unbekannter Gast

Frage:

Bitte mehr über den gescheiterten Putsch in Österreich nach dem zweiten Weltkrieg. Haben den die Russen hier unterstützt? Mein Geschichtsbild ist ganz wenig Schulunterricht, eine schweigende Familie und dann der Bockerer (Das Theaterstück war zum Weinen. Mein Freund ist vor der Pause hinausgegangen).
Loreley

Antworten:

Durch googeln habe ich inzwischen die meiner Meinung nach neutralsten und informativsten Hyperlinks gefunden: https://de.wikipedia.org/wiki/Kommunistische_Partei_Österreichs ("Oktoberstreik 1950") und https://de.wikipedia.org/wiki/Oktoberstreiks_1950 PS: mit der schweigenden Familie bist du nicht allein, auch meine Eltern, Tanten und Onkeln sind bei Themen wie dieses auffallend still.
trazenje

Eine gute Übersicht über den Ablauf der Geschehnisse ab 1943 bietet die Website, die im Vorjahr anlässlich des 50. Jubiläums des Staatsvertrags begleitend zur diesbezüglichen Ausstellung auf der Schallaburg veröffentlicht wurde: Hier wird auch angemerkt, dass der Putsch im Jahre 1950 vielfach fälschlich als solcher bezeichnet wird. Vielmehr hätte es sich um zwei Streikwellen gehandelt, als Protest gegen einen Lohnabschluss mit dem die KPÖ nicht einverstanden war.

"Der vielfach zu Unrecht als Putsch bezeichnete Aufruhr kann die Regierung jedoch nicht zu einem Einlenken bewegen. Der befürchtete Einsatz sowjetischer Panzer bleibt aus. Lediglich in Wiener Neustadt greifen sowjetische Besatzungstruppen ein. Das Politbüro weist den sowjetischen Hochkommissar in Wien an, in Zukunft Entlassungen von Kommunisten zu verhindern." http://www.oesterreichistfrei.at/geschichte2.htm

