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Mein erster Student aus Tonga #

von H. Maurer, aus dem Buch "XPERTEN- Anfang 0 "

Mit Februar 93 ging ich temporär an die Universität Auckland. Gleich zu Beginn kam die Bewerbung eines Studenten aus Tonga (einer pazifischen Inselgruppe drei Flugstunden im NO von Auckland) auf meinen Tisch. Die Unterlagen waren so überzeugend, dass ich den Bewerber zu einem Interview nach Auckland einlud.

Dieses Interview verlief ungewöhnlich. Ich saß an meinem Tisch, als Ala’ufoa hereinkam. Ohne aufgefordert zu werden, setzte er sich sofort auf den Sessel mir gegenüber, murmelte ein paar unverständliche Worte und rutschte dann immer tiefer vom Sessel herunter, bis er regelrecht halb liegend auf der anderen Seite des Tisches lümmelte! Ich begann trotzdem mit den üblichen Höflichkeiten und schaute ihn freundlich an; er aber wich meinen Blicken aus, seine Augen schweiften hin und her, als hätte er ein schlechtes Gewissen oder als wäre er zumindest übertrieben verlegen. Sein rüpelhaftes Benehmen änderte sich während unseres ganzen Gespräches nicht, obwohl er sich sonst als erstaunlich höflich, belesen und fachlich einwandfrei erwies.

Nach diesem ersten Gespräch war ich recht verunsichert. Ich erwähnte das seltsame Benehmen von Ala'ufoa meiner Kollegin Sabine Fenton (Sprachwissenschaftlerin) gegenüber. Sie amüsierte sich königlich und erklärte mir den Vorfall (danke, Sabine!):

Auf vielen südpazifischen Inseln hat man bei einem Gespräch mit einer höher stehenden Person eine solche Position einzunehmen, dass die Augen dieser Person wirklich über den eigenen Augen liegen. Darum sitzen Könige auf einem Thron, weil sich sonst die "Untertanen" zu tief bücken müssten. Auch bei uns gibt es ja sprachlich viele Überreste dieses Verhaltens, etwa in den Worten "höher stehend", "Untertan", usw.; in der Praxis verhalten wir uns aber inzwischen zwiespältig: der Verdächtige, z.B., steht, während der Polizist ein Protokoll aufnimmt. Nachdem ich am Tisch saß, blieb Ala'ufoa nach den Regeln der (polynesischen) Höflichkeit gar nichts anderes übrig, als sich auch sofort zu setzen; und da er größer war als ich, musste er seinen Kopf tiefer hinunterkriegen als meinen: das tat er, indem er halb vom Sessel nach vorne hinunterrutschte; er blieb während der ganzen Zeit in dieser unbequemen Position, um deutlich zum Ausdruck zu bringen, dass er mich als die höher gestellte Persönlichkeit betrachtete. Meinen Augen wich er aus, weil in fast ganz Polynesien das "In-die-Augen-Schauen" als ausgesprochen aggressive Handlung gilt - so etwa wie bei einer Schlange, die, ihr Opfer fixierend, dieses nicht mehr aus den Augen lässt, was ja auch Teil einer aggressiven Handlung ist! Und ich konnte noch von Glück reden, dass ich Ala’ufoa nicht aufmunternd auf die Schultern klopfte: seine Reaktion wäre dann vermutlich sehr heftig gewesen. Alle Körperteile oberhalb des Oberarms (Schultern, Nacken, Hals, Kopf) gelten als "tabu" und dürfen von einer fremden Person genauso wenig berührt werden, wie das bei uns in Europa etwa für den Bereich zwischen den Beinen gilt!

Ich hatte das Verhalten von Ala’ufoa also völlig falsch interpretiert: es war zu einem schweren Kommunikationsmissverständnis gekommen!

