unbekannter Gast

Der sowjetische Soldatenfriedhof in Herzogenburg #

Ein Symbol des europäischen Weltanschauungskrieges 1939 - 1945 zwischen Nationalsozialismus und Sowjet - Kommunismus #

Essay von

Dr. Karl Glaubauf

In Bearbeitung, Bilder folgen...#

Frontverlauf 1945. Darstellung aus dem Atlas zur Geschichte Österreichs
Frontverlauf Mai 1945. Darstellung aus: Atlas zur Geschichte Österreichs
© Christian Brandstätter Verlag, Wien, für AEIOU

Im April 1945 eroberten Kampfverbände der "Roten Armee" die Stadt Herzogenburg Herzogenburg im unteren Traisental und besetzten sie zehn Jahre lang. Die sinnlosen Endkämpfe wurden mit äußerster Erbitterung geführt, wie auch der Soldatenfriedhof der ehemaligen Deutschen Wermacht im nahegelegenen Oberwölbling Oberwölbling mit seinen 4059 (!) Gräbern uund der Soldatenfriedhof der ehemaligen Roten Armee im Westen Herzogenburgs beweisen.

Es war kein Vorteil für Herzogenburg, dass hier der Krieg im unteren Traisental nördlich von St. Pölten zu Ende ging und die Stadt im Zentrum der "Fronten" lag. Ganz im Gegenteil: Der Frontverlauf im unteren Taisental zog die Stadt in schwerste Mitleidenschaft, Artilleriefeuer zerstörte sogar die Sitzbänke an der Ringstraße, obwohl diese natürlich nicht kriegswichtig waren.

Dazu trug auch bei, dass sich unmittelbar nördlich des Stiftes ein Fliegerhorst der Deutschen Luftwaffe befand, der natürlich bevorzugtes Angriffsziel der Sowjetartillerie war, ebenso wie die Grundmann-Werke, ein Großbetrieb der kriegswichtigen Metallindustrie, früher die größte Schließwarenfabrik der Donau - Monarchie.

Im Zentrum der Fronten - Das "Massaker von Pottenbrunn" Pottenbrunn #

Die etwa vierhundert Personen zählende Widerstandsgruppe der Grafen Trauttmansdorff - darunter viele Glanzstoffarbeiter - in Pottenbrunn versuchte, diese erbitterten Endkämpfe im unteren Traisental zu verhindern, wurde aber Opfer eines fanatischen, verräterischen Nationalsozialisten und der Gestapo. Zahlreiche Todesurteile mit vorhergehender qualvoller Folter, die auch Frauen betrafen, waren die Folge. Diese Urteile wurden am 13. April 1945, einen Tag vor dem Einmarsch der Roten Armee in St. Pölten vollstreckt.

Wehrmachtsverbände kämpften unter dem Druck der SS in ihrem Rücken erbittert aber keineswegs freiwillig. Unter den Artillerie-Duellen hatte Herzogenburg ganz besonders zu leiden. Durch diesen vielfach erzwungenen Widerstand der Wehrmacht gelang es in der Folge den SS-Verbänden, sich über die Enns-Linie abzusetzen und sich den Amerikanern zu ergeben.

Dies war der eigentliche Zweck der politisch und militärisch völlig sinnlosen Endkämpfe an der Traisen-Front mit vielen Endphasenverbrechen,etwa in Krems, Hadersdorf, Pottenbrunn, denn eine Gefangennahme durch die Sowjettruppen hätte kein SS-Soldat überlebt. Diese waren übrigens leicht zu erkennen, da sie ihre Blutgruppe eintätowiert hatten...

Soldatenfriedhof Herzogenburg
Soldatenfriedhof der Roten Armee, unmittelbar dahinter die Stadtmauer
© Stadtrat Franz Mrskos

Der Soldatenfriedhof der ehemaligen Sowjet-Armee liegt im Westen der Stadt, direkt an der Stadtmauer, an der im Laufe der Jahrhunderte viele Angriffe scheiterten wie beispielsweise jene der Schweden im Dreißigjährigen Krieg 1645, obwohl die Schweden Krems erobern konnten.

Mit der Besetzung Herzogenburgs durch die Rote Armee begann eine der schwersten Epochen der Stadtgeschichte, nämlich jene des Wiederaufbaues unter dem Druck der Besatzungsmacht.

Die aus Wien mit ihren Kindern vor den Bomben geflüchtete Dr. Minna Nemec, einziger Arzt der Stadt, der "Engel von Herzogenburg", betreute mit ihrer Assistentin Anna Naschenweng auch die medizinisch nicht versorgten russischen Soldaten und konnte dadurch viele Übergriffe verhindern und wesentlich zur Integration zwischen Besatzungsmacht und Bevölkerung beitragen, die deren Überlebensfähigkeit sicherte.

Die "Rote Armee" griff das Traisental mit starken Kampfverbänden der vierten ukrainischen Gardearmee im wesentlichen entlang der Bundesstraße 1 von Wien nach St. Pölten und der Hainfelder Bundesstraße an und richtete sich nach der Einnahme St. Pöltens am 15. April entlang der Traisen zur Verteidigung ein, um das unmittelbar bevorstehende Kriegsende abzuwarten.

