© Kratner
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Über „Wallstreet“ (2007): Dr. Erwin Fiala (Kultur- und Medienphilosophie, Karl-Franzens-Universität, Graz) Die Installation „Wallstreet“ von Walter Kratner, bei der eine Börsenseite aus der Financial Times durch den Luftdruck eines Föns sprichwörtlich „im religiösen Rahmen“ der 5. Kreuzwegstation gehalten wird, versinnbildlicht die mitunter absurd anmutende Situation. Nicht nur dass wir tatsächlich weitgehend von diesen seltsamen Zahlennotationen der Aktienkurse de facto abhängig sind, Kratner persifliert auch die theologische Dimension des heutigen Turbo-Kapitalismus. Etwas ketzerisch erlaube ich mir zu sagen, dass hier christliche Theologie und die Logik des Kapitalismus nicht einfach vergleichend miteinander in Verbindung gebracht sind sondern dass hier Kapitalmechanismen und Theologie in eins gesetzt sind. Dass würde etwa der These des Soziologen Max Weber entsprechen, der die Entwicklung des Kapitalismus aus der Logik der protestantischen Ethik ableitet. Scheinbar strikte Gegensätze erweisen sich als das Gleiche – mit dem erstaunlichen Effekt, dass sie uneindeutig werden: Der Kapitalismus ist religiös und die Religion ist kapitalistisch, die Ikonen des Kapitals sind mittlerweile selbst Religion, kurz gesagt: Die Verhältnisse sind auch hier „unübersichtlich“, scheinbar verkehrt, indifferent, chaotisch, es ist keine Orientierung möglich. Umgekehrt heißt dies: Wir brauchen Differenzen, denn nur diese ermöglichen uns Muster und Ordnungsstrukturen, mit und in denen wir leben können.