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Der Lorcher Schlüssel#

ist ein aus einem Stück Chrom-Manganstahl in den Jahren 1952/53 vom damaligen Schlossergesellen Friedrich Mayr hergestellter Stahlschnitt, wiegt 750 g und ist 26 cm hoch. Ca. 600 Stunden arbeitete Mayr neben seiner beruflichen Tätigkeit als Werkzeugmacher in der ÖBB-Hauptwerkstelle Linz an dem Werkstück.

Auf den Stahlschnitt aufmerksam gemacht wurde Friedrich Mayr von seinem Religionslehrer und Kaplan von Lorch Dr. Eberhard Marckhgott, später Stadtpfarrer und Dechant von Enns. Dieser schenkte Mayr ein Bild vom Linzer Domschlüssel, einem Hauptwerk von Michael Blümelhuber (1865 – 1936), dem Altmeister der Stahlschnittkunst. Erstaunt und fasziniert von der Möglichkeit, aus einem Stück Stahl ein so großartiges Werk zu schaffen, fasste Mayr den Entschluss, sich als Autodidakt in dieser Technik zu versuchen.

Durch das Reformdekret vom 22. August 1553 hatte König Ferdinand I. die Pfarrrechte von St. Laurenz in die ehemalige Minoritenkirche St. Marien innerhalb der Stadt Enns verlegt. Dieses Jubiläum galt es 1953 zu feiern und Friedrich Mayr war bemüht, den Stahlschnittschlüssel rechtzeitig zur 400-Jahr-Feier fertig zu stellen. Er selbst schrieb damals über sein Werk: »Das Gotteshaus St. Laurenz zu Lorch in seiner einzigartigen geschichtlichen Bedeutung hat mich angeregt, einen Stahlschnitt zu schaffen, der von der Größe dieser Stätte und ihres Patrons künden soll.«

Ausführlich beschreibt Friedrich Mayr dann die Symbolik auf dem Stahlschnittschlüssel:

Diakone hatten in der alten Kirche die Aufgabe der Caritas zu erfüllen. Tausenden Notleidenden hat Laurentius, der Diakon, geholfen. In unerschütterlicher Treue hat er das gute Werk vollbracht, bis er, in der römischen Christenverfolgung um das Jahr 260 zum Feuertode verurteilt, auf glühendem Roste gemartert wurde. Auf dem Roste, dem Schlüsselbart, schlagen die Flammen hoch, es sind Flammen der Liebe, denn im Zeichen des Kreuzes, das von jeher ein Zeichen der Liebe und der Hingabe für andere war, hat er viele Menschen von der Blindheit des Hasses und des Unglaubens geheilt.

Der Diakon Laurentius ging als Märtyrer in die Reihen der Helden und Heiligen unserer Kirche ein. Seinem Namen und Andenken wurde in frühester Zeit das Gotteshaus zu Lorch geweiht. Ehrwürdig und bedeutungsvoll ist die Geschichte dieser Kirche. Nur für einige Bilder, die in Wappenform gezeigt werden, war im Werkstück Raum gegeben.

Das Herzstück alles kirchlichen Lebens war und ist Rom. Laurentius war selber Römer. Deshalb steht an erster Stelle das Wappen eines gebürtigen Römers, das Wappen des Heiligen Vaters Pius XII. Die Taube mit dem Ölzweig, eines der ältesten Symbole der Christen, deutet hin auf den Frieden, der allen Menschen zugesichert ist, die guten Willens sind.

Die St.-Laurenz-Kirche war bis zum Jahre 1553 Stadtpfarrkirche von Enns, das 1212 von den Babenbergern das berühmte Stadtrecht erhielt. Deshalb ist auf der nächsten Seitenfläche das Wappen dieser Stadt zu sehen: Aus dem weiß-roten Band, die Farben sind durch den Unterschied in der Flächenbehandlung angedeutet, steigt der steirische Panther.