Für den Inhalt der Website verantwortlich zeichnet das Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung, Graz-Wien-Klagenfurt.
glisc Anmerkungen meinerseits + Erinnerungen, welche zeigen sollen, dass eine Aufarbeitung und neutrale Darstellung der damaligen Ereignisse noch immer sehr schwierig ist: Es ist diesbezüglich (Oktoberstreik 1950) auch vieles "ergogglebar", wie ich gestern spätabends bis heute frühmorgens feststellen konnte. Auf jeden Fall ist interessant, wer aller für sich in Anspruch nimmt, den Generalstreik initiiert und organisiert zu haben. Die Bandbreite reicht von KPÖ bis hin zur VdU (Vorläufer der (inzwischen früheren) FPÖ). Es ist anscheinend auch noch nicht so wirklich klar, ob es ein Putschversuch a la Strickmuster Prag zwei Jahre davor oder eben doch nur ein Generalstreik war. Die einen behaupten eines, andere andres. Die einen Historiker sagen, es ist ohnehin klar (welche Meinung auch immer), für andere Historiker ist es ganz sich noch nicht entschieden. Sehr kontrovers ist auch die allgemeine Meinung über die Rolle von Franz Olah. Ich kann mich noch gut an die vielen "Viva Olah"-Parolen an den Hauswänden, Laternenmasten usw. in meiner Jugendzeit erinnern (Ende der 60er). Und ich erinnere mich auch an die zornigen Gesichter meiner Eltern, wenn sie den Namen irgendwo zu lesen bekamen. Dies wundert mich nicht so sehr deshalb, weil deren politische Einstellung im Bereich zwischen monarchistisch bis teifschwarz ist (nur als Feststellung, nicht als Vorwurf gemeint), sondern weil sein Einsatz (wenn auch als "Roter") uns alle vor einer "Tiefroten" Periode mit allen inzwischen bekannten Schrecken in Ostösterreich bewahrt haben dürfte. Anfragen meinerseits führten damals (ich war noch Volksschüler) regelmäßig zu Wutorgien, aber nicht zu einer Antwort bis auf ein einziges Mal, wo mir gesagt wurde, dass dieses ... mit einem Putsch Diktator werden wollte. - Und ich erinnere mich auch noch sehr gut an die nachfolgende sehr lautstarke Auseinandersetzung mit Verwandten, welche bei uns auf Besuch waren. Einige von ihnen habe ich damals zum letzten Mal im Leben gesehen. Sie kamen nie mehr wieder und wir wurden auch nie wieder eingeladen. trazenje Ich danke allen Schreibern, die mir mit ihren Antworten sehr weitergeholfen haben. Ich wußte davon wirklich gar nichts, nicht einmal das Jahr. Das ist in meiner Schulzeit in OÖ völlig unter den Tisch gekehrt wurden. Der Name Olah ist mir natürlich geläufig, und daß er in irgendeinen Politskandal verwickelt war. Aber über diese Zeit und seine Rolle wußte ich gar nichts. Wir können alle dankbar sein, daß uns die Russen nicht behalten haben. Von einer Diktatur in die andere ist keine Verbesserung. Loreley Ein ganz "normaler" Streik war das im Jahr 1950 nicht. Sonst hätte nicht die Gewerkschaft dagegen opponiert. Der "Politskandal", in den Olah verwickelt war, war viel später und hat damit nichts zu tun: Olah subventionierte 1959 mit Gewerksachftsgeldern die Gründung der "Neuen Kronen Zeitung", wofür er 10 Jahre später verurteilt wurde. Dazwischen war er Minister, subventionierte die FPÖ, wurde aus der SPÖ ausgeschlossen, gründete eine eigene Partei. Im Unterschied zum aktuellen BAWAG Skandal lauter politisch motivierte Aktionen, und nicht für die eigene Tasche. Er gilt heute als rehabilitiert. Raimund Hofbauer Noch als Hinweis für an Zeitgeschichte Interessierte: Im Online Archiv der Arbeiterzeitung sind sämtliche Ausgaben (und daher Artikel) von 1945 - 1989 abrufbar. Die Nutzung ist kostenlos. Natürlich subjektiv, aus der Sicht der damaligen Zeit, aber eine sehr interessante Zeit- und Zeitungsgeschichtliche Dokumentation. http://www.arbeiter-zeitung.at/ glisc Ja. Di sowjetische Besatzungsmacht hat diesen Putsch aktiv unterstützt. Das ergaben auch Dokumente, die nach dem Sturz der Sowjetmacht im hauptquartier des KGB aufgefunden wurden. Die Sowjets waren völlig überrascht, daß ausgerechnet die Gewerkschaftler (unter Olah) maßgebend an der Niederschlagung des Putsches beteiligt waren. Denn aus sowjetischer Sicht ist die Gewerkschaft ein integrierter Bestandteil der kommunistischen Bewegung. Die Arbeiterzeitung würde ich hierzu nicht als relevant werten, da sie bekanntlich das Parteiorgan der SPÖ war, bei der Olah immer als Feindbild galt.
Mitras

Selbstverständlich ist es bekannt, dass die "Arbeiterzeitung" eine Parteizeitung war. Daher auch meine Hinweise "subjektiv"und "aus Sicht der damaligen Zeit". Jedoch handelt es sich um eine zeitgeschichtliche Dokumentation, wobei es dem Leser obliegt, Informationen aus (möglichst vielen) unterschiedlichen Quellen zusammenzuführen und zu gewichten bzw. zu bewerten. Nur so war der Hinweis jedenfalls gedacht.
glisc

ad Mitras:
Wenn es wirklich so ist, dass die Sowjetische Besatzungsmacht den "Putsch" unterstützt hat, dann bitte um Konkretisierung (samt Quellenangaben). Die Aussage deckt sich nämlich nicht mit den mir (und vermutlich auch anderen Community-Mitgliedern) bekannten Publikationen. Den beiden letzten Absätzen von Mitras stimme ich voll zun.
Raimund Hofbauer