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"Es gilt, einen Bundesstaat zu schaffen"#

Neapel. Die kleine Insel Ventotene vor der italienischen Küste blickt auf eine lange Geschichte als Haft- und Verbannungsort zurück und gilt als eine der Geburtsstätten der europäischen Idee. Ein symbolträchtiger Ort also, an dem gestern die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, Frankreichs Präsident François Hollande und Italiens Premier Matteo Renzi zusammenkamen, um einen Kranz niederzulegen. Denn hier verfasste der kommunistische Journalist Altiero Spinelli das "Ventotene-Manifest", in dem er die Vision eines geeinten Europas entwarf.

Bereits die römischen Kaiser verbannten in der Antike missliebige Familienmitglieder auf die Vulkaninsel bei Neapel. Die Bourbonen errichteten dann 1797 auf einem Felsen ein Gefängnis für mehr als 600 Häftlinge. Im Zweiten Weltkrieg nutzte das faschistische Regime das Gefängnis zur Inhaftierung politischer Gegner, darunter der kommunistische Aktivist und Journalist Altiero Spinelli. Er war 1927 wegen seiner Kritik an Benito Mussolini zu 16 Jahren Haft verurteilt worden und wurde 1941 auf die Insel gebracht.

Im Gefängnis verfasste er mit seinem Mithäftling Ernesto Rossi im Geheimen das Manifest, das zu einer der Gründungsschriften der Europäischen Union wurde. Geschrieben auf Zigarettenpapier und in einer Blechdose mit doppeltem Boden versteckt, wurde das Manifest für ein "freies und vereintes Europa" von der deutschen Anti-Faschistin Ursula Hirschmann an Land geschmuggelt und unter den Mitgliedern der italienischen Widerstandsbewegung verbreitet.

Spinellis Idee war die Schaffung einer Föderation europäischer Staaten, um Kriege auf dem Kontinent zu verhindern.

"Es gilt, einen Bundesstaat zu schaffen, der auf festen Füßen steht und anstelle nationaler Heere über eine europäische Streitmacht verfügt. Es gilt, endgültig mit den wirtschaftlichen Autarkien, die das Rückgrat der totalitären Regime bilden, aufzuräumen. Es braucht eine ausreichende Anzahl an Organen und Mitteln, um in den einzelnen Bundesstaaten die Beschlüsse, die zur Aufrechterhaltung der allgemeinen Ordnung dienen, durchzuführen. Gleichzeitig soll den Staaten jene Autonomie belassen werden, die eine plastische Gliederung und die Entwicklung eines politischen Lebens, gemäß den besonderen Eigenschaften der verschiedenen Völker, gestattet", so Spinelli in seinem Manifest.

Dabei machte er aus seinen sozialistischen Überzeugungen kein Hehl. Das vereinigte Europa war für ihn zugleich Voraussetzung für die Befreiung der Arbeiterklasse und die Überwindung des Kapitalismus: "Die europäische Revolution muss sozialistisch sein, um unseren Bedürfnissen gerecht zu werden; sie muss sich für die Emanzipation der Arbeiterklasse und die Schaffung menschlicherer Lebensbedingungen einsetzen", so Spinelli.

Er gründete 1943 das Movimento Federalista Europeo, einen Verein, der eine neue politische Verfassung für Europa propagierte. Zugleich nahm er Kontakt mit ausländischen Organisationen, etwa der Schweizer "Europa-Union" und französischen Widerstandskämpfern, auf, die sich ebenfalls für eine europäische Integration einsetzten. Auf seinen persönlichen Wunsch hin wurde Spinelli später auf Ventotene begraben, heute ein beliebtes Ziel für Touristen und Taucher.

Aus: Wiener Zeitung, 23. August 2016 S. 3