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Hiltl, Nora (Eleonora)#

* 21. 06. 1905, Wien
† 02. 01. 1979, Wien

Musikprofessorin, Journalistin und Politikerin

Dr. Nora Hiltl

Dr. Nora (von) Hiltl und ihre Zwillingsschwester, Prof. Herta Pammer, wurden am 21. Juni 1905 in Wien Hietzing geboren. Die ersten Lebensjahre verbrachten die beiden Kinder in verschiedenen Garnisonsstädten der österreichisch-ungarischen Monarchie, denn ihr Vater war Kavallerie-Oberst. Bald nach dem ersten Weltkrieg übersiedelte die Familie von Wien nach Innsbruck, wo die beiden Schwestern ihre schulische Ausbildung mit der Reifeprüfung abschlossen. Wegen der geringen Offizierspension des Vaters konnte dieser nur einer seiner Töchter, Nora, ein Studium ermöglichen. Nora studierte an der Musikakademie Wien Klavier und Gesang und war anschließend als Musikprofessorin in Innsbruck tätig. Ab September 1935 unterrichtete sie an mehreren Wiener Mittelschulen, ab September 1939 nur noch an der Mädchenoberschule in der Wenzgasse und an der Gewerbeschule in der Mollardgasse.

Als Gegnerin des NS-Regimes war Nora Hiltl von 9. November 1939 bis 28. April 1940 inhaftiert. Nach ihrer Haftentlassung teilte die Gestapo der Schulleitung in der Wenzgasse mit, dass gegen eine Weiterbelassung der Nora Hiltl im Schuldienst keine Bedenken bestünden, allerdings sei auf ihr künftiges Verhalten besonders zu achten und gegebenenfalls sofort Mitteilung zu machen.

Nach der Befreiung Österreichs wurde Nora Hiltl im November 1945 in den Wiener Gemeinderat und Landtag gewählt, der sie 1969 in den Bundesrat entsandte. Ab 1946 war sie im Staatsamt für Unterricht tätig, wo sie mit der Leitung der Abteilung "Allgemeine Frauenbildung" betraut war. 1957 wurde sie zur Sektionsrätin und 1964 zur Ministerialrätin befördert.

Die Rechte der Frauen und die Erwachsenenbildung waren Hiltl ein stetes Anliegen. Sie gründete die Wochenschrift "Frau von heute" und war auch deren Chefredakteurin. Hiltl war Vizepräsidentin des Verbandes der Wiener Volkshochschulen und Präsidentin der Volkshochschule Wien-West. Jahrelang war sie auch Präsidentin der Österreichischen Pfadfinderinnen. Nach ihrer Pensionierung engagierte sich Hiltl in ihrer Wohnpfarre St. Hubertus, Wien Hietzing, wo sie vor allem im Kreise der Seniorinnen und Senioren wirkte.

1968 inskribierte Hiltl an der Wiener Universität und belegte die Fächer Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte. Sie hatte beschlossen, im Alter das nachzuholen, wozu in ihrer Jugend die nötige Zeit fehlte. Das Thema ihrer Dissertation lautete: "Die Oper am Hofe Kaiser Leopolds I. mit besonderer Berücksichtigung der Tätigkeit von Minato und Draghi". Mit 69 Jahren promovierte Hiltl zur "Doktorin der Philosophie".

Ausgezeichnet wurde Nora Hiltl mit dem "Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich" und dem "Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um das Bundesland Wien". Sie erhielt auch die päpstliche Auszeichnung "Benemerenti", den spanischen Orden "Lazo de Mérito Civil" sowie den "Ehrenring für treue Dienste im Bundesministerium für Unterricht und Kunst".

Dr. Nora Hiltl und ihre Zwillingsschwester Prof. Herta Pammer - langjährige Präsidentin der Katholischen Frauenbewegung Österreichs und Initiatorin der Aktion Familienfasttag - waren Ur-ur-Enkelinnen jenes Wiener Fleischhauermeisters Josef Ettenreich, der 1853 dem jungen Kaiser Franz Joseph zu Hilfe eilte, als dieser von dem Schneidergehilfen Johann Libeny mit einem Messer attaktiert wurde. Gemeinsam mit dem Adjutanten des Kaisers konnte der Attentäter überwältigt werden. Ettenreich wurde vom Kaiser, der bei dem Attentat am Kopf verletzt worden war, in den Adelsstand erhoben. Zum Dank für die Rettung des Kaisers wurde in Wien die Votivkirche erbaut. Der Attentäter Libeny wurde auf der Simmeringer Haide hingerichtet. Damals kursierte in Wien der Spottvers:
"Auf der Simmeringer Had hot´s an Schneider verwaht.
Es g´schieht eam scho´ recht, warum sticht er so schlecht."

Für Jänner 1979 hatte Dr. Hiltl für die Pfarre St. Hubertus eine Romreise vorbereitet, an der sie selbst nicht mehr teilnehmen konnte. Sie starb am 2. Jänner d.J. an einem Gehirnschlag und wurde am Helenenfriedhof in Baden beigesetzt.

Eine Wohnhausanlage in Wien Hietzing trägt den Namen "Nora-Hiltl-Hof" und seit Juni 2011 gibt es in der Siedlung Friedensstadt einen "Hiltlweg".


Quellen:
Aufzeichnungen von Dr. Maximilian Pammer, gf. Vizepräsident der Österreichisch-slowakischen Gesellschaft, Sohn von Prof. Herta Pammer;
"Die Chronik Österreichs" von Prof. Walter Kleindel (Wien), Chronik Verlag in der Harenberg Kommunikation Verlags- und Mediengesellschaft mbH & Co.KG, Dortmund 1984


Sehr interessant, wo war sie eigentlich inhaftiert ?

-- Glaubauf Karl, Mittwoch, 4. Januar 2012, 20:08


Dr. Hiltl war wegen Verdachts des Hoch- und Landesverates in dem damals berühmt-berüchtigten Polizeianhaltezentrum ("Liesl") auf der Roßauer Lände in Schutzhaft, wo sie ihre Zelle u.a. mit der späteren SPÖ-NR.Abg. Pokorny teilte.

-- Büchler Josef, Samstag, 7. Januar 2012, 11:03


Besten Dank und Gratulation zu dem wichtigen Beitrag !

-- Glaubauf Karl, Sonntag, 8. Januar 2012, 09:04