Braustadt Weitra - Austria-Forum : Heimatlexikon

An der Quelle des Bieres #

Weitra: Der Nachtwächter erzählt #


Heimatlexikon - Unser Österreich


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Nachtwächter
Der Nachtwächter von Weitra in der frühgotischen Zisterne.
© Eva Wrazdil

Im Brauhotel am Rathausplatz werden der Humpen gehoben und ein Hoch ausgebracht: auf Hademar II. Kuenring. Er hat zwischen 1201 und 1208 Weitra als planmäßige Burgstadt gegründet, nachdem er dieses Gebiet 1177 für seine Unterstützung im Kampf gegen den Böhmenherzog Sobieslaw II. erhalten und vorerst im nahen Alt-Weitra in einer ehedem versumpften Niederung seine Verwaltung eingerichtet hatte. Sie fand mit dem Entstehen von Stadt und Burg oben auf dem felsigen Berg ihren neuen Sitz. So berichtet es die Landeschronik von Niederösterreich (Karl Gutkas, 1990), die sich auf historische Quellen stützt.

Ganz anders erzählt das Deckengemälde im Rathaus von Weitra die Gründung der Stadt. Ein gewisser Veit Ursini sei 638 aus dem Süden über die Donau gekommen und habe hier eine Schlacht gegen die Heiden geschlagen. Mit Veitrach (der „Rache des Veit“ als Herkunft des Namens Weitra) wurden die Feinde christianisiert. Seine fünf Söhne habe er mit der Rose belehnt: in Tschechien Krumau, Neuhaus, Tabor und Gratzen sowie in Österreich Weitra.

Bierspezialität
Bierspezialität im Brauhotel: ein „Gestacheltes“.
© Eva Wrazdil

Jenseits der Staatsgrenze gibt es eine dritte Version zu den Anfängen von Weitra. Im Norden des heutigen Österreich habe der slawische Fürst Vitorad oder Vitoraz gelebt. Seine Herrschaft soll von der heutigen Grenze zu Tschechien im Norden bis zur Donau im Süden gereicht haben. Nach seinem Tod sei das Reich zerfallen und soll von deutschsprachigen Ansiedlern besetzt worden sein.

Historiker beider Seiten stimmen mittlerweile überein, dass es sich dabei um einen Mythos handelt, der im 19. Jahrhundert im Zuge der unseligen Nationalisierungswelle Mitteleuropas aufgekommen ist.

Anlass war eine Eintragung in den Annalen eines Klosters in Fulda aus 857. Sie berichtet von der Eroberung der Burg des Wiztrach, die von den Urhebern des Mythos an der Stelle von Alt-Weitra vermutet wurde. Aus Wiztrach entwickelten sich Vitorad und Weitra sowie in der Folge – nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie – der Landstrich Vitorazsko. Er umfasst die Region der so genannten 14 Gemeinden (siehe Gmünd, S.138), die nicht zuletzt aufgrund dieser Sage von der Tschechoslowakischen Republik gefordert und mit dem Vertrag von St. Germain-en-Laye (10. September 1919) an diese abgetreten wurden.

Sudkessel
Sudkessel in der Brauerei des Brauhotels.
© Eva Wrazdil

Nachdem der Eiserne Vorhang gefallen ist, wird wieder miteinander geredet. Wachtürme und Stacheldraht sind spurlos verschwunden. Aber noch immer sind beiderseitig gewaltige Bemühungen notwendig, um die „Grenze im Kopf“ zu überwinden. In diesem Sinn lädt die Ausstellung „Schauplatz Eiserner Vorhang“ im Schloss Weitra zu einer „Reise entlang der ehemaligen Bruchlinie Europas“ ein.

Aus dem anfänglich munteren Biergelage wird also mit einem Schlag besinnliches Aufarbeiten der Geschichte. Heiterkeit stellt sich erst wieder ein, wenn der Nachtwächter zur Gesellschaft stößt. Mit weitem Mantel, Kniebundhose und einem Schlapphut, bewaffnet mit Laterne und Hellebarde, ist er zur nächtlichen Führung durch die Stadt bereit. Zuvor wird noch ein Hoch ausgebracht: auf Friedrich III. den Schönen, Herzog von Österreich, später deutscher König.

