Gars am Kamp - Austria-Forum : Heimatlexikon

Gars am Kamp: Beliebte Residenz von Fürsten verschiedenster Herkunft#

Eine Zeitbrücke über Tausende von Jahren


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Gars am Kamp
Gars am Kamp: Burg und Markt.
© Eva Wrazdil
Erinnerungen an Franz von Suppé
Erinnerungen an Franz von Suppé im Zeitbrücke-Museum.
© Eva Wrazdil
Thunau am Kamp
Kirche der hl. Gertrud in Thunau am Kamp.
© Eva Wrazdil

Heutzutage fährt man der Gesundheit wegen nach Gars am Kamp. Willi Dungl, der österreichische Fitnesspapst, hat 1986 das weltweit bekannte Bio-Trainingszentrum eröffnet und damit wieder den matt gewordenen Glanz der Sommerfrische von anno dazumal aufpoliert. Das waren noch Zeiten, als die Erholungsbedürftigen mit dem Busserlzug kamen! Er brachte am Beginn der Saison Frauen und Kinder in den Luftkurort – und zum Wochenende den Gatten, der bei der Ankunft von seinen Lieben mit herzlichen Busserln begrüßt und am Sonntagabend ebenso herzlich verabschiedet wurde.

Elegante Villen
Elegante Villen und der Kurpark als Reminiszenzen an die große Zeit der Sommerfrischen in Gars am Kamp.
© Eva Wrazdil

Der Kurpark ist ein liebevoll erhaltenes Relikt dieser reizvollen, sogar ein wenig mondänen Zeit. In seiner Mitte steht der Kaiser, würdig, fest und scheinbar unverrückbar, jedoch nur scheinbar, denn dieses Denkmal war ursprünglich eine Wanderbüste. Bei diversen Festivitäten anlässlich von Regierungsjubiläen und Geburtstagen von Kaiser Franz Joseph I. wurde sie einfach mitgebracht und aufgestellt. Die anschließende Kurpromenade ist nach einem Fürsten der Musik benannt. Auskunft gibt eine Gedenktafel mit der Aufschrift „Franz von Suppé * 1819 in Split † 1895 in Wien, Ehrenbürger von Gars am Kamp“, und am Haus Nr. 27 ist zu lesen, dass Suppé hier drei Sommer 1876 bis 1878 zugebracht und 1878 den „Boccaccio“ komponiert hat.

Der Begründer der Wiener Operette und ungekrönte König der Goldenen Operettenära dürfte sich an seinem Sommersitz ausgesprochen wohlgefühlt haben. Sofie von Suppé, seine Witwe, ließ jedenfalls bald nach seinem Tod in Gars das erste Suppé-Museum einrichten. Seit 2002 befindet sich eine Suppé-Gedenkstätte im Zeitbrücke- Museum, betreut von Dr. Ingrid Scherney, die sich mit großem persönlichem Engagement – man kann sagen: mit ihrem Herzblut – dem Andenken dieses Komponisten angenommen hat.

Das Zeitbrücke-Museum wird seinem Namen durchaus gerecht. Es überbrückt auf zwei Etagen mehr als 1.000 Jahre Ortsgeschichte. Unter dem Titel „Burgen und Babenberger-Raum“ findet sich ein mittelalterlicher Fürst, der Babenberger Markgraf Leopold II. der Schöne (1050-1095), Vater von Leopold III. dem Heiligen. Er hatte Gars zu seiner Residenz erkoren und damit den kleinen Ort am Kamp zum Zentrum seiner Herrschaft erhoben. Im Museum steht ein Modell seiner Festung, die später zu einer mächtigen Wehranlage ausgebaut wurde. Die Burg – oder das, was von ihr übrig geblieben ist – steht eigentlich nicht in Gars, sondern am Schlossberg im benachbarten Thunau. Zu ihrer Ehre muss gesagt werden: Sie wurde nicht durch Feindeshand zerstört – sie war ganz einfach unnötig geworden. Der Verfall setzte um 1800 ein, wurde durch einen Brand 1809 beschleunigt und war endgültig besiegelt, als 1812 aufgrund der so genannten „Dachsteuer“ die Dächer abgetragen wurden. Der Karner hat sich erhalten, genauso wie die Gertrudskirche; sie war bis Ende des 18. Jahrhunderts Pfarrkirche von Thunau-Gars.

Elegante Villen
Elegante Villen in Gars am Kamp.
© Eva Wrazdil

Die Mauern der Ruine sind heute gut gesichert und alljährlich Schauplatz bemerkenswerter Opernaufführungen mit dem Fürsten der italienischen Oper, dem großen Giuseppe Verdi.

Bei so vielen gekrönten Häuptern kann leicht eines vergessen werden: der Fürst auf dem Schanzberg in der Garser Katastralgemeinde Thunau. Der zeitliche Bogen spannt sich dort zurück bis in die Jungsteinzeit, mit Funden aus dem letzten Abschnitt der Bronzezeit (1200-700 v. Chr.) und der Jüngeren Eisenzeit. Die nächsten bedeutenden Spuren stammen aus dem 9. Jahr- hundert nach Christus. Kleine, in den Boden eingetiefte Hütten lassen auf slawische Zuwanderer schließen, doch schon im zweiten Drittel des 9. Jahrhunderts war diese Siedlung einem palisadenumwehrten Herrenhof nach fränkischem Vorbild gewichen. Um 900 dürfte eine kleine gemauerte Eigenkirche im Nordosten der Siedlung errichtet worden sein. In den Ungarnkriegen zwischen 907 und 955 wurde die Anlage jedoch zerstört. Seit 1993 wird von Archäologen wieder emsig gegraben. Für die Besucher wurde ein Teil der Schanze wieder so errichtet, wie sie Ende des 9. Jahrhunderts einem Fürsten jener Zeit im Krieg der Ostfranken gegen die Mährer als Sitz und Bollwerk gedient haben könnte. e

Wandertipp#

Kunst und Geschichte lassen sich in Gars am Kamp wunderbar mit einem Fitnessmarsch in der nachgewiesen gesunden Atmosphäre dieses Luftkurortes verbinden. Von Thunau am Kamp folgt man den Markierungen Richtung Schanzberg – ein steiler, aber im Ergebnis lohnender Aufstieg zu den Ausgrabungen auf der Holzwiese und dem Schanzberg mit der Rekonstruktion des frühmittelalterlichen Fürstensitzes. Man folgt nun der Straße nach Tautendorf und biegt dort unmittelbar nach dem ersten Haus nach links Richtung Wachtberg ab. Auf diesem Teil der Strecke wird man bereits von „Kunst in der Natur“ begleitet, die sich verdichtet, je näher man der „Kulturwerkstätte“ Wachtberg kommt. Über die Ruine Schimmelsprung kehrt man wieder nach Thunau und über den Kamp nach Gars zurück.


Literatur:

  • Ingrid Scherney: Franz von Suppé, vielseitiger Komponist und Urheber der Wiener Operette. Gars 2005 (Museumsverein Zeitbrücke Gars am Kamp).


Text und Bilder mit freundlicher Genehmigung des Stocker Verlags aus dem schönen Buch:

Hannes Gans, Eva Wrazdil: Geheimnisvolles Waldviertel. Magisches, Besonderes, Kurioses und Unbekanntes. Leopold Stocker Verlag, Graz 2007.


--> Bestellung des Buches (Leopold Stocker Verlag)


« Diese Seite wurde am Dienstag, 6. März 2012, 10:52 von Ziegler Katharina erstellt, zuletzt geändert am Dienstag, 26. März 2013, 13:31 von Ziegler Katharina (Version 7).
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