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Fahrende Leute#

Heimatlexikon - Unser Österreich

"Heimatlexikon - Unser Österreich"#

Ein Projekt von ServusTV in Zusammenarbeit mit dem Austria-Forum

Beruf: Fahrende Leute
«Affen-Theater« und «Affen-Kunstreiterey«. 1847. Holzschnitt
© Ch. Brandstätter Verlag

Fahrende Leute machten von alters her die Erheiterung und Unterhaltung ihrer Mitmenschen zum Beruf und zu ihrem Geschäft und streiften ohne festen Wohnsitz von Ort zu Ort im Land umher. Im Mittelalter nannte man sie Spielleute (lat. joculatores, franz. jongleurs), später kamen so allgemeine Bezeichnungen wie Abenteurer, Gaukler und Himmelreicher (gemeint waren Puppenspieler, aber auch Jongleure, Luftspringer und Seiltänzer) auf, die sozusagen die Kerntruppe der unstet wandernden Menschen waren. Begleitet wurden sie von Akrobaten, Krämern und Quacksalbern, Hausierern und Wahrsagern, von Bettlern und vagabundierenden Studenten und Landsknechten (»Schwartenhälse«), von »fahrenden Frauen«, Landzwingern (Landfriedensbrecher) und Strassenräubern.

Beruf: Fahrende Leute
Fahrende Leute. 1868. Holzschnitt aus dem Verlage Haendcke und Lehmkuhl in Altona
© Ch. Brandstätter Verlag

Das grelle, ausgelassene Treiben der Fahrenden des Mittelalters entfaltete sich am eindrucksvollsten auf den Kirchweihen und Jahrmärkten der Dörfer und Städte. Sie erschienen mit tanzenden Bären, Hunden und Ziegen, Affen und Murmeltieren, liefen auf dem Seil, schlugen Purzelbäume vorwärts und rückwärts, warfen Schwerter und Messer und stürzten sich unverletzt auf deren Spitzen und Schneiden, verschlangen Feuer und zerkauten Steine, übten Taschenspielerkünste unter Mantel und Hut, mit Zauberbechern und Ketten, ließen Puppen miteinander fechten, flöteten wie die Nachtigall, schrien wie der Pfau, pfiffen wie das Reh, rangen und tanzten beim Klang der Doppelflöte, hüpften in grotesken Tiermasken umher, führten rohe theatralische Szenen auf, spielten den Betrunkenen und den Dümmling, zankten sich in komischen Streitgesprächen, parodierten weltliche und geistliche Stände und trieben zu allerart Musik ihre tollen und derben Possen.

Beruf: Fahrende Leute
Gaukler mit zwei Äffchen. Figur aus der Wiener Porzellanmanufaktur Augarten. Um 1755
© Ch. Brandstätter Verlag

Obgleich als Verbreiter der Dichtungen, von Neuigkeiten und Kurzweil beliebt, galten sie doch, von der kirchlichen und staatlichen Gemeinschaft ausgeschlossen, als »unehrliche Leute«. Ihre Unehrlichkeit wurde damit begründet, dass sie »Gut für Ehre nähmen und sich für Geld zu eigen gäben«, dass sie also ihr Selbst zu Erwerbszwecken preisgaben und sich damit den unfreien Knechten gleichstellten. Die Ehrlosigkeit drückte sich unter anderem durch zynische Scheinrechte aus: Wenn ihnen Unrecht geschah, durften sie nach den mittelalterlichen Rechtssammlungen Sachsenspiegel und Schwabenspiegel ihre Rache an dem Schatten nehmen, den ihr Schädiger an die Wand warf. Rechtlosigkeit aber erzeugte Solidarität mit anderen Verstoßenen; die Gehobeneren unter ihnen, besonders die Musikanten, schlossen sich hin und wieder zu zunftmäßigen Vereinigungen mit eigenem Recht, dem Pfeiferrecht, und besonderen Veranstaltungen, wie beispielsweise der Pfeifertag zu Rappoltstein, zusammen. Es ist kein Zufall, dass die Gefangennahme und öffentliche Hinrichtung des Pfeifers Hans Böheim von Niklashausen (1476), eines Spielmanns und leidenschaftlichen Volks redners, eine jener Bewegungen gegen Ausbeutung und Unterdrückung (»Bundschuh«) hervorrief, in denen sich die Bauernkriege des 16. Jahrhunderts drohend ankündigten.

