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Eine der am meisten diskutierten und beachteten kulturvergleichenden Studien stammt von Trompenaars und Hampden-Turner. Auf der Basis empirischer Untersuchungen konnten sieben Kulturdimensionen ermittelt werden. Die Ergebnisse wurden dabei durch langjährige Forschungstätigkeit und Befragung (beginnend in den achtziger Jahren bis Mitte der neunziger Jahre) von rund 46.000 Managern in 50 Ländern erzielt. Zahlreiche Personen wurden dabei im Rahmen eigener interkultureller Trainingsveranstaltungen befragt, weitere Personen wurden aus verschiedenen internationalen Unternehmen berücksichtigt. Dabei wurden insbesondere zwei oder mehrere Statements vorgelegt, bei denen die Befragten das aus ihrer Sicht jeweils zutreffende Statement auszuwählen hatten. Diese Vorgehensweise sollte der Erkenntnis Rechnung tragen, dass sich Kultur gerade in so genannten Dilemmasituationen, denen Individuen ausgesetzt sind, bemerkbar macht.[1] Die erarbeiteten sieben Kulturdimensionen, anhand derer Kulturen differenziert werden können, beeinflussen die interkulturelle Kommunikation nicht zuletzt im Geschäftsleben mitunter erheblich.[2] Die einzelnen Dimensionen lauten:[3] - Universalismus vs. Partikularismus - Neutralität vs. Emotionalität - Individualismus vs. Kollektivismus - Spezifität vs. Diffusheit - Leistung vs. Herkunft - Stellenwert der äußeren Umwelt - Umgang mit der Zeit Die ersten fünf Kulturdimensionen charakterisieren den Umgang mit anderen Menschen, die zwei weiteren den Umgang mit der äußeren Umwelt und der Zeit. Die einzelnen Dimensionen sollen nachfolgend kurz vorgestellt werden. Die Dimension von Universalismus und Partikularismus sagt im Allgemeinen aus, ob eine bestimmte Kultur generelle, also universelle Regeln hat, die für jedes Individuum in diesem Kulturkreis zutreffen, oder ob Regeln und Gesetze situationsbezogen sowie personenbezogen abgewandelt oder außer Kraft gesetzt werden können.[4] Während also in Universalistischen Kulturen Regeln und Gesetze in jedem Fall eingehalten werden müssen, werden in Partikularistischen Kulturen die Gesetze und Regeln nur für bestimmte Gruppen Anwendung finden. Die Dimension von Emotionalität oder Affektivität und Neutralität bezieht sich auf den Unterschied im Grad der in der Öffentlichkeit gezeigten Emotionen. Es geht hier einerseits um extreme Gefühlssituationen und andererseits um alltägliche Gesten und Ausdrücke. Diese Dimension ist für Verhandlungssituationen besonders wichtig, da vor allem durch das Unverständnis gegenüber diesen kulturellen Variationen oft grobe Missverständnisse zwischen Gesprächspartnern entstehen können.[5] Durch die Dimension von Individualismus und Kollektivismus wird aufgezeigt ob in einer Kultur der Mensch als ein unabhängiges Einzelwesen gesehen wird oder eher als Teil einer Gruppe.[6] In dieser Dimension wird man die schwerwiegendsten Unterschiede zwischen den westlichen Kulturen und den asiatischen Kulturen[7] feststellen. Der Individualismus ist eigentlich die typische Ausprägung für die westlichen, marktwirtschaftlich ausgerichteten Industriestaaten. Die Ausnahmen dieser Regel sind Japan und Singapur. Die Dimension Spezifität vs. Diffusheit wird mitunter auch als Betroffenheits- oder Engagement-Dimension bezeichnet. Als solche bringt sie das Ausmaß der Betroffenheit eines Individuums durch ein bestimmte Situation oder Handlung zum Ausdruck. Während in den spezifisch orientierten Kulturen unterschiedliche Lebensbereiche wie Arbeit und Familie eindeutig und strikt voneinander getrennt sind, lassen sich in diffus geprägten Kulturen diese verschiedenen Lebensbereiche eines Individuums nicht voneinander trennen.[8] Diese Dimension geht der Frage nach, ob der Status einer Person durch individuelle Leistung erworben wird oder durch Herkunft bzw. Zugehörigkeit zugeschrieben wird. Ein durch Leistung erworbener Status lässt sich bspw. an der beruflichen Position oder dem Einkommen festmachen. Eine Bewertung des Status nach Herkunft hingegen verweist auf Faktoren wie Geburt, Verwandtschaft, Gruppenzugehörigkeit, Ausbildung, Rasse, Religion, etc.. Eine der Fragen, die Trompenaars zur Untersuchung der Dimension Leistung vs. Herkunft gestellt hat, lautet, ob der Respekt, der einer Person gegenüber zum Ausdruck zu bringen ist, von der Herkunft dieser Person unabhängig sein sollte.