Das Wappen auf der gegenüberliegenden Seite erinnert an den im Jahre 1553 regierenden Passauer Bischof Wolfgang I., Grafen von Salm; damals gehörte das Gebiet von Lorch/Enns zur Diözese Passau. Unter seiner Regierung erfolgte auf Wunsch der Ennser Bürger die Übertragung der Pfarrechte von St. Laurenz in die damals leerstehende Minoritenkirche in der Stadt Enns. Das Wappen zeigt zwei Aale, die auf die Herkunft des Bischofs Bezug nehmen, sowie vier Kreuze, die die vier Evangelisten versinnbildlichen.

Die Rückseite trägt das Wappen des Linzer Diözesanbischofs Dr. Josef Calasanz Fließer, der im Jahre 1941 das Gotteshaus zur Kaplaneikirche von Lorch erhob und dadurch den Einzug neuen Lebens in die ehrwürdigen Mauern veranlaßte. Die Heimat des Bischofs ist das Mühlviertel mit dem Leinenwebergewerbe. Deshalb sehen wir im Bilde im Anklang an seinen Namen das Fließen der Mühlviertler Wässer und die bucklige Welt mit drei Leinenblüten.

Der Schlüsselring trägt das Eingangslied (Introitus) der Festmesse zu Ehren des heiligen Laurentius: Confessio et pulchritudo in conspectu ejus sanctitas et magnificentia in sanctificatione ejus (Bekenntnis und Schönheit leuchtet vor seinem Antlitz, Heiligkeit und Hoheit strahlt in seinem Heiligtum). Wahre unvergängliche Schönheit wird erst vor dem Antlitz Gottes offenbar, ebenso die echte Heiligkeit und Hoheit. Gott hat seinen Diener Laurentius verherrlicht. Sein Bekenntnis ist Licht und Kraft. Die Heiligen, die Vollendeten, schauen die Herrlichkeit Gottes von Angesicht zu Angesicht. Uns auf Erden ist es nur gegeben, wie durch einen Spiegel zu schauen. Deshalb ist alles, was wir über Herrlichkeit aussagen können, nur ein Vergleich, ein Bild, ein Symbol.

Das gewaltige und erhabene Zeichen Christi, des Königs der Herrlichkeit, beherrscht den Kreis. Christus ist ja der Mittelpunkt unseres religiösen Denkens, unserer Vorstellung und Überzeugung. Täglich wird an ungezählten Orten des Erdkreises sein Opfer unblutig erneuert. Möge deshalb die Opferschale Symbol seiner und unserer Hingabe an den Vater sein. Die daraus aufsteigende Flamme deutet in gleicher Weise das Licht der göttlichen Wahrheit und die Glut der göttlichen Liebe an.

Mit der Krone des ewigen Lebens wurde der Märtyrer Laurentius gekrönt, sein Leben und Sterben für Christus und seine Kirche hat ja reiche Frucht getragen. So kündet das Evangelium des Festtages: Jo 12,-20-26: »Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein, wenn es aber stirbt, bringt es viele Frucht«. Schließlich finden wir im Ringe, der ja die Vollendung in der Herrlichkeit bedeutet, noch zwei Zeichen, die wir sehr oft in unseren Kirchen sehen: Das Alpha und das Omega. Seitdem Christus das Wort gesprochen hat: »Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende«, hat alles Leben, Leiden und Sterben einen Sinn bekommen. Seine Herrlichkeit bleibt unser letztes und höchstes Ziel.

Der Stahlschnitt-Schlüssel der St.-Laurenz-Basilika zu Enns-Lorch, bereits bei mehreren Ausstellungen gezeigt, war für Friedrich Mayr der Schlüssel zum Erfolg als freischaffender Künstler. Als solcher wurde er in die Berufsvereinigung bildender Künstler aufgenommen. Aufgrund seiner künstlerischen Leistungen wurde Mayr »Wirklicher Professor«, »Oberstudienrat« und »Ehrenbürger der Stadt Enns«

Literatur:
F.X. Lugmayer, Kunst in Stahl geschnitten, 1991
Friedrich Mayr, Broschüre zum 80. Geburtstag, 2009
Gottfried Kneifel, Stadtführer Enns, OÖ. Landesverlag Linz, 1982