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Die Eselsbacher Stachelschützen#

Bei einem "Tiefschuß" läßt der "Zieler" die Hose runter...

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Ein Projekt von ServusTV in Zusammenarbeit mit dem Austria-Forum

Zieler
Der "Zieler" ist wie ein Clown gekleidet.
Foto: Hilde und Willi Senft
Zieler
Der "Zieler" zeigt einen "Tiefschuß" an.
Foto: Hilde und Willi Senft
Stachelschützen-Gesellschaft
Die Eselsbacher Stachelschützen-Gesellschaft kann bis auf das Jahr 1782 zurückblicken.
Foto: Hilde und Willi Senft
Faschingsscheibe
Faschingsscheibe
Foto: Hilde und Willi Senft

Zunächst sind wir dem Leser einige Erläuterungen schuldig: Eselsbach ist ein Ortsteil von Bad Aussee. Der „Stachel" ist in diesem Fall nicht jener „im Fleisch", sondern der Bolzen einer Armbrust, der nach seiner Stahlspitze seit alten Zeiten in den Alpenländern so genannt wird. Der Treffer ins Schwarze wird als „Tiefschuß" bezeichnet, und der „Zieler" ist jene Person, welche die Treffer anzeigt. Daß er bei einem Volltreffer vor Freude tatsächlich für einen kurzen Augenblick die Hose runterläßt, mag ein Hinweis auf den beachtlichen Humor der Ausseer sein. Bei dieser Gelegenheit sei auch verraten, daß dies nur bei besonders bedeutenden Wettbewerben vorkommt, sonst müßte der Zieler ja ständig die Hose unten haben, denn die Ausseer sind sehr gute Schützen...

Es handelt sich somit um einen Verein - sie selbst nennen sich eine „Gesellschaft" -, der das Schießen mit der Armbrust sowie die Tradition pflegt. Die Armbrust war im Mittelaller eine bedeutende Schußwaffe. Die „Eselsbacher Schützen-Gesellschaft" in der heutigen Form besteht seit 1782. Sie ist aber nur Nachfahre viel älterer Vereinigungen von Ausseer Schützen, denn schon aus dem Jahre 1585 ist schriftlich verbürgt, daß die damaligen „Ausseer Pirschbüchsen- und Stachelschützen" ihre Kollegen aus Eisenerz und Vordernberg (die Salz-Bergleute luden folglich die Erz-Bergleute ein) auf den 8. September zu einem „Freigesellenschießen" baten. Die Distanz betrug 250 Grazer Ellen, die Scheibe hatte einen Durchmesser von zwei Ellen (1 Elle = rund 60 cm). Geschossen wurde mit „freischwebendem Arm", und das "Hauptbest" (Best = Preis) betrug 30 Gulden.

Hochzeitsschießen
Erinnerung an ein "Hochzeitsschießen".
Foto: Hilde und Willi Senft

Die Armbrust, die von den wackeren Salinenleuten im Jahre 1585 verwendet wurde, war eine echte Jagd- und Kriegswaffe mit absolut tödlicher Wirkung, ein Holzschaft mit Stahlbügel und Sehne. Zum Spannen diente eine hebelartige Vorrichtung. (Bei den großen Armbrüsten, die auch auf Räder montiert waren, konnte das Spannen nur durch eine Handwinde bewerkstelligt werden.) Der Bolzen (Pfeil) wird in die Bolzenrinne gelegt, und die durch den „Drücker" freigelassene Sehne schnellt das Geschoß ins Ziel. Die Bolzen der schweren mittelalterlichen Armbrüste konnten noch auf 150 Meter Distanz eine Ritterrüstung durchschlagen. - Der legendäre „Wilhelm Teil-Schuß" erfolgte übrigens ebenfalls mittels einer Armbrust.

Zur Zeit der Gegenreformation wurde den Schützenvereinen nur mehr die Verwendung leichter Armbrüste gestattet, die sich gut zum Austragen von Wettbewerben eigneten. Und so wiegt die Armbrust der heutigen Eselsbacher Schützen nur acht Kilogramm. Der Bogen wird aus Polyester gefertigt (in alten Zeiten aus Eibenholz, später aus Stahl), die Sehne aber noch immer aus Flachsfasern gedreht. Die derzeitige Wettbewerbsdistanz beträgt vierzehn Meter.