„amtliche Bierverkostung“
Nachtwächter und Braumeister bei der „amtlichen Bierverkostung“.
© Eva Wrazdil

Nach dem Niedergang der Kuenringer war Weitra landesfürstlich geworden. Die Stadt hatte jedoch nichts von ihrer Bedeutung als Grenzfeste eingebüßt. Der Nachtwächter Egon Haumer weiß zu berichten: „Deswegen hat es bereits früh das Stadtrecht gegeben, 1321. Es war mit Privilegien verbunden, mit dem Zoll- und Mautrecht, und“ – verschmitzt lächelnd hebt er das Glas mit Gerstensaft – „dem Recht der Bürger, ihr eigenes Bier brauen zu dürfen.“ Innerhalb der Bannmeile (7,58 km) durfte kein anderes Bier als solches aus Weitra ausgeschenkt werden. Im 16. Jahrhundert gab es die erste Brauzunft in Niederösterreich, und bis in die jüngste Vergangenheit legten Brauer ihre Gesellenprüfung in Weitra ab, erzählt der Nachtwächter: „Das Recht selber wurde nicht an Personen vergeben, sondern an die Häuser gebunden, radiziert, verwurzelt.“ Nahezu jedes Haus trägt die Tafel „Braugerechtigkeit seit 1572“.

Sgraffitohaus am Hauptplatz
Szene aus den Lebensaltern auf dem Sgraffitohaus am Hauptplatz.
© Eva Wrazdil

Im Brauhotel in der ältesten Braustadt Österreichs hat man auf dieses Recht zurückgegriffen und im Keller eine Brauerei eingerichtet. Zuschauer sind ausdrücklich erwünscht, wenn Braumeister Johann Führer Malzschrot in Wasser einmaischt oder den Sud von der Pfanne in den Läuterbottich und wieder zurück in die Sudpfanne füllt, um dort den Hopfen zuzugeben. Wenn die Würze ordentlich gekocht ist, kommt sie in den Gärtank und wird mit Hefe versetzt. Man kann sich davon überzeugen, dass außer Hopfen, Wasser, Malz und der Zuchthefe sonst nichts dazugegeben wird. Zur gebotenen Reinheit gesellt sich die Güte des Getränks, die, je nach Gusto, mit einem „Gestachelten“ gesteigert werden kann. In das Glas wird ein erhitzter Eisenstachel getaucht, das Bier schäumt auf, verliert überschüssige Kohlensäure und wird um eine Spur süßer als zuvor.

Nach einem Hoch auf den kundigen Braumeister mahnt der Nachtwächter zum Aufbruch: „Liebe Leute, lasst euch sagen, was sich hier einst zuge- tragen, jeder Stein seine Geschichte hat, auf dem gebaut worden ist unsere Stadt.“

Balkendecke aus 1500
Ein architektonischer Schatz von Weitra: Balkendecke aus 1500 im Auhof.
© Eva Wrazdil

Nach wenigen Schritten wird bereits Halt gemacht, vor dem Haus Rathausplatz 4. Sgraffitomalerei aus 1580 schmückt dessen Fassade. Im Obergeschoss wird der Mann in zehn Lebensjahrzehnten jeweils mit einem Tier verglichen: mit einem Ziegenbock der junge, mit einem Kater vor dem Ofen der alte. Dem Neunzigjährigen werden Esel und Affe zugesellt und dem Hundertjährigen der Tod und die Gans mit einem wenig trostvollen Spruch, der da lautet: „Lieber Freund, füge dich willig drein, jetzt wirst gerupft.“ „Ich bin mir sicher, dass der Künstler ein unverheirateter Mann war, sonst wären die drei letzten Bilder leer“, macht sich der Nachtwächter seinen eigenen Reim auf dieses eigenwillige Curriculum vitae.

Schlosstheater
Erstaunlich prächtig gestaltet: das Schlosstheater von Weitra.
© Eva Wrazdil

Hinter dem Rathaus in der Mitte des Platzes, der in zwei Etagen von wunderschönen historischen Fassaden gerahmt ist, öffnet der Nachtwächter die kleine Tür zur Zisterne. Im Mittelalter wurde dieses Wasserreservoir für die Stadt angelegt. Gespeist wird das frühgotische Gewölbe durch drei „Quellen“: vom Regenwasser, das von oben hereinsickert, vom Grundwasser, das sich trotz felsiger Höhe einstellt, und vom Überlauf eines Brunnens im Gasthaus schräg oberhalb der Zisterne. Die Wirtin wundert sich längst nicht mehr, wenn Scharen von Besuchern im Keller verschwinden, um sich bei der Wasserversorgung ihres Lokals umzusehen.

