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Frau Sopherl#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Ein Projekt von ServusTV in Zusammenarbeit mit dem Austria-Forum

In Wien ist „Frau Sopherl vom Naschmarkt“ nahezu sprichwörtlich geworden. Ihr geistiger Vater war der humorvolle Schilderer des Wiener Lebens, Vinzenz Chiavacci (1847-1916). Der Dichter und Chefredakteur ließ sie in einer Zeitungskolumne hunderte „lokalpolitische Standreden“ halten. Die Themen waren keineswegs nur marktbezogen. Als „eine, die’s versteht“ machte sie sich Gedanken über Mystisches und Influenza, Hebammen und Leichenverbrennung, Volkszählung und Fremdenverkehr und vieles andere, was Wien damals bewegte.

Für den Schriftsteller verkörperte „Frau Sophie Pimpernuß, von ihren Getreuen schlechtweg Frau Sopherl genannt“, den Idealtypus der Standlerin: „Eine robuste, wohlgerundete Gestalt mit einem gutmütigen, von derber Gesundheit strotzendem Gesicht, aus dem zwei kluge, muntere Augen blitzen, ein Mund, dessen energischen Linien man ansieht, daß er in ewiger Bewegung ist, schlichte, braune Scheitel, die mit etlichen Silberfäden gemengt unter der buntgeblümten ‚Gugel‘ hervorschauen, ein Gemisch von Reschheit und Gutmütigkeit ... Den reichen Wortschatz des Wiener Dialekts und die traditionelle Volksweisheit, wie sie in Sprichwörtern, Bildern und Gleichnissen zum Ausdruck kommt, beherrscht sie mit souveräner Gewalt ... nicht angekränkelt von des Gedankens Blässe.“

Die zu literarischen Ehren gekommene Obst- und Gemüsehändlerin und ihre lebenden Vorbilder erscheinen als starke Frauen, selbstständig und selbstbewußt. Die Marktfrauen in der Stadt nannte man Standlerinnen, in den Vorstädten Höckerinnen.. Ihre Artikel waren vorwiegend Mehl, Hülsenfrüchte, Fleisch, Obst, „grüne Waare und Kräuterwerk“. Die „Ständel“ in der Stadt durften erst aufsperren, wenn die Produzenten nach der offiziellen Marktzeit ihren Heimweg angetreten hatten (sommers um 11, winters um 12 Uhr). Höckerinnen in den Vorstädten konnten ganztägig verkaufen. 1792 gab es 200 Standinhaberinnen in und vor der Stadt, die von Ziergärtnern ihre Ware bezogen. Die Kleinverkäuferinnen auf dem Markt zählten zu den klassischen Alt-Wiener Volkstypen und waren für ihre Schlagfertigkeit bekannt. Diese Eigenschaft machte sie im 19. Jahrhundert zu einem bevorzugten Thema der Feuilletonisten.

Um 1812 bestätigte der Reiseschriftsteller Wenzel Kremer die Gewohnheit der Höckerinnen, Kunden mit Kraftausdrücken aller Art zu belegen: „Vielen Spaß gewährte es mir, zuweilen mich durch Fratschlerweiber ausschimpfen zu lassen. Man muss diese Volksklasse in Wien gehört haben, um sich einen Begriff von der unendlichen Geläufigkeit im Schimpfen und dem Reichtum von Schimpfworten zu machen. ... Kaufte man erwas bei ihnen, dann überhäuften sie einen mit Euer Gnaden, Exzellenz, schöner Herr und sonstigen Schmeicheleien, nur mußte man auch zahlen, was sie forderten und dies war unverschämt hoch; tat man dies aber nicht und bot niedriger, dann brach der Scheltsturm los. Wer dies nicht wußte, entfloh beschämt, kannte man aber diesen Unfug, konnte man ruhig stehen bleiben und mit den Umstehenden mitlachen.“

Quelle#


Helga Maria Wolf: Die Märkte Alt-Wiens. Geschichte & Geschichten. Wien 2006

Redaktion: hmw