unbekannter Gast

Gasthof "Blaue Traube" in Bad Aussee#

Wehrbau mit großer Geschichte

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Römer-Grabstein
Römer-Grabstein aus dem Vorhaus der "Blauen Traube".
© Willi Senft

Der behäbige und mächtige Bau in der Kirchengasse ist das älteste Gebäude von Bad Aussee. Mit Pfeilern verstärkte Mauern und schwach vorspringende Erker weisen auf die Wehrhaftigkeit dieses alten „Freihauses" hin. Ober dem spätgotischen Rundbogenportal zeigt ein Fresko die Muttergottes; im gewölbten Eingangsbereich sind zwei Grabsteine aus der Römerzeit unbekannter Herkunft ausgestellt. Kunstvolle alