und die Mehrheitsfraktion im Gemeinderat, womit der Wiederaufbau der zerstörten Stadt durch die Herzogenburger - der Zweite Weltkrieg war hier zu Ende gegangen - unter sozialdemokratischer Führung bewältigt wurde.

Hainfeld#

Im Gegensatz zu Herzogenburg und Hainfeld setzte die "Industrielle Revolution" in Berndorf schon 1843, also fünf Jahre vor der Revolution von 1848 ein, in Hainfeld erst 1894 durch das das von Wilhelm Grundmann, einem der vier Söhne von Carl Grundmann errichtete Schließtechnik-Werk. Carl Grundmann ist somit nicht nur der "Vater der Arbeiterstadt" Herzogenburg sondern auch jener Hainfelds.

Die enorme Bedeutung der Hainfelder Werke zeigt sich tragischerweise darin, dass Hainfeld im Zweiten Weltkrieg nach Wiener Neustadt die am meisten zerstörte Stadt Österreichs (!) war. Hainfeld wurde übrigens 1928 ebenso wie Herzogenburg 1927 infolge seiner industriellen Bedeutung vom niederösterreichischen Landtag zur Stadt erhoben,obwohl die Eiwohnerzahl dafür viel zu gering war, Berndorf schon im Jahre 1900.

Diese Städte waren Zentren der niederösterreichischen Arbeiterbewegung, die sich im Verlauf von hundertfündundzwanzig Jahren seit 1888 zur gegenwärtigen Sozialdemokratie entwickelte.

In Hainfeld organisierte sich nämlich 1888, also vor 125 Jahren, die heutige Sozialdemokratische Partei in Form ihres Gründungsparteitages, was damals in Wien völlig unmöglich gewesen wäre.

Bei der Parteigründung war übrigens auch der Bezirkshauptmann von Lilienfeld, Fürst Auersperg anwesend. Als Reichsgraf war er alles andere als Sozialist, war aber durch den Festakt so gerührt, dass er beim Lied der Arbeit in Tränen ausbrach.

Berndorf - die "Krupp - Stadt"#

Als Alexander Schoeller gemeinsam mit seinem stillen Teilhaber Hermann Krupp 1844 in Berndorf eine Besteckfabrik errichtete, hatte der Ort knapp 150 Einwohner. Infolge des rasanten Aufstieg des Unternehmens entwickelte sich Berndorf aber rasch zur Arbeiterstadt.

Die Krupp-Familie ließ ganze Stadtteile auf eigene Kosten errichten mit über elfhundert Wohnungen für die Arbeiter, baute Schulen mit Klassenzimmern in verschiedenen Stilarten, ein Schwimmbad und eine evangelische Kirche und ein eigenes Theater für die Bevölkerung. Der inoffizielle Name "Krupp -Stadt" hat also durchaus seine Berechtigung.

Im Gegensatz zu Wien entwickelte sich die niederösterreichische Arbeiterbewegung daher nur sehr langsam. magels Gegenstand natürlich, denn hier wurde niemand wie in Wien mit Blechstücken bezahlt, sondern mit gutem Geld.

Die Unternehmen waren zum guten Teil von ehemaligen Arbeitern wie Carl Grundmann gegründet worden, die sich ihren Traum von der eigenen Fabrik erfüllen konnten. Auch Hermann Krupp hatte eine Schlosserlehre absolviert. Bemerkenswert übrigens auch, dass diese Fabrikanten alle Anhänger der evangelischen Kirche waren, die keine Leibeigenschaft kannte. Auch weil sie keine Klöster hat, die versorgt werden mussten.

Ähnliche Modelle der Unternehmensführung sind auch heute wieder in Diskussion, wie etwa die Mitarbeiterbeteiligung am Gewinn bei Daimler und VW, um nur ein Beispiel zunennen.

Daher gab es auch teilweise extrem hohe Sozialleistungen wie Arbeiterwohnungen, Schwimmbäder, Schulen und vieles mehr wie das Beispiel Berndorfs aber auch jenes von Herzogenburg zeigt. An der Revolution von 1848 beteiligte sich in Berndorf bemerkenswerterweise niemand. "Business as usual" fand dort im gesamten Revolutionsjahr 1848 statt, die Revolution erfasste Niederösterreich nur bis zur Bauernbefreiung, im Arbeiterbereich griff sie nicht, weil dafür wie in Berndorf die Voraussetzungen fehlten und die Industriealisierung durch das System der Grundherrschaften erst 50 Jahre nach Wien, dessen Einwohner ja keine Leibeigenen sondern freie Bürger waren, einsetzen konnte.

