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Ammen#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Amme in mährischer Tracht
Iglauer Amme in ihrer mährischen Tracht. Um 1905–1910. Handkoloriertes Glasdiapositiv von Emil Mayer
© Chr. Brandstätter Verlag

Ammen waren Frauen, die sich nach der Geburt eines Kindes verdingten, um ein anderes Kind an ihrer Brust zu stillen. Das eigene wurde dann in Kost zu einer Pflegemutter gegeben, oft unter elenden Bedingungen. Hin und wieder nannte man auch Kindermädchen Ammen, die aber, zum Unterschied von den Säugammen, Trockenammen genannt wurden. Welche Eigenschaften von einer guten Säugamme erwartet wurden, darüber gab Ersch und Grubers Allgemeine Encyklopädie zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit wohlmeinenden Ratschlägen Auskunft:

»Sie muß nicht gar zu jung, aber auch nicht leicht über dreißig Jahre alt sein; sie muß mäßig große, nicht schlaffe, hängende Brüste haben; sehr große Brüste haben selten gute oder viel Milch. Die Brustwarzen müssen gehörig weit hervorragen und in Hinsicht der Dicke zu der Größe des Mundes passen. Ein weitmundiges Kind kann eine sehr dünne Warze nicht fassen und festhalten. Die Amme muß überhaupt gesund und blühend sein. Als ein Zeichen der Gesundheit, werden gewöhnlich gute Zähne gerühmt. Doch leidet dies Ausnahmen, Schwindsüchtige haben oft die schönsten Zähne, die sich freilich dem Kennerauge durch eine milchbläuliche Farbe und einen gewissen Grad von Durchsichtigkeit auszeichnen. Vorzüglich richte man sein Augenmerk auf Hautkrankheiten.

Amme in mährischer Tracht
Hannakische Kinderfrau. Um 1905–1910. Photographie aus der Postkartenserie Wiener Straßenleben
© Chr. Brandstätter Verlag

Der leiseste Verdacht irgendeines Ausschlages, oder gar eines venerischen Übels, entferne die Amme. Die Amme muß sanfter Gemütsart, doch nicht zu furchtsam und schreckhaft, und nicht mannsüchtig oder gar ausschweifend und liederlich sein. Sie muß nicht lecker, nicht unmäßig im Essen und Trinken, oder gar gefräßig und nicht hitzigen Getränken ergeben sein. Sie muß sowohl auf eigene, als auf des Kindes Reinlichkeit halten. Sie darf keinen zu festen, aber auch keinen unruhigen Schlaf haben und muß überhaupt ohne große Beschwerde öfteres Wecken und anhaltendes Wachen ertragen können. Sie darf nicht menstruiert sein, denn eine säugende Frau oder Amme, die ihre Regeln bekommt, ist entweder wieder schwanger geworden oder hat zu große Neigung, es zu werden, oder ist sonst ungesund. Es ist gewöhnlich ein Mißgriff, wenn eine verheiratete Frau zur Amme gewählt wird, denn abgesehen von der Immoralität, die es oft verrät, wenn eine Frau ihr rechtmäßiges Kind und ihren Hausstand ohne die größte Not verläßt, um einige Taler zu gewinnen, so ist sie der ehelichen Umarmung meist zu sehr gewohnt und die Sehnsucht danach treibt die Menstruation hervor oder schadet sonst ihrer und des Säuglings Gesundheit. Was die Diät der Amme betrifft, so ist auch dabei manches zu beobachten.

Im ganzen lasse man sie bei einer gewöhnlichen Lebensart. Die Bauerndirne verlangt derbere Kost und stärkere Leibesbewegung, als das Stadtmädchen. Soll eine solche Dirne in vornehmen Häusern auf einmal nur Weizenbrot, feine Gemüse, kräftige und gewürzte Fleischspeisen genießen, so verschwindet oft bei der für andere noch so nahrhaften Speise die Milch zusehens, oder nimmt eine undingliche Beschaffenheit an. Man vermeide vorerst nur blähende Kohl-, Rüben- und Hülsenfruchtarten, und merke übrigens auf, wie dem Kind die Milch bekomme. Nach und nach mag es sich auch an blähende Speisen gewöhnen, man gebe der Amme nur Gelegenheit, sie gehörig auszuarbeiten, welches bei Gefangenhaltung im Zimmer, bei gänzlich abgeschnittener Übung der Körperkräfte nicht geschehen kann. Ist es möglich, so wähle man eine Amme, die einige Ähnlichkeit mit der Mutter des Kindes in Hinsicht auf Konstitution, Temperament, nur nicht ihre Fehler oder Krankheiten, hat. Wenigstens suche man eine solche, die ungefähr zur gleichen Zeit mit der Mutter, wenigstens nicht mehr als zwei oder drei Monate früher als sie, geboren hat.«

Quellen#

  • Verschwundene Arbeit, R. Palla, Christian Brandstätter Verlag, 2010

... mit freundlicher Genehmigung des Christian Brandstätter Verlags.