Das Schützenhaus der Eselsbacher kann nur über verwinkelte Wege (Hinweistafeln sind allerdings vorhanden) erreicht werden; es wurde ja schließlich nicht zur Schaustellung für den Massentourismus errichtet. Klein, aber fein, war es früher ein typisches Ausseer Salinenarbeiterhaus. Blicken wir uns bei der Schießstätte um, vermuten wir nicht, in Bad Aussee zu sein, denn ein großer Hügelzug, der von der Trisselwand überragt wird, versperrt den Blick auf den Markt - nein, auf die „Stadt", die Bad Aussee seit 1994 ist.

Schießen
Während des Narzissenfestes gbt es auch für Nicht-Ausseer
Foto: Hilde und Willi Senft

Im Erdgeschoß befindet sich der Schießstand; die Bolzen werden über eine Mini-Seilbahn mit einem Transportwägelchen zu den Schützen zurückgebracht. Eine Ausseer Spezialität ist die Trefferanzeige, die durch einen als Clown kostümierten „Zieler" erfolgt. Diese Kleidung dürfte ihr Vorbild in den bunten Uniformen der Franzosenkriege gefunden haben - sie macht den Mann aber auch gut sichtbar.

Bei einem Volltreffer ins Schwarze, einem sogenannten „Tiefschuß", wirft er seinen Hut auf die Scheibe, schlägt bei besonders festlichen Anlässen sogar einen Purzelbaum und läßt die Hose runter, um dem treffsicheren Schützen sein Hinterteil zu zeigen. Anschließend läßt er einen Böller krachen. Die ulkige Szene ist deutlich auf einer der Scheiben dargestellt.

Abgesehen von Anlässen wie einer Hochzeit, einem runden Geburtstag, irgendwelchen Jubiläen oder dem Narzissenfest treffen sich die derzeit achtzehn Vereinsmitglieder nur im Winter zu ihren „Kranzlschießen", und zwar vom November bis zum Fasching. Zwei Aufenhaltsräume stehen ihnen zur Verfügung. Deren Wände sind mit vielen kunstvoll bemalten Schützenscheiben dekoriert, die die große Tradition widerspiegeln und auch manch Einblick in den hintergründigen Humor der Ausseer gewähren. Vor allem die Faschingsscheiben werden mit heiteren - für die Betroffenen allerdings nur mehr oder weniger lustigen Ereignissen geschmückt. Ein Beispiel dieser Art zeigt die links abgebildete Scheibe. Auf ihr sind zwei an Bäume gebundene Gestalten zu erkennen. Der Text lautet wie folgt:

Bei einer Tarockpartie wurde gelacht, geschwindelt, getrunken.
Zum Schluß haben zwei nicht mehr nach Hause gefunden.
Von hilfreichen Händen an Bäume gebunden,
wurden sie von einem Taxi gefunden.
Die Namen brauchen wir wohl nicht zu nennen,
denn beide sind auf der Scheibe zu kennen.

Auch in einem deftigen Vierzeiler findet das Schützenvergnügen seinen Ausdruck:

Auf die Scheib'n han i gschossn,
der Böller hat kracht
und neun Monat drauf
halm's ma's Best daherbracht!

Wandervorschlag#

Oberhalb von Eselsbach liegt die alte Wallfahrtskirche von St. Leonhard, und von ihr ist es nicht mehr weit zum Radlingpaß, dem Ausgangspunkt für eine Besteigung des Kampl. Von der Umkehrstelle des Postbusses folgen wir der Markierung Nr. 253 in Richtung Rötelstein und sodann dem Hinweisschild „Seidenhofalm". Über eine Forststraße erreichen wir die Tal-Alm und weiters die Seidenhof-Alm (1.520 m, während der Sommermonate Jausenstation). Von hier über weite Almtlächen zum Gipfelkreuz auf L685 m mit Prachtblick zum Grimming und ins Tote Gebirge. 5 bis 6 Std. Gesamtgehzeit (Kompaß WK Nr. 20).

Quellen#

  • Hilde und Willi Senft: Geheimnisvolles Salzkammergut. Magisches, Besonderes, Kurioses und Unbekanntes. Leopold Stocker Verlag, Graz 2002; 2. Auflage 2003.


Redaktion: Hilde und Willi Senft