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Erinnerungskultur oder "Geschichtspolitik" ?#

Essay von Dr. Karl Glaubauf

(In Arbeit)#

Das sogenannte etwa 50 Millionen Euro teure "Gedenkjahr: Hundert Jahre Erster Weltkrieg" neigt sich seinem Ende zu. Und schon steht unvermeidbarerweise das nächste vor der Tür: 70 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges.(1) Es wird also wieder mit viel Geld an einen Krieg erinnert, wobei man froh sein könnte, dass er vorbei ist und seine Folgen zu einem guten Teil - etwa durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und die deutsche Wiedervereignigung - vergessen werden können, allerdings nicht der damit untrennbar verbundene Holocaust.

Sklavenhandel und Gregor Mendel
Dagegen wird Positives offiziell kaum erinnert oder die Erinnerung daran nicht gefördert, obwohl gerade beachtlicher daraus Gewinn für die politische Bildung lukriert werden könnte. So hat etwa der Wiener Kongress vor zweihundert Jahren beschlossen, den arabisch - islamischen Sklavenhändlern in Afrika das Handwerk zu legen - auf britischem Antrag übrigens. Dieser Sklavenhandel legte den Grundstein zu einem heute nicht nur in den USA nach wie vor gravierenden Problem, nämlich der "Rassenfrage". Die Geister die man im 19. Jahrhundert gerufen hatte - Islamische Sklavenhändler und Großgrundbesitzer in "Tateinheit"- wird man bis heute nicht mehr los.

Hoffnungen, dass sich das Problem durch Vermischung der Bevölkerung von selbst lösen könnte, haben sich als unwissenschaftlich erwiesen und nicht erfüllt. Schon 1865, also vor exakt hundertfünfzig Jahren hat nämlich der Augustiner Chorherr Gregor Mendel im letzten Jahr des wegen der Sklavenfrage geführten amerikanischen Bürgerkriegs die Vererbungsgesetze entdeckt und damit bewiesen, dass es eine generelle 1:1 Vermischung bei der Vererbung nicht geben kann, es sei denn durch genetische Manipulation....

Erster Weltkrieg - Bilanz
Das Gedenkjahr konzentriert sich beinahe ausschließlich auf die "Militaria". Politische Vorgeschichte, politische Ereignisse wie der Genozid an den Armeniern durch die Türken und vor allem die Neuordnung der Welt durch die Sieger bleiben weitgehend ausgeklammert. Dabei sind es gerade die Folgen, die diesen Krieg noch furchtbarer machen. Denn in Europa führte er zum Nationalsozialismus und damit zum Zweiten Weltkrieg, im "Nahen Osten" zementierte er das Kurdenproblem, das bis heute ungelöst ist und vieles mehr.

Die etwa in der Schallaburg ausgestellten Waffen sind genauso überholt wie die militärischen " Modi procedendi " dieses Krieges und daher auch allgemein gänzlich uninteressant. Mit Gewinn für die politische Bildung wird man diese Ausstellung nicht verlassen können. Geschichtspolitische Interessen dürften den Ausschlag gegeben haben, dass politische Vorgeschichte und Folgen weitgehend ausgeklammert sind, die wissenschaftliche Begleitliteratur ist weitgehend Remake schon lange auf dem Markt befindlicher Fachliteratur. Die Studie des australischen Historikers Christopher Clark über "Die Schlafwandler" ausgenommen. Dabei wird man der These, dass die damaligen Verantwortlichen Schlafwandler waren, nicht unbedingt voll zustimmen müssen, denn der Krieg wurde schon zumindest von Deutschland bewusst herbeigeführt und Hötzendorf war dabei keineswegs ein Friedensengel mit seinen jahrelangen Präventivkriegsforderungen gegen den Dreibundpartner Italien, die letzlich dann zum Kriegseintritt Italiens 1915 führten. Damit war die Niederlage der Habsburgermonarchie nur mehr eine Frage der Zeit..

Allerdings beginnt sich das Bild dieses Krieges doch langsam zu verändern, wenn etwa mühsame Diskussionen im Gange sind, den Erkenntnissen der Hötzendorf-Forschung durch Umbenennung der Hötzendorf-Kaserne in Innsbruck in Spanocchi-Kaserne Rechnung zu tragen.

Den Durchbruch haben hier amerikanische Historiker wie etwa Lawrence Sonderhouse gebracht mit seiner vielbeachteten Studie: Conrad von Hötzendorf, The Architect of the Apokalypsis, Boston 2002, deutsch Graz 2003 (Vergriffen). Die enorme Flut an Hötzendorf-Straßen bleibt aber bestehen.

Neue Studie
Am Schluss des Gedenkjahres hat nun bemerkenswerterweise eine Historiker-Elite um Verena Moritz und Hannes Leidinger mit "Habsburgs schmutziger Krieg" (siehe Literatur - Verzeichnis) eine umfassende Studie vorgelegt, die die Perspektiven so mancher Ausstellungen deutlicher und richtig neu akzentuiert, indem sie weit über den militärischen Bereich hinausgeht.

Denn schlimmer als der Erste Weltkrieg waren doch noch seine Folgen: Der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg sowie die Friedensordnung im Nahen Osten, die noch heute ein Problem ist wenn man bedenkt, dass 1920 etwa das 15 Millionen-Volk der Kurden gleich auf drei Staaten aufgeteilt wurde.

Virtuelle "Häuser der Geschichte" ?
Man wird mit Mitterauer dafür plädieren müssen, die sogenannte offizielle, aus Steuergeldern aller Bürger bezahlte "Erinnerungskultur" thematisch auf eine neue Grundlage zu stellen, weg von der inflationären Handhabe von Gedenktagen hin zum Bewusstmachen von historisch - politischen Sachverhalten, die auch heute die Gegenwart nachhaltig prägen und somit zu deren Verständnis beitragen. Wohin Geschichtspolitik führen kann, aber natürlich nicht zwingenderweise führen muss, hat etwa das tragische Beispiel der DDR-Geschichtswissenschaft vor Augen geführt: Einer Ideologie verpflichtet, ist sie mit dieser untergegangen...

Nach jahrzehntelangen Bemühungen soll es nun doch ein Haus der österreichischen Geschichte geben. Vor einiger Zeit ist im Gegenstand Niederösterreich vorgeprescht, indem es ein eigenes Haus der Geschichte errichten will, das sinnvollerweise beinahe ausschließlich virtuell, also mit den Methoden der Informatik und moderner Computer - Technologie gestaltet werden soll ,also nicht wie bisher ein konventionell gestaltetes Museum sein soll.

Damit könnte endlich (nieder)österreichische Identität international vermittelt werden, Schlüsselzeiträume der Landesentwicklung erlebbar gemacht und der Schritt weg von dem ewigen emotionell besetzten "Gedenken" getan werden hin zur rational - intellektuellen Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit, deren unbestreitbarer Nutzen in ihrem Wert für die politische Bildung liegt....

(wird fortgesetzt)

Vgl. dazu grundlegend:

Mitterauer, Michael: Gedenkzeiten, Austria-Forum 2014

Sonderhouse, Lawrence: Conrad von Hötzendorf, The Architect of the Apokalypsis, Boston, University-Press 2002.

Leidinger/Moritz/Moser/Dornik: Habsburgs schmutziger Krieg, Residenz - Verlag, Dezember 2014, 328 S.