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Erntedankfeste#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Ein Projekt von ServusTV in Zusammenarbeit mit dem Austria-Forum

Erntedankfeste waren schon in der Antike üblich. Einige der bedeutendsten jüdischen Feste, wie das Laubhüttenfest (Sukkot) und das Wochenfest (Schawuot) sind Erntedankfeste. Die heute allgemein bekannten kirchlichen Feiern sind weit jüngeren Ursprungs. Sie wurden in den 30er- Jahren des 20. Jahrhunderts als christliche Überhöhung profaner Arbeitsbräuche eingeführt.

Sichtbares Zeichen ist die Erntekrone, eine Bügelkrone mit vier oder sechs Bögen, die auf einem Reifen sitzen und meist in einem Kreuz münden. Das meterhohe Metallgestell ist mit Getreide verschiedener Arten umwunden, das Kreuz an der Spitze aus vergoldeten Nüssen, Mohnkapseln oder etwas ähnlichem gefertigt. Aus einem schlichten Zeichen, dem Kranz der Gutshof- und Saisonarbeiter, die damit die Fertigstellung der Arbeit und ihrer Forderung nach dem entsprechenden Fest Ausdruck verliehen, wurde ein katholisches Standessymbol der Bauern. Innovatoren waren geistliche Volksbildner wie Josef Weigert in Deutschland oder Leopold Teufelsbauer (1886-1946) in Österreich. Teufelsbauer widmete 1933 dem Erntedankfest eine Kleinschrift des von Pius Parsch (1884-1954) geleiteten Volksliturgischen Apostolats in Klosterneuburg. Er schlug vor, das neue Fest am Quatembersonntag Mitte September, in Weinbaugemeinden an einem Sonntag im Oktober, zu begehen. Das Heft gibt ein Modell bis ins Detail, von der Einladung über Lieder und Texte, Herstellung der Erntekrone und Anregungen für das anschließende Dorffest. Das Erntedankfest entsprach dem Zeitgeist. Nicht nur die Katholiken, auch die politischen Machthaber erkannten den Wert des demonstrativen Zeichens. Die Bestrebungen gipfelten in dem seit 1933 organisierten Erntedanktag des deutschen Volks am Bückeberg bei Hameln (Deutschland).

Üblicherweise orientiert sich das Programm der Erntedankfeste nach wie vor am Teufelsbauer-Modell: Festgottesdienst, Segnung der Erntegaben, Frühschoppen, Agape, Umzug mit der Erntekrone und rustikal geschmückten Wagen, Tanz und Unterhaltung. Gerne werden in das Festgeschehen Kinder einbezogen, die Körbe mit Früchten zum Altar bringen, und die Erntegaben sozialen Zwecken zugeführt. Jugendgruppen finden Alternativen, indem z.B. die Arbeiterjugend verschiedene Berufsgruppen Kronen aus typischen Materialien (Metall, Baustoffe ...) herstellen lässt. Die Weinbauern feiern ihre Ernte unter dem Zeichen der Hauerkrone (z.B. in Neustift am Walde, Wien 19 oder Pötzleinsdorf, Wien 18). In den Wiener Außenbezirken - z.B. Leopoldauer Erntedankfest mit Andacht, großem Festzug, Weinkost und Blasmusik - finden mehrere Erntedankfeste in traditioneller Weise statt. Der Bauernbund organisiert ein Event auf dem Heldenplatz, das an zwei Tagen über 200.000 Besucher zählt.

Quellen#

Helga Maria Wolf: Österreichische Feste und Bräuche im Jahreskreis. St. Pölten 2003

Redaktion: hmw