[9] Mittels der Dimension Stellenwert der äußeren Umwelt werden kulturspezifisch unterschiedliche Einstellungen hinsichtlich der Wirkkräfte, die das persönliche Schicksal bestimmen, angesprochen. Grundsätzlich kann das eigene Schicksal als von jeder einzelnen Person durch Willen, Überzeugung oder innerer Einstellung beeinflussbar angesehen werden . Trompenaars spricht hier von Innenorientierung. Oder aber das Schicksal wird in gewissem Sinne fatalistisch als von außen gegeben angesehen, also als determiniert von Naturgewalten, Gott, bestehenden Beziehungen oder auch einer gewissen Bestimmung . Trompenaars spricht hier von Außenorientierung.[10] Die Dimension Umgang mit bzw. Stellenwert der Zeit bezieht sich auf die kulturell unterschiedliche Wahrnehmung von Zeit hinsichtlich Tempo, Rhythmus, Pünktlichkeit oder relativer Wichtigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Trompenaars und Hampden-Turner sind dabei zur grundsätzlichen Unterscheidung von sequentiell-orientierten und synchron-orientierten Kulturen gelangt. So sind die sequentiell-orientierten Kulturen als nicht an Traditionen gebundene Gegenwartskulturen zu begreifen, in denen eine genaue zeitliche Abfolge unterscheidbarer Aufgaben und ein effizientes Zeitmanagement wichtig sind. In den synchron-orientierten Kulturen hingegen, die als an der Erhaltung von Traditionen interessierte Vergangenheitskulturen zu charakterisieren sind, ist das gleichzeitige Erledigen mehrerer Aufgaben durchaus denkbar.[11] Kritik an der Studie: Die Studie von Trompenaars und Hampden-Turner wird in der Praxis häufig herangezogen, da sie in einer einfach verständlichen Art und Weise aufgezeigt, dass menschliches Verhalten kulturgeprägt ist. Andererseits wird sie in der Literatur scharf kritisiert. Wie bereits bei anderen interkulturellen Studien wird auch bei Trompenaars die Repräsentativität angezweifelt, da es sich bei den Befragten größtenteils um Teilnehmer an interkulturellen Trainings handelte. So könnten die befragten Teilnehmer, die sich etwa in einer Phase der Vorbereitung auf einen längeren Auslandsaufenthalt befanden, gegenüber dem Thema Interkulturalität besonders aufgeschlossen gewesen sein. Gleichermaßen denkbar wäre es aber auch, dass die befragten Teilnehmer sich durch besonders geringe interkulturelle Kompetenz ausgezeichnet haben, da sie sich für ein Training gerade infolge ihres Nachholbedarfs interessierten.[12] Ein weiterer Kritikpunkt bezieht sich auf die Erstellung der einzelnen Kulturdimensionen, die einer Literaturanalyse entstammen und deren Operationalisierung unklar bleibt.[13] Zum einen muss die Frage nach der Validität gestellt werden, also gefragt werden, ob mit den gewählten Statements tatsächlich das gemessen wird, was auch gemessen werden soll. Zum anderen ist nicht zweifelsfrei geklärt, ob manche Dimensionen nicht in mehrere Subdimensionen zerfallen. Bislang konnte kein Konzept erarbeitet werden, das die kulturelle Komplexität vollständig und endgültig erfasst. Schließlich ist negativ anzumerken, dass die Darstellung der Methodik der Studie viel zu kurz kommt. Eine Darstellung bloßer Ergebnisse kann wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügen. Vielmehr ist eine genaue Schilderung des methodologischen Vorgehens erforderlich, um sich ein fundiertes Urteil über die Aussagekraft einer Studie verschaffen zu können. Trotz aller Kritik ist zu betonen, dass die Studie von Trompenaars und Hampden-Turner gut geeignet ist, die Kulturgeprägtheit alles menschlichen Verhaltens darzustellen. Die Verständlichkeit der Studie wird durch zahlreiche illustrierte Anekdoten und plakative Beispiele unterstützt. Somit bietet die Studie die Möglichkeit einer grundlegenden Orientierung und Sensibilisierung hinsichtlich bestehender kultureller Unterschiede. -------------------------------------------------------------------------------- [1] Vgl. Hampden-Turner/Trompenaars (2002), S. 10ff. [2] Vgl. Rentzsch (1999), S.35. [3] Vgl. Hampden-Turner/Trompenaars (2002), S.11. [4] Vgl. Schugk 2004; S.152f. [5] Vgl. Schugk 2004, S.155f. [6] Vgl. Rentzsch, (1999), S.83. [7] Vgl. Rentzsch, (1999), S.83. [8] Vgl. Schugk, (2004)S.158. [9] Vgl. Schugk (2004), S.166. [10] Vgl. Hampden-Turner/Trompenaars (2002), S.234ff. [11] Vgl. Schugk (2004), S.171. [12] Vgl. Schugk (2004), S.173. [13] Vgl. Schugk (2004), S.173 f. Autor: lana2 2007/07/17