Beruf: Fahrende Leute
Das Komödiantenschiff. Aus: »Die Illustrirte Welt. Blätter aus Natur und Leben, Wissenschaft und Kunst, zur Unterhaltung und Belehrung für die Familie, für Alle und Jeden«. Dreizehnter Jahrgang. 1865
© Ch. Brandstätter Verlag

Im 14. und 15. Jahrhundert waren die Spielleute etwas günstiger gestellt, doch schritt die Reformation desto schärfer gegen sie ein. In der Mitte des 16. Jahrhunderts erreichte die Fechtkunst, von den Obrigkeiten bei Bürgern und Handwerkern gern gesehen und begünstigt, ihren Höhepunkt. So mancher brave Meister hängte sein Handwerk an den Nagel und trat als Berufsfechter der großen Schar der Fahrenden bei. Einer der letzten dürfte Hans Joachim Ohlsen gewesen sein, ein »angelobter Meister des langen Schwerts von Greifenfels«, wie er sich nannte, gebürtig aus Hamburg. Er stritt sich noch 1754, wie es hieß, mit Dilettanten um einen Dukaten, mit Waffenbrüdern aber bis aufs Blut. Die Pausen füllte er mit Pistolenschießen nach hölzernen Türkenköpfen, Pikenwerfen und Fahnenschwingen.

Im Dreissigjährigen Krieg kamen zu den »Fahrenden« noch minderrangige Alchimisten, Geisterbeschwörer und Schatzgräber. Ihre Nachfahren waren auch die Drehorgelspieler, Kunstreiter, Seiltänzer, Kraftmenschen, Wasserkünstler, Schattenspieler, Komödianten, Dresseure, Springer, Puppen- und Marionettenspieler. Als im 19. Jahrhundert die Arenen, Zirkusse, Sideshows und Varietés wie Pilze aus der Erde schossen, verließen die erfolgreichen unter ihnen die unsicheren Straßen und traten in feste Engagements ein. Andere schlossen sich der Truppe einer der unzähligen Schausteller an oder zogen allein zu den Jahrmärkten, Volksfesten und Vergnügungsparks. Entsprechend vielfältig entwickelte sich auch der Artistenberuf. In Signor Saltarinos Artisten-Lexikon von 1895 finden sich schon so ungewöhnliche Bezeichnungen wie Equilibrist, Kraftdame, Luftgymnastiker, Ventriloquist (Bauchredner), Saltomortale-Reiter, Voltigeur (Trapezkünstler), Kautschukdame, Tintamaresque-Spieler (Karikatur-Theater), Feuermaler, Zahn-Athlet, Messerwerfer, Mimiker, Parterre- und Batoudespringer. Und ab und zu schlich sich auch noch ein verächtlicher Ton in die Berichterstattung ein, wie zum Beispiel in der Wiener Neuen Freien Presse vom 21. November 1925: »Chocolate Kiddies«, schrieb der bekannte Schriftsteller und Feuilletonist Felix Salten, »Teufelskerle und Blitzmädchen – Tänzer und Akrobaten, fabelhafte Musikanten und gute Sänger, das sind Affen von erschütternder Menschlichkeit, sind farbige Menschen, die grotesk heiter und manchmal wieder rührend an unsere Verwandtschaft mit den Orangs erinnern.«

Quellen#

  • Verschwundene Arbeit, R. Palla, Christian Brandstätter Verlag, 2010


... mit freundlicher Genehmigung des Christian Brandstätter Verlags.