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Die Abenteuerfahrt einer königlichen Kammerfrau#

von Irmgard Neubauer

Helene Kottanner wurde um 1400 in Ödenburg als Tochter einer Ödenburger Bürgerin und eines westungarischen Adeligen geboren. Sie war somit zwar keine gebürtige Wienerin, ich erzähle aber hier trotzdem von ihr, da ihre Geschichte auch einen starken Wien-Bezug hat.

Helene heiratete zuerst den Ödenburger Bürgermeister Peter Székeles, dieser starb um 1430. Danach übersiedelte sie nach Wien und 1432 heiratete sie auf Empfehlung des Wiener Stadtrats und des Wiener Dompropsts und mit Einwilligung ihres Vaters und ihrer nächsten Verwandten sowie mit Erlaubnis des Ödenburger Stadtrates den Johann Kottanner, den Kammerherrn des Dompropstes. Er war 1426 volljährig geworden, und auch wenn man damals erst später als heute volljährig wurde, war er wohl einige Jahre jünger als seine Frau. Der ganze Aufwand zeugt von einer gewissen Bedeutung dieser Heirat und der beiden beteiligten Personen.

Mit Johann Kottanner bekam Helene vermutlich mehrere Kinder, darunter die Tochter Katharina, die sie in ihrer autobiografischen Niederschrift erwähnt, die daher als einzige nachweisbar ist. Das Ehepaar Kottaner zählte zu den Wiener Bürgern, sie besaßen Häuser und Weingärten.

Zu jener Zeit war Albrecht V Herzog von Österreich; er war seit 1422 mit Elisabeth (1437 – 1439), der Tochter des Sigismund, König von Ungarn (1387 – 1437) und deutscher König (ab 1410), verheiratet und wurde daher nach Sigismunds Tod König von Ungarn (1437 – 1439) und deutsch-römischer König (ab 1438). Die Kottannerin befand sich an seinem (habsburgischen) Hof in Diensten, war also zu einer brisanten Zeit an einem Brennpunkt des politischen Geschehens. Sie erzog Elisabeth, Albrechts und Elisabeths jüngere Tochter (die übrigens später Königin von Polen wurde), und sie folgte ihnen, als diese zu Ostern 1439 nach Ungarn zogen. Sie verstand Ungarisch, sprach es aber nicht, fand sich aber trotzdem gut am ungarischen Hof zurecht. Ihr Mann Johann Kottanner und ihre Kinder kamen mit ihr.

Dann setzen die „Denkwürdigkeiten“ in Helene Kottannerins Leben ein

Im Frühling 1439 trifft die Kottannerin mit der kleinen Elisabeth von Wien kommend in Pressburg ein und trifft hier mit Albrecht und der aus Ofen (Budapest) kommenden Königin Elisabeth zusammen. Am 14. Mai sind sie in Ofen, wo sie den Aufstand der Ofener Ungarn gegen die deutschen Patrizier und den Landtag erleben. Am 1. Juli begeben sich Albrecht und die schwangere Elisabeth nach Gran, um die dort aufbewahrte Krone des Königs (die Stephanskrone), der Königin und die Krönungsinsignien (Schwert, Apfel,Szepter, Alba, Humerale, Schuhe, Handschuhe, Legatenstab) in Sicherheit zu bringen. Am selben Tag trifft die Kottannerin mit der kleinen Elisabeth in der Plintenburg ein, die 42 km nördlich von Ofen an der Donau liegt und der Königin gehörte.

Wegen drohender Kriegsgefahr begab sich Albrecht zu seinen Kriegern nach Südungarn und ließ die Kronen und Krönungsinsignien zur Sicherheit in die Plintenburg bringen. Helene Kottanner war dabei, als dieser Reichsschatz in die Schatzkammer gebracht wurde.

Im Oktober erkrankt Albrecht an der Ruhr und stirbt innerhalb weniger Tage. In der Zeit seiner Erkrankung reist die schwangere Elisabeth im Land umher; vermutlich versuchte sie angesichts des bevorstehenden Todes ihres Mannes, sich die Unterstützung ihrer eigenen (Luxemburgischen) Verwandtschaft zu sichern.

Zurück auf der Plintenburg verwahrt Königin Elisabeth Kronen und Insignien in ihrem Zimmer (denn wer sie besaß, konnte den zukünftigen König krönen), wo wenig später ein Feuer ausbrach. Die Insignien blieben unversehrt – was später in einen göttlichen Eingriff zugunsten des ungeborenen Ladislaus umgedeutet wurde.

Königin Elisabeth, nunmehr Witwe Albrechts II, wird von den ungarischen Landesherrn bedrängt: sie soll mit 31 Jahren und schwanger von ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann, mit dem 16jährigen (und somit fast 19 Jahre jüngeren) polnischen König Wladislaus verheiratet werden. Sie täuscht zunächst ihr Einverständnis vor, um Zeit zu gewinnen, da sie auf die Geburt eines Sohnes hofft. Ein Sohn würde ihr Unabhängigkeit von den ungarischen Adligen geben, die sie nach Polen verheiraten wollen, um sie loszuwerden und die Königskrone unter sich auszumachen.