Zurück im oberirdischen Weitra, geht es nun zum Auhof zwischen Rathaus- und Kirchenplatz. Der seinerzeitige Sitz der herrschaftlichen Wirtschaftsverwaltung hütet einen der größten Schätze der Stadt. Um 1500 wurde ein Tonnengewölbe mittels einer Balkendecke verkleidet. In 19 Trame sind Blüten, Blätter und Sternmuster in Kreisformen geschnitzt. Der Nachtwächter meint, dass der Künstler ein begeisterter Weintrinker gewesen sein müsse, da sich so viele Weinsymbole fänden. „Und in dem Vogel, der an Weintrauben pickt, hat sich der Meister selbst verewigt, nimmt man an.“ Die dunkle Farbe, abgesehen von einigen Brandspuren, erhielt das Holz durch die Behandlung mit warmem Stier- und Ochsenblut, das mit Galle vermischt wurde. Wohlig beheizt wird der Raum durch einen Kachelofen, damit es Brautpaaren, die im spätgotischen Ambiente standesamtlich heiraten, beim Jawort nicht fröstelt.

Weitra
Weitra, die Stadt am Fuß des Schlossberges.
© Eva Wrazdil

Während die Gesellschaft dem Schein der Laterne durch die Stadt folgt, ist hinreichend Zeit für Plaudereien vorhanden. Seit dem Jahre 2000 gibt es in Weitra wieder drei Nachtwächter, allerdings nur zur Betreuung von Besuchern. Der letzte „echte“ Nachtwächter hatte den Dienst vor dem Ersten Weltkrieg quittiert, und dennoch wurde die Tradition persönlich weitergegeben. Egon Haumer erinnert sich: „Wir sind beisammengestanden und haben die Route besprochen. Eine Frau hat zugehört und geschmunzelt. Ihr Großvater war der letzte Nachtwächter von Weitra gewesen.“

Von einem Aussichtsplatz auf der Stadtmauer überblickt man die nächtliche Vorstadt beziehungsweise die Reihe der Straßenlaternen. Dort wurden früher all jene Gewerbe angesiedelt, die man wegen des Gestanks und des Wasserverbrauchs nicht in der Stadt herinnen litt, wie den Färber, den Gerber und den Lederer. Trotz der Finsternis sieht man dahinter die Lainsitz und den Verlauf der Böhmstraße, eines alten Handelsweges, der, vom Süden kommend, durch Weitra über den Böhmberg zur nächsten Station nach Gratzen führte.

Vorstadt von Weitra
Die Vorstadt außerhalb der Stadtmauern.
© Eva Wrazdil

Die Nachtwächterrunde dreht sich über den Hofgraben und die Schlossgasse ihrem Ende zu. Das Schloss selbst, ein Musterbeispiel der Renaissance, ist um diese Stunde freilich versperrt, wenn nicht gerade eine Vorstellung stattfindet. Sommer für Sommer treffen namhafte Schauspieler in Weitra ein, um lustvoll das kleine Schlosstheater zu bespielen. 1885 wurde es nach Plänen von Helmer und Fellner, den Architekten der Grazer Oper und des Wiener Volkstheaters, erbaut und ausgestaltet.

Für das Besichtigungsprogramm des nächsten Tages gibt es vom Nachtwächter noch Anregungen: Bürgerspital und Spitalskirche mit frühgotischem Chor und gotischer Wandmalerei im Inneren, die Bleikristallschleiferei Ruß, die Zwirnknopffabrikation oder das Museum Alte Textilfabrik als Andenken an die großen Zeiten von Teppich-, Möbelstoff- und Dekorweberei im Waldviertel. Im Schloss selbst ist es das Braumuseum, das Egon Haumer zum Hoch auf seine werten Gäste inspiriert: „Liebe Leute, lasst euch sagen, den Nachwächter tut der Durst jetzt plagen. Nehmt das Bier und füllt den Krug und trinkt ihn aus in einem Zug!"



Text und Bilder mit freundlicher Genehmigung des Stocker Verlags aus dem schönen Buch:

Hannes Gans, Eva Wrazdil: Geheimnisvolles Waldviertel. Magisches, Besonderes, Kurioses und Unbekanntes. Leopold Stocker Verlag, Graz 2007.


--> Bestellung des Buches (Leopold Stocker Verlag)


« Diese Seite wurde am Mittwoch, 11. April 2012, 13:47 von Ziegler Katharina erstellt, zuletzt geändert am Donnerstag, 14. Juni 2012, 13:41 von Ziegler Katharina (Version 3).
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