unbekannter Gast

Schlucker Philipp#

* 07.05.1748 in Alland
† 09.04.1820 in Wien

Baumeister

Als im 18. Jahrhundert die Kulturflächen in der Umgebung von Wien immer weiter in das Jagdgebiet des Wienerwaldes vordrangen und die Bauern sich immer häufiger über die vorwiegend von Wildschweinen verursachten Flurschäden beschwerten, verfügte Maria Theresia im Jahr 1770, »...dass fürohin niemand, wer er immer sey, einiges Schwarzwild anders, als in verschlossenen, gegen allen Ausbruch wohl verwahrten Thiergärten ...« hegen darf.

Mit Patent vom 4. April 1772 ordnete Maria Theresia dann an, »...dass zur sicheren Hintanhaltung alles Wildschadens (...) ein verschlossener Thiergarten wirklich zu errichten« sei.

Im Jahr 1781 entschloss sich Kaiser Josef II., den bestehenden Holzzaun um den k.k. Tiergarten durch eine Bruchsteinmauer ersetzen zu lassen. Gleichzeitig sollte der Tiergarten (jetzt: Lainzer Tiergarten) vergrößert werden. An der von Josef II. veranlassten Ausschreibung des Mauerbaus beteiligten sich mehrere Bauunternehmer, die sich alle einig waren, dass der Preis pro Klafter (1,895 m) nicht unter 12 Gulden liegen darf. Preisabsprachen in der Baubranche gab es offensichtlich schon damals. Dass Philipp Schlucker, ein unbekannter Maurer aus Alland, alle um ein vielfaches unterbieten würde, damit hatte niemand gerechnet. Schluckers Preisforderung von nur 2 Gulden pro Klafter erstaunte auch den Kaiser, und er befragte den Billigbieter. Dieser begründete sein Anbot damit, dass er für einen längeren Zeitraum für sich und seine Freunde eine feste Arbeit suche. Der Kaiser, vom bescheidenen und ehrlichen Auftreten Schluckers beeindruckt, erteilte ihm den Zuschlag und gab von sich aus noch 30 Kreuzer pro Klafter drauf.

Die enttäuschten Mitbieter prophezeiten Schlucker seinen baldigen Ruin. Mitleidig sprach man vom »armen Schlucker«. Diese Bezeichnung für einen bedauernswerten Menschen ist heute im gesamten deutschen Sprachraum gebräuchlich und wird fälschlich auf den Erbauer der Tiergartenmauer zurückgeführt. Die Redewendung »armer Schlucker« gab es aber schon Jahrhunderte vorher, wie im Grimm´schen Wörterbuch nachzulesen ist.

Die Tiergartenmauer errichtete Philipp Schlucker in den Jahren 1782-1787. Das Baumaterial stammte aus den Steinbrüchen des Tiergartens oder seiner näheren Umgebung. Die Ziegel für die Eindeckung der Mauer wurden zugeführt. Nach Angaben des Erbauers hatte die Mauer eine Länge von 24.225 m, eine Höhe von 2,3 m und eine Stärke von 0,5 m. Der österreichische Dramatiker, Schauspieler und Bühnenautor Johann Nepomuk Nestroy nannte die Mauer einst »ein Junges der chinesischen Mauer«.

Durch den kaiserlichen Auftrag zur Errichtung der Tiergartenmauer war Schlucker aus seiner bisherigen Anonymität herausgetreten. Er wurde beobachtet und man sprach über ihn, er war eine Person öffentlichen Interesses geworden. Mit der Ausführung der Bauarbeiten war Kaiser Josef II. sehr zufrieden und Schlucker wurde auch weiterhin vom Kaiserhaus mit Bauaufträgen bedacht. Von Kaiser Franz II.(I.), dem Neffen des Auftraggebers der Tiergartenmauer, wurde Philipp Schlucker im Jahr 1794 zum k.k. Waldamt-Baumeister ernannt. Dem k.k. Waldamt (Forstverwaltung) mit dem Sitz in Purkersdorf unterstanden 35.000 Hektar Waldungen.

Philipp Schlucker war keineswegs der unintelligente und tollpatschige Maurer aus Alland, als der er in manchen Legenden dargestellt wird, und Schlucker war auch nicht arm. In mehreren Orten des südlichen Wienerwaldes werden Kirchen, Pfarrhöfe, Schul-, Maut- und Forsthäuser Philipp Schlucker zugeordnet. 1802 baute er die von Hafnerberg nach Altenmarkt an der Triesting hinabführende Straße, die wegen ihrer Serpentinen auch »Kleiner Semmering« genannt wird. Gemeinsam mit seinem Schwager J. Nothhaft errichtete er 1807 in seinem Heimatort den Kirchturm neu. Am Abhang des Kaisersteins in Alland baute er für sich ein einstöckiges Gebäude, ein Gasthaus, das er auch selbst bewirtschaftete. Den Baugrund und das Baumaterial hatte ihm Kaiser Josef II. nach Fertigstellung der Tiergartenmauer geschenkt. Das „Bergwirtshaus“, wie es aufgrund seiner Lage genannt wurde, ist 1945 abgebrannt.

Die Marktgemeinde Alland ehrt ihren populären Bürger mit einem Denkmal im Gemeindepark gegenüber der Apotheke. Im 13. Wiener Gemeindebezirk, in dem sich der Lainzer Tiergarten befindet, gibt es eine Schluckergasse.

Literatur:
o Amon Rudolf: Der Lainzer Tiergarten und seine Umgebung, Deutscher Verlag für Jugend und Volk, 1930
o Beetz Wilhelm: Die Hermes-Villa in Lainz, Gerlach & Wiedling, 1929
o Gergely Thomas und Gabriele / Prossinagg Hermann: Vom Saugarten des Kaisers zum Tiergarten der Wiener, Böhlau Verlag Wien-Köln-Weimar, 1993
o Grimm Jacob und Wilhelm: Das Deutsche Wörterbuch
o Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
o Ronninger Karl: Försters Touristenführer in Wiens Umgebungen, Alfred Hölder, k.u.k. Hof- und Universitäts-Buchhändler, 1908
o Weissenbacher Gerhard: In Hietzing gebaut, Verlag Holzhausen, 1996


Sehr interessant....

-- Glaubauf Karl, Sonntag, 13. Mai 2012, 10:02