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Die Kirche am Wartberg bei Sitzendorf an der Schmida(Essay)

Eine beliebte Anekdote rund um die Kirche am Wartberg erzählt vom Kirchenbrand im Jahre 1933. Damals schlug wieder einmal der Blitz ein und das Dachgestühl brannte. Da es zu lange gedauert hätte, Wasser mittels Löschwagen anzukarren, bediente man sich in den nahe gelegenen Kellern und so wurde die brennende Ostseite des Giebels mit Wein gelöscht. Diese Geschichte wurde in der Vergangenheit immer wieder angezweifelt, noch öfter jedoch liebend gerne weitererzählt. Ein Glück, dass seitdem den WartbergerInnen nicht der Ruf vorauseilt, dem Wein näher zu sein, als dem Wasser.

Die Kirche ist aus allen Himmelsrichtungen zu sehen und das, obwohl genau genommen, nicht von einem Berg gesprochen werden kann, vielmehr von einer breiten Granitkuppe, die sich unmittelbar nach der Ortschaft gegen Sitzendorf zu erhebt. Der Ort selbst liegt eingebettet in der Senke am Rande der Geländestufe. Eine schmale asphaltierte Straße, gesäumt von Weinkellern und Preßhäusern führt hinauf zur spätgotischen Kirche, von der augenzwinkernd behauptet werden kann, dass sie nicht im Dorf gelassen wurde. Sie steht im Ausgedinge der Ortschaft.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Hügel einst zu jenen Feuerplätzen zählte, die der Bevölkerung mittels Feuer- oder vielmehr Rauchzeichen zur Abwehr herannahender Feinde, gedient hatte. Noch heute ist es möglich vom Dachgestühl der Kirche am Wartberg zum Turm der Kirche in Hohenwarth am Manhartsberg zu blicken.

1299 kauft Meister Heinrich, Pfarrer in Eggenburg, die öde Kapelle zu Wartberg samt Weide von dem Tursen zu Lichtenfels berichtet die Chronik der Gemeinde Straning - Grafenberg (www.straning-grafenberg.at) Auch von einem Eselsbirnbaum ist hier die Rede, welcher sich an der Südwand der Kirche befand. Hier banden Franziskaner ihre Esel an, wenn sie Gottesdienst hielten. Bäume sind selten in dieser flachen von Feldern und Rebstockreihen geprägten Landschaft und natürlich gibt es den Birnbaum längst nicht mehr.

Wer die spätgotische Kirche am Wartberg erreicht, wird selbige ziemlich sicher versperrt vorfinden, aber es gibt im Ort einen Keykeeper, wie es neurdings heisst. Dieser ist über das Gemeindeamt ausfindig zu machen. Aber es ist nicht die Innenausstattung des Gotteshauses, die einzigartig ist, auch nicht ihre Architektur. Ihre Fassade kommt, abgesehen vom Portal, ohne jedwede Verzierungen aus. Das, was den Reiz dieses Kirchenbaus ausmacht, ist seine isolierte Lage. Nichts macht der Wartbergkirche ihren Auftritt alleinstehend auf diesem breiten Rücken streitig. Der Wind ist es, der uneingeschränkt von diesem alten Gemäuer Besitz ergreift, einmal der Regen, dann der Schnee und sommers lehnt sich flirrende Hitze an das aus Zogelsdorfer Sandstein erbaute Gemäuer.

Gegen Sitzendorf zu wird die Ebene durch ein bläuliches Band Buschwald verbrämt, dazwischen Felder, auf denen im Herbst Sonnenblumen, Kürbisse, Kraut und Kukuruz geerntet werden. Besonders schön ist es, im Frühling vom Wartberg Richtung Sitzendorf zu fahren. Die Kirschbaumallee vor Goggendorf steht dann in voller Blüte, ein alljährlich wiederkehrendes Schauspiel, das sein Stammpublikum hat. Neben dem schwärzlichen Spalier der Baumstämme, parken dann Ausflügler ihre Autos und zücken ihre Kameras. Wochen später schneit es weiße Kirschblüten, wenn der Wind, und das tut er nicht selten, durch die Allee fegt.

Im Nordwesten finden sich die Kogelsteine, Reste einer Granitformation auf einem weitläufigen Areal, das unter Naturschutz steht, ein Trockenrasen, auf dem unter anderem zwei Arten von Küchenschellen, Traubenhyazinthen, Zwerg-Schwertlilien, Silber-Fingerkraut, Gelb-Lauch, Berg-Lauch, Zwerg-Weichsel, Bergfenchel, Blauweiderich und Graukresse gedeihen. Wer sich für Botanik interessiert, der sollte auch das in der Nähe befindliche Biotop Pranhartsberg mit seinen beiden Kreisgrabenanlagen aus dem Neolithikum aufsuchen. Bezeichnenderweise wird dieses auch Oase Pranhartsberg genannt und tatsächlich finden sich im Weinviertel immer weniger Areale mit einem derartigen Artenreichtum, sodass die verbliebenen Flecken Oasen-, bzw. Inselcharakter aufweisen. So auch der breite Geländerücken der Kogelsteine. Die pittoresken Gebilde, die GeologInnen nennen das Wollsackverwitterung, tragen klingende Namen wie zB. Wächter, Herrgottsitz oder Fehhaube(Von Fehde). Letztere war Namensgeber eines in der Gegend wachsenden Weißweines, der sich großer Beliebtheit erfreut, auch wenn aus der Fehhaube (von Fehde..) kurzerhand eine Feenhaube wurde. Das ist nicht verwunderlich. Dieser Landstrich hat seinen eigenen geheimnisvollen Reiz. Vor allem ist es der Standort der granitenen Zeugen der Erdgeschichte. Ähnliche und mag sein, imposantere Geotope sind uns aus dem Waldviertel bekannt, hier aber in dieser weiten, ausgeräumten Landschaft kommen sie anders zur Geltung, sind nicht umstanden von dunklen, schattenreichen Fichtenwäldern, auch nicht von dicken Moospolstern überwachsen, sondern stehen, frei, der Witterung trotzend am Rande der flachen Scheibe des Schmidatals. Jede natürliche Grenze ist fließend, so taucht in manchen Prospekten der Ausdruck Waldweinviertel auf.

Eines Tages stand ich vor dem Portal der Wartbergkirche und da ist mir folgendes aufgefallen. Über dem Tor ist ein Erzengel zu sehen, der einen am Rücken liegenden Teufel zertritt und mit dem Speer bedroht. Es wird der Sieg des Guten über das Böse dargestellt. Ein gängiges Motiv in der sakralen Baukunst. Was diesen Teufel jedoch auszeichnet, ist die Tatsache, dass er über zwei weibliche, ausladende Brüste verfügt. Was will uns das sagen? Genau! Das Böse ist also weiblich! Daran ändert auch die maskulin dargestellte Teufelsfratze nichts. Oder ist es doch ein wenig komplizierter? Dem Phänomen nach war und ist die Kirche bis heute ein Männerbund, ein Männerbund geplagt von ganz speziellen Ängsten. Unfreiwillig komisch wirkt daher dieser in Stein gehauene männliche Komplex.

--haderer robert, Mittwoch, 29. Dezember 2010, 19:01