Gründung der SPÖ 1888#

Obwohl vor 125 Jahren die Sozialdemokratische Partei in Hainfeld gegründet wurde, konnte sie sich daher in Niederösterreich auf Landesebene nicht durchsetzen, sondern blieb auf die Arbeiterstädte mit Ausnahmen etwa von Krems beschränkt.

Dies ist aber auch vor allem auf die von den Christlich - Sozialen betriebene Trennung Wiens von Niederösterreich zurückzuführen, denn von 1919 - 1921 war der erste Landeshauptmann von Niederösterreich, Albert Sever Sozialdemokrat.

Er setzte übrigens durch, dass Geschiedene wieder heiraten konnten und prägte damit einen eigenen Ehe-Typ, die sogenannten "Sever - Ehen", wie sie damals eine zeitlang hießen. Nach der Trennung Wiens von Niederösterreich 1922 ging der Landeshauptmann für die niederösterreichischen Sozialdemokraten verloren.

Die ganz im Gegensatz zu Wien extrem späte Industriealisierung des im wesentlichen in weltliche und geistliche Grundherrschaften geteilten Niederösterreich erfolgte also nach dem Ende der Leibeigenschaft 1850, die es in Wien nicht gab, und der ansatzweisen Demokratisierung der Kommunalverwaltung, weitgehend durch Migranten aus Deutschland, die selbst Arbeiter gewesen waren und neben dem Kapital vor allem ihre Ideen mitbrachten, die sich infolge des Massenbedarfs Bedarfs etwa an Schlössern und Bestecken aus Metall rasch durchsetzten.Dadurch wurden nicht nur Arbeitsplätze geschaffen sondern wesentliche Verbesserungen für die gesamte Bevölkerung erzielt. Erst das Ende des Feudalismus durch die Arbeiter- und Studentenrevolution ermöglichte diese von Wien völlig verschiedene Entwicklung.

Literatur:


Überraschend guter Beitrag über Arbeiterstadt Herzogenburg, (könnte etwas mehr vertragen) habe schon fast geglaubt das es ausser Stift nichts anderes in Herzogenurg gegeben hat. Gratulation den Autoren, vielleicht kann man speziell in der Nachkriegszeit wo die Frauen von 1945 bis 1955 den Löwenanteil an Arbeit leisten mussten, sei es in der Industrie oder im alltäglichen Hauserhalt da die meisten Männer erst 1955 von der Gefangenschaft zurückkehrten, etwas genauer erforschen? Die Finanzkraft der Gemeinde war immer hauptsächlich von der Kommunalsteuer und den Steuergeldern der Gemeindebürger abhängig, also ist es auf die arbeitenden Menschen zurückzuführen welche Herzogenburg zu einer Stadt gemacht haben. mit freundlichen Grüssen und grossen Respekt Stadtrat Franz Mrskos

-- Mrskos Franz, Mittwoch, 15. Mai 2013, 20:38


Kritik ist sicher berechtigt, werde das gelegentlich ausbauen, allerdings fehlt dafür Literatur, weshalb weitere Forschungen im Stadtarchiv und in den Grundmannwerken erforderlich sind, die ohne Unterstützung durch die Stadtgemeinde nicht geleistet werden können.

Kein Gegenstand für Heimatkundler oder Hobby-Historiker sondern für Fachleute, da etwa der gesamte Wiederaufbau nach Kriegsende zu dokumentieren wäre als fundamentale Leistung aller Herzogenburger, insbesondere natürlich der Frauen, wie etwa Dr. Minna Nemec, um nur ein Beispiel zu nennen, die damals die einzige Ärztin in Herzogenburg war un d mit ihrer Assistentin Naschenweng das Überleben der Bevölkerung sicherte. Danke für das Interesse !

-- Unbekannt, Mittwoch, 15. Mai 2013, 22:39


Besonderer biographischer Beleg für den Terminus "Arbeiterstadt Herzogenburg" ist der "Erfinder " der Stahlrahmen- Motorräder und erfolgreichste Flugzeugkonstrukteur aus Herzogenburg, Erwin Musger.

-- Glaubauf Karl, Montag, 16. September 2013, 21:49