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Fridericus Rex und der Stechschritt in Meerbusch
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Jedermann sind die „Langen Kerls“, jenes „Großes Leibbataillon Grenadier“ Friedrich Wilhem des I ein Begriff. Später, unter Friedrich II waren sie bei Hohenfriedberg durch ihren Wunsch nach Unsterblichkeit auffällig geworden, was den Alten Fritz zu dem bekannten „Hunde, wollt Ihr denn ewig leben!?!“ angeregt hatte. Ihre Rolle in der Medizingeschichte ist hingegen weitgehend unbekannt. Dem König hatten die augenfälligen Bein-Probleme (Arthrose, X-und 0-Stellungen, Streckhemmungen etc) Sorgen bereitet - nun sind Hinweise auf ein orthopädisches Symposium in Sanssouci aufgetaucht, dem neben Friedrich II und seinen Ärzten sogar Voltaire beigewohnt haben soll.

Ergebnis dieser Konferenz war jedenfalls eine Übung, die in Medizin- und Militärgeschichte als „Stechschritt“ eingehen sollte. Dieser wohl seltene historische Hintergrund ist inzwischen vollständig vergessen und im bei Paraden exerzierten Stechschritt wird zumeist nur eine aggressiv-militärische Potenz-Demo gesehen und nicht die seinerzeit begründete, für kranke Soldatenbeine höchst heilsame Trainingseinheit.

Diese historische Behandlung ist nun Ansatzpunkt des renommierten NRW-Chirurgen und Orthopädie-Professors Fritjof S., der dem von ihm kürzlich Knie-operierten Meerbuscher Patienten KHD zur Behandlung seiner Streckhemmung tägliche längere Stechschritt-Märsche verschrieben hat. Nachdem das vorrangige Detail im energischen Aufschlagen der Hacken besteht, was Rasen/Teppiche/Fliesen/Parkett, eventuell auch die Treppen, in hohem Maß strapazieren dürfte, beinhaltet der korrekt ausgeführte Stechschritt somit ein größeres Schadenspotential, wobei die erhoffte Leistungsübernahme durch die Kassen leider noch fraglich erscheint. Musikalisch bedeutet die Therapie selbstverständlich den umfassenden Verzicht auf Errolll Garner oder Mozart u.s.w. bei andererseits anhaltendem Einbringen einschlägiger Märsche wie Badenweiler, Radetzky, Deutschmeister, Preußens Gloria u.s.f. .

Bei der bekannten Selbstdisziplin und außergewöhnlichen Compliance des Patienten bestehen gute Heilungsaussichten, auch wenn natürlich eine Reihe relativ gravierender Nebenwirkungen (Lärm, Bodenerosion etc.) in Kauf zu nehmen sind. Nicht zuletzt ist auch schon im Vorfeld die Toleranz von Ehepartner, Angestellten, Lieferanten und Nachbarn sicher zu stellen. Überaus erwägenswert erscheint jedenfalls das Ausweichen des den Stechschritt praktizierenden Patienten vom Privatgrundstück auf die angrenzende öffentliche Meerbuscher Poststraße oder auf das nahe Rheinufer, was allerdings ein verstärktes Aufkommen neugieriger Nachbarn mit Autogramm- und Interviewwünschen nach sich ziehen würde; durchaus nicht zu verschweigen ist auch die Gefahr eines NPD-Aufmarsches in nicht ganz unverständlicher Fehlinterpretation der Stechschritt-Aktion.

Erwähnenswert erscheint in diesem Kontext auch ein weiteres, diesmal britisches, Orthopädie-Relikt der Militärgeschichte – es ist das auffällige eigenartige Innehalten beim Schreiten der Wachen vor z.B. Buckingham Palace. Dieser Stopp im Bewegungsablauf beinhaltete jeweils die ersehnte schmerzfreie Halbsekunde im Marsch der seinerzeit oft unsäglich unter Gicht leidenden Soldaten. Die Gicht-Problematik kulminierte im ersten afghanisch-britischem Krieg mit dem Verlust Kabuls 1842, einem dramatischen Tiefpunkt der englischen Militärgeschichte. Neben den weittragenden Luntenschloss-Musketen der Paschtunen war hierfür die schwere Gicht des Kommandeurs, Generalmajor William Elphistone, verantwortlich - er war zu keinerlei Bewegung mehr imstande. Übrigens waren die Paschtunen schon damals „die besten Schützen der Welt“ – so zeitgenössische britische Militärexperten.

Verfasser: NFL 20.08.2011