Die 31jährige Königin und ihre etwas ältere Kammerfrau Helene Kottannerin agieren in dieser Situation als zwei Verbündete, die jede ihnen zur Verfügung stehende List anwenden, um sich dagegen zu wehren. Für ihre Königin holt Helene Kottanner „ihrer gnedigen frawn kran und all Jr klainat“ aus der Plintenburg (heute Visegrád in Ungarn), bringt sie zunächst in den Palast am Fuße des Burgbergs und dann nach Komorn.

In der Nacht vom 21. zum 22. Februar 1440 führt die Kottannerin mit Hilfe eines ungarischen Adligen und seines Dieners diesen Auftrag aus, bringt die Königskrone sofort, noch am 22. Februar, auf einem Schlitten über die gefrorene Donau zur Königin, die eine Stunde nach dem Eintreffen der Königskrone – eine gute Woche zu früh - ihr Kind zur Welt bringt. Es ist tatsächlich ein Sohn, Ladislaus, genannt Ladislaus Postumus, „der nach dem Tod des Vaters Geborene“. Die Kottannerin steht ihr bei der Geburt tatkräftig bei.

12 Wochen später wird Ladislaus Postumus wird in Stuhlweißenburg, der damaligen gesetzmäßigen Krönungsstadt, vom Graner Erzbischof mit der Stephanskrone zum König von Ungarn gekrönt: Vom 12. bis 14. Mai reisen Elisabeth und Helene nach Stuhlweißenburg zur Krönung des kleinen Ladislaus. Am 15. Mai, dem Krönungstag, kleidet Helene Kottanerin ihn ein, trägt ihn in die Krönungskirche, hält ihn während der Schwertleite, der Salbung und hält ihn während der Krönung im Arm.

In ihrer Schilderung in den „Denkwürdigkeiten“ betont sie das Schicksalhafte des Geschehens: die plötzliche Krankheit des Burgvogts, das Ausfallen des ursprünglich vorgesehenen Helfers und die Auswahl des neuen Helfers, und schließlich die erstaunlichen Ereignisse des 20. und 21. Februar – Wachen und Burgvogt hören das Schlagen und Feilen des Einbruchs nicht, riechen nicht, wie das Futteral der Krone verbrannt wird -, und auch die nachfolgenden Ereignisse deutet sie auf das Unausweichliche der Krönung Ladislaus´ zum König – kein Wunder, ist die Denkschrift doch an ihn gerichtet.

Weiter schildert sie das Freudenfest auf der nächtlichen Donau zu Ehren des kleinen Ladislaus, seiner Taufe am 22. Februar, die Verständigung der Lände und Städte von der Geburt des Thronfolgers, die Auseinandersetzung mit der sogenannten „polnischen Partei“ der ungarischen Landesherrn, die noch immer lieber den 16jährigen Polenkönig Wladislaus III zum König von Ungarn wählen und ihn mit Elisabeth verheiraten wollen. Die Königin berät sich nicht nur mit dem bedeutendsten der ihr treuen Adligen, sondern auch mit der Kottannerin. Zusammen verfolgen Elisabeth und Helene die Gefangennahme dreier Adliger, die zur polnischen Partei gehören, sie beraten, ob die Krone zurück auf die Plintenburg gebrachten werden soll, und die Kottannerin näht die Krönungsgewänder für den kleinen Ladislaus.

Ein einziges Mal lügt sie nachweislich, nämlich als sie behauptet, nicht nur die Stephanskrone, sondern auch Reichsapfel, Szepter und Legatenstab wären bei der Krönung verwendet worden, was nicht der Fall war – aber für die Legitimität der Krönung erforderlich war.

Königin Elisabeth starb nur 2 Jahre später, mit 33 Jahren.

Am 17. März 1452 schenkt Johann von Hunyad, Gubernator von Ungarn, dem Johann Kottanner und seiner Frau Helene für ihre dem König Ladislaus V (1452 – 1457) erwiesenen Dienste den zur Pressburger Burg gehörenden königlichen Besitz Kisfalud auf der Schüttinsel. Allerdings wurde diese Schenkung von König Matthias von Ungarn 1466 bzw. 1470 nicht bestätigt, das Ehepaar konnte sich des Besitzes also nicht lange erfreuen.

Es heißt, zur Belohnung für ihre Dienste habe die Kottanerin das „Haus zur Goldenen Schlange" in der Wiener Innenstadt (Kurrentgasse 2/Ecke Steindlgasse) erhalten. Dem widerspricht allerdings eine Grundbucheintragung von 1451, derzufolge ihr das Haus als Ersatz für eine uneinbringliche Geldforderung gerichtlich zugesprochen wurde.

Um 1450 verfasste Helene Kottannerin ihre Erinnerungen an diese Zeit - an ihre Abenteuerfahrt als königliche Kammerfrau - unter dem Titel "Die Denkwürdigkeiten der Helene Kottannerin".

Diese Schrift gilt übrigens als die ältesten Frauenmemoiren in deutscher Sprache und weist Helene Kottannerin als kluge, tatkräftige und schlagfertige Frau aus.

© Irmgard Neubauer


Literatur:
Die Denkwürdigkeiten der Helene Kottanerin (1439 – 1440) , Hg. Karl Mollay, Österreichischer Bundesverlag, Wien 1971

Übernommen von dolasilla 2008/08/07