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Wann ist ein Unfall ein Verbrechen?#

Hermann Maurer

Wann ist ein Unfall ein Verbrechen?

Anmerkung: Der Aufsatz "Wann ist ein Unfall ein Verbrechen" wurde von mir schon vor über 20 Jahren geschrieben und damals von meinem Freund Magister Peter Lechner kommentiert. Ich erlaube mir (Peter, ich hoffe Du protestierst nicht) den Kommentar anzuhängen.

Wann ist ein Unfall ein Verbrechen?

Die gegenwärtige Straßenverkehrsordnung fordert von Autofahrern, ihr Fahrverhalten so einzurichten, dass sie bei Gefahr jederzeit in der Lage sind, das Fahrzeug rechtzeitig anzuhalten. Sind sie dazu nicht in der Lage, und wird dadurch z.B. ein Mensch verletzt oder getötet, so wird der Autofahrer als Verbrecher behandelt. Diese und ähnliche Gesetzesbestimmungen sind dazu geeignet, jeden Autofahrer, "der Pech hat", als Verbrecher abzustempeln, auch wenn der Fahrer aus objektiver Sicht unschuldig ist. Es werden nämlich zwei wesentliche Aspekte übersehen. Erstens gibt es Situationen, die auch bei größter Konzentration und vorsichtigster Fahrweise zu gefährlichen Unfällen führen können, ohne dass man dabei von einer menschlichen Schuld sprechen kann: der aus dem Wald über die Straße springende Hirsch, die (durch z.B. Absacken) plötzlich fehlende Fahrbahndecke sind klassische Beispiele dafür. Auch bei sofortiger und optimaler Reaktion kann dann ein Unfall erfolgen, für den man sinnvoller Weise nicht einem Menschen die Schuld gibt, sondern dem Zufall, dem Schicksal ... ähnlich wie man das tut, wenn ein Bergwanderer von einem Stein erschlagen wird. Der zweite Aspekt ist heikler und wird noch häufiger übersehen: kein Mensch ist eine perfekte Maschine. Jeder Mensch hat biologisch bedingt Momente geringerer Konzentration, in denen er auf auftretende Gefahren nicht optimal reagieren kann. Werden solche Momente des "menschlichen Versagens" so behandelt, als wäre eine Person schuldhaft geworden, so übersieht man dabei das Faktum, dass wir als Menschen alle, immer und dauernd, Konzentrationsschwächen haben und diese als elementare menschliche Eigenschaft nicht bestrafen oder kriminalisieren dürfen.

Natürlich muss der grob fahrlässige Autofahrer, Pilot, Chirurg, Architekt, Informatiker (oder was auch immer) zur Verantwortung gezogen werden. Ein Mensch, der aber auf Grund einer momentanen Natur gegebenen Unkonzentriertheit einen Fehler begeht, wird dadurch nicht schuldig, und dies muss auch in den Gesetzen zum Ausdruck kommen.

Nehmen wir bitte zur Kenntnis, dass das "Leben eben lebensgefährlich" ist, dass kein Autofahrer, Pilot oder Chirurg immer und jederzeit optimal reagieren kann (sonst wäre er eine Maschine und nicht ein Mensch) und dass daher gewisse Fehlleistungen und daraus resultierende Unfälle als entschuldbar, erklärbar und Natur gegeben wie Steinschlag, Blitze, Erdbeben oder Lawinen angesehen und behandelt werden müssen!

Kommentar von Mag. P. Lechner:

Nicht jeder Verkehrsunfall stempelt einen Menschen zum Verbrecher! Für Nichtjuristen in vereinfachter Form: Das Einstehenmüssen eines Autofahrers für die Folgen eines Unfalls setzt zwei Elemente voraus:

1. Unsächlichkeit (Kausalität): Ist durch seine Handlung der Unfall ausgelöst worden?
2. Schuld (culpa): Ist dem Autofahrer die Handlung (Unterlassung) vorzuwerfen?

Grade beim Autofahren kann ein Unfall passieren, für den der Lenker nichts kann (z.B. nicht erkennbares Glatteis). Dann muss er zwar für den materiell abzugeltenden Schaden aufkommen (Schmerzensgeld, Reparaturkosten usw.). Weil dieser Schaden .durch die besondere Betriebsgefahr. sehr hoch sein kann und oft den Schädiger wirtschaftlich überfordern würde, hat der Gesetzgeber hier eine Versicherungspflicht eingeführt (Kfz-Haftpflichtversicherung).

Strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wird der Lenker aber nur, wenn er schuldhaft = vorwerfbar gehandelt hat. Die strafgerichtliche Verurteilung macht einen Menschen erst zum "Verbrecher".

Also sind die meisten Lenker, die in einen Unfall verwickelt werden, nicht gleich Verbrecher. Zum Glück.


Hochinteressant, der Mensch darf eben nicht durch den Gesetzgeber als perfekt funktionierender Roboter gesehen werden. Die in der menschlichen Natur gelegenen Schwachstellen werden noch immer im Imagebereich zu leicht kriminalisiert.

Der Straßenverkehr ist zumindest jetzt noch kein perfekt ablaufendes Computer-Programm. Da aber selbst die NASA eine beträchtliche Fehlerquote hat, sollten Unfälle -wie aus dem Beitrag ja klar hervorgeht- als betriebsimmanentes,potentielles Risiko gesehen werden. Dazu kommt noch, dass jemand der viel und weit in Regionen mit großer Verkehrsdichte fährt, selbstverständlich ein schon fast exponentiell steigendes Risiko hat.

--Glaubauf Karl, Dienstag, 31. August 2010, 20:00