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Dieses ist natürlich kein Plädoyer für die Abschaffung der Demokratie. Es ist nur ein Plädoyer für das Abreißen des Parlamentsgebäudes an der Wiener Ringstraße und Ersatz durch ein modernes Bürogebäude, wo die Abgeordneten ihrer Arbeit in einer zeitgemäßen Arbeitsumgebung nachgehen können.

Im Zusammenhang mit der notwendigen Generalsanierung des bestehenden Parlamentsgebäudes, die, wenn sie umfassend gemacht werden soll, 350 Mio € kosten wird (dazu komme ich noch), muss man sich doch Alternativen überlegen. Eine davon ist der – bisher noch nicht einmal im Traum angedachte – Neubau eines Gebäudes. Dafür gibt es sehr gute Gründe:

Das bestehende Gebäude ist von allen Ringstraßenbauten das kurioseste und unpraktischte. Hässlich ist es auch, darin übertroffen nur vom Rathaus.

Wie fast alle Ringstraßenbauten hat es seit seinem Bestand ungelöste Heizungs- und Lüftungsprobleme, die die General“sanierung“ ohnehin fast zu einem Neubau mit alter Fassade geraten lassen würden. Daher auch die astronomischen Sanierungskosten.

Wesentlich mehr (Arbeits-)Platz wird auch ein noch so „general“ saniertes Gebäude nicht bieten können. Nur ein Neubau kann das bieten, was ein modernes Bürogebäude braucht: Platz, Kommunikation und Sicherheit. Ein Neubau wäre mit Sicherheit nicht teurer. Es geht doch um Arbeitsräume für höchstens 300 bis 400 Personen. Am besten noch weniger: Der Nationalrat gehört sowieso auf max. 100 Abgeordnete verkleinert, der Bundesrat ersatzlos gestrichen. Und wo steht geschrieben, dass die p. t. Abgeordneten nicht – fraktionsweise – in Großraumbüros arbeiten können. Andere Leute, die auch schwere Arbeit leisten, können das ja auch.

Emotionale Aspekte werden rationale Argumente – für Österreich selbstverständlich – wegwischen. Wie kann man nur ein so wichtiges altehrwürdiges Gebäude einfach barbarisch niederreißen? Das führt zu der Frage, wie geht eine Stadt mit ihren historischen Gebäuden um? Sollen die „für immer“ stehenbleiben? Wird dann eine Stadt nicht ein Museum, ein „Ruineum“? Was ist wirklich erhaltenswert? Ist eine Gebäude, das etwas über 100 Jahre alt ist schon „historisch“?

Niemand wird verlangen, den Stephansdom, das Pantheon oder den Dogenpalast durch ein Parkhochhaus zu ersetzen. Aber eine Entwicklung und damit Erneuerung einer Stadt muss auch baulich stattfinden können; wie sonst definiert und dokumentiert sie sich? Architektur ist immer auch ein Zeitzeugnis, und ein moderner Parlamentsbau am Ring würde so bezeugen, dass unsere Demokratie im Jetzt angekommen ist – und der Sitz ihrer gesetzgebenden Körperschaft nicht von S. k.u.K. Majestät allergnädigst genehmigt wurde.

Man kann das Gebäude aber auch durchaus erhalten, als Museum gleichsam, und nur das Notwendigste tun, um den Verfall zu verhindern, wenn man schon das Ensemble der - am Anfang verspotteten und erst durch das Größerwerden der neu gepflanzten Bäume erträglichen – Ringstraßenbauten erhalten will. (Das Geld dafür könnte man erlösen, wenn man den Amerikanern das Rathaus verkauft, damit sie es in Disneyland aufstellen.)

In diesem Fall sollte man das neue Parlamentsgebäude in Wien/Aspern bauen. Dort ist Platz, dort ist der Baugrund – vergleichsweise – günstig und dorthin gibt es jetzt eine perfekte U-Bahnverbindung. Die Abgeordneten hätten halt ihren Arbeitsplatz halt nicht mehr im 1. Bezirk, was bei anderen Leuten ja auch der Fall ist. Die derzeit in dutzenden unpraktischen Gebäuden zersplittert untergebrachten Ministerien könnten auch dorthin ziehen. So ein neues Regierungsviertel schüfe in der Innenstadt wertvollen Platz und böte den Ministerien viel bessere räumliche Gegebenheiten.

Und alles wäre billiger als eine ungeheuer teure Sanierung des alten Parlamentsgebäudes. 350 Mio € - und dabei bleibt es ja bestimmt nicht. Am Beispiel Skylink und Stadthallebad wird ja grad aktuell sichtbar, wie Bauen und Sanieren in Österreich funktionieren.


Hervorragende Idee, der schwer erträgliche architektonische Historismus der Ringstraße könnte dadurch gemildert werden und eine städtebauliche Chance ersten Ranges genützt werden..

-- Glaubauf Karl, Donnerstag, 26. Januar 2012, 10:08


Es ist nicht nur der "schwer erträgliche Historismus" (an den man sich ja mittlerweile einigermaßen gewohnt hat), sondern die Art, wie die Architektur jede Zweckbestimmung demontrativ mißachtet hat.

Gut, Oper und Burgtheater sind nach damaligen Stand der Theatertechnik geplant (viel anders kann man innen ein großes Logentheater wohl nicht bauen). Aber die beiden Museen, die Universiät und ganz besonders der Justizpalast bestehen innen aus gefühlten 90 % Stiegenaufgängen und Korridoren. Da stand beim Entwurf nicht irgendein Verwendungszweck im Vordergrund. Es sind Kulissenbauten.

-- Lechner Peter, Donnerstag, 26. Januar 2012, 12:26


Sehe ich genauso, innen wird etwa durch manieriert ausgeführte Stiegengänge ganz arg im Heeresgeschichtliche viel Platz verschenkt, bei den Mussen achtete man viel zu sehr darauf, die Umgebung einzelner Ausstellungsobjekte prunkvoll zu gestalten, die Oper stiess schon seinerzeit,etwa wegen des fehlenden Aufganges auf massive Kritik, insgesamt gesehen hatte man damals keine eigenen architektonischen Ideen, glaubte aber in der Reichsgründungszeit repräsentativ bauen zu müssen, etwa das Rathaus im neugotischen Stil, um Wiens Charakter als deutscher Stadt zu betonen, allerdings ist gotisch ein französischer Baustil.

Ihr Vorschlag hat alle Argumente für sich, das "Elend des Historismus" (Buchtitel) könnte gemildert werden, die Republik könnte sich im neuen Parlament darstellen etc.; wirklich eine super-Idee, vielleicht bringen Sie das in Wiener Zeitung unter, wünsche ich Ihnen sehr, unser Chef hat da Möglichkeiten....

-- Glaubauf Karl, Donnerstag, 26. Januar 2012, 12:54


Jawoll! Es ist schon so weit. Jüngst hat die neue Präsidentin des Nationalrats die Kosten der Sanierung mit 400 000 000 € veranschlagt. Und auch dabei wird es nicht bleiben ...

-- Lechner Peter, Dienstag, 28. Oktober 2014, 21:21