Politischer "Mehrwert" der Erinnerung

Eine zehnjährige Besatzungszeit mit schweren Repressalien, unter denen gerade Ostösterreich ganz besonders zu leiden hatte, begann. Denn die Deutsche Wehrmacht hatte am 22.Juni 1941 die Sowjetunion ohne Kriegserklärung mitten in der Erntezeit (!) überfallen und verheerende Schäden in Russland bis zur Wolga angerichtet, aber nicht nur dort, sondern auch in Westeuropa.

Daher waren auch die Verhandlungen für den Staatsvertrag von 1955 besonders schwierig und langwierig. Denn wer sollte jetzt die katastrophalen Verwüstungen in der Sowjetunion wieder gutmachen, wenn nicht der Angreifer, zu dem auch Österreicher gehörten ? Von den Menschenverlusten in der Höhe von etwa 20 Millionen Sowjetbürgern einmal abgesehen ?

Soldatenfriedhof Herzogenburg mit vierhundertzwölf Gräbern
Soldatenfriedhof mit vierhundertzwölf Gräbern
© Stadtrat Franz Mrskos

Gemäß Staatsvertrag von 1955 ist Österreich auch verpflichtet, diese sowjetischen Soldatenfriedhöfe zu erhalten. Sie erinnern somit auch heute an den bisher größten Krieg der Menschheitsgeschichte, der vor siebzig Jahren beendet werden konnte, im " Fernen Osten " allerdings nur durch den Einsatz von Atomwaffen in Hiroshima und Nagasaki und auch nicht am 8. Mai 1945 sondern erst vier Monate später am 2. September 1945.

Die sowjetischen Kriegsgräberanlagen sind aber auch wichtige Denkmäler für die ehemalige Sowjetunion selbst und somit ein sehr wesentlicher Beitrag für die politische Bildung. Denn die Probleme in der Ukraine oder der Krim und viele andere politische Entwicklungen, auch und gerade jene der EU im Osten, können nur verstanden werden, wenn man weiß, was die ehemalige Sowjetunion, war.

Die Gedenkfeiern in ganz Europa zum Kriegsende am 8. Mai 1945 sollten das bewusst machen. Aber auch, dass es immer die Völker Europas und eben nicht die Ideologien waren, die - ganz gleich wie sie jeweils politisch organisiert waren - nach dem Scheitern etwa von Kommunismus und Nationalsozialismus Europa immer wieder neu aufbauen mussten.

"Latein - Europa"

Zentrum des jeweiligen Wiederaufbaues etwa nach den beiden Weltkriegen war dabei immer "Latein - Europa", also die von den Römern und Griechen geschaffene politische, wirtschaftliche und kulturelle Grundstruktur in der Westhälfte des Kontinents.

Im übrigen Europa funktionierte das keineswegs in vergleichbarem Ausmaß, da hier zuviele Voraussetzungen fehlten, wie etwa eine durchgehende Alphabetisierung.

Im Gegensatz dazu konnte sich der zweimalige massive Kriegsverlierer Deutschland im zwanzigsten Jahrhundert trotz der totalen Niederlage von 1945 relativ rasch wieder in Form des deutschen Wirtschaftswunders erholen und dominiert heute nicht nur ökonomisch die EU.

Diese stellt sich klar erkennbar auch in den indoeuropäischen Sprachen dar, schließlich ist "Europa" ein altgriechisches Wort, viele europäische Sprachen wie etwa das Englische, Spanische und Französische, aber auch viele andere, beruhen in Syntax und Grammatik auf der Antike und prägen damit die Denkkategorien der europäischen Bevölkerung wesentlich...

Symbolwert für die politische Bildung

Gemeinsam mit den Friedhöfen der deutschen Wehrmacht sind diese sowjetischen Kriegsgräber sehr relevante Zeugen und beweisende Geschichtsquellen der jüngeren Vergangenheit Europas.

Denn der Zweite Weltkrieg war in Europa ein Weltanschauungskrieg, ein Krieg der Ideologien: Der deutsche Nationalsozialismus kämpfte in einem grausamen, ideologischen, totalen Vernichtungskrieg gegen den Sowjet-Kommunismus und das europäische Judentum in Form des "Holocaust".

Diese Barbarei konnte dann am 8. Mai 1945 in Europa beendet, im Osten durch die Rote Armee, im Westen primär durch US - Army und ihre Verbündeten. In Japan war der Einsatz von Atomwaffen erforderlich, um auch hier die Barbarei zu beenden.

Geblieben sind von beiden Ideologien nach dem Zerfall der Sowjetunion nur mehr die (Kriegs-)gräber und die Kriegerdenkmäler, verteilt über ganz Europa. Denkmäler, die zu denken geben könnten, gerade in Zeiten, in denen neue ideologisch bedingte Konflikte auf der Tagesordnung zu stehen scheinen...

Literatur:

Stalins Truppen in Österreich, Essay, Austria - Forum 2012. Beleuchtet den Kulturschock der sowjetischen Besatzer und das Schicksal der Frauen im besetzten Österreich auf exakt wissenschaftlicher Grundlage.