Wie schwer es ist, sogar Menschen aus dem eigenen Kulturkreis zu verstehen, hat Judith Marimann ja schon im Beitrag 5.1: "Ich verstehe Deutsch nicht" erklärt. Und sie hat mich in diesem Zusammenhang auch auf das Buch von Paul Watzlawick, "Wie wirklich ist die Wirklichkeit?" (Serie Piper, Band 174, München 1981) hingewiesen, das viele klassische Beispiele enthält, die belegen, wie schwerwiegende Probleme durch das Missverstehen der Aktionen anderer Menschen entstehen können. (Danke für den Hinweis, Judith!)

Ein solches, besonders amüsantes/typisches Beispiel aus dem zitierten Buch fasse ich hier zur Ergänzung kurz zusammen.

Nach dem zweiten Weltkrieg waren viele amerikanische Soldaten in England stationiert. Bei Treffen dieser Soldaten mit englischen Mädchen gab es immer wieder eigentümliche Probleme, die beide Seiten nie verstanden. Eine Analyse des "Anbahnungsverhaltens" erklärt aber deutlich, was geschah. Sowohl Amerikaner als auch Engländer haben etwa 25 "Stufen" bei dem Aufbau einer Liebesbeziehung. Die Stufen sind ähnlich und enthalten Verhaltensweisen wie: zu einem Kaffee einladen, gemeinsam zum Mittagessen gehen, einen Film zusammen ansehen, zum Abendessen ausführen, Geschenke überreichen, Kuss auf die Wange, Händchenhalten, Kuss auf den Mund, den Partner Freunden vorstellen, eine Nacht gemeinsam verbringen, usw.

Allerdings ist die Reihenfolge der erwarteten Verhaltensweisen sehr verschieden. Z.B. rangiert Küssen bei den Amerikanern an Stelle 5 (d.h. gilt als "ganz harmlos" und fällt in die Anfangsphase einer Beziehungsanbahnung), während Küssen bei den Engländern erst an 18. Stelle rangiert (d.h. in der Schlussphase einer Beziehungsanbahnung, knapp bevor es zu weitergehenden Intimitäten kommt).

Damit ergab sich immer wieder die folgende groteske Situation: ein Amerikaner, der oberflächlich und erst relativ kurz mit einer Engländerin flirtet, küsst diese. Für die Engländerin - die noch viele potentielle weitere Anbahnungsstufen erwartet - ist dies ein Schock: sie empfindet den Amerikaner als überaus aggressiv und forsch. Wie immer sie nun (nach ihrer Wertskala) reagiert, ist falsch: zieht sie sich zurück, weil sie die "Aggressivität" des Amerikaners ablehnt, ist dieser über die "Kälte" und "Unnahbarkeit" der Engländerin verwundert; beschließt sie aber, den Kuss "zu akzeptieren" und ist nun mehr oder minder bereit, alles mitzumachen, ist der Amerikaner über die "draufgängerische" ja "schamlose" Art der Engländerin zutiefst überrascht ...

Die Moral aus der Geschichte: wir müssen immer damit rechnen, missverstanden zu werden und etwas falsch zu verstehen. Wir sollten daher nie voreilig handeln, sondern uns, wo immer es geht, vergewissern, ob es auch wirklich "so gemeint war, wie es bei uns ankam".

Jemand hat einmal gesagt: "The biggest barrier between the US and Great Britain is their common language". Ich möchte das fast noch verallgemeinern: eine gemeinsame Sprache ist oft nicht eine Hilfe, sondern ein Hindernis!!

Was ich damit meine, ist dieses: Wenn ich mit einem Österreicher oder einer Österreicherin rede, dann gehe ich (weil wir dieselbe Sprache verwenden) davon aus, dass ich verstehe, was die andere Person meint und umgekehrt; aber dies ist ein oft schwerwiegender Irrtum: verschiedene Herkunft, Ausbildung, Alter, usw. können leicht zu Fehlinterpretationen führen. Unterhalte ich mich hingegen mit jemandem aus z.B. Finnland auf Englisch, ist uns beiden bewusst, dass wir nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen dürfen (wir beide beherrschen Englisch nicht perfekt!) und werden daher im Zweifelsfall klärende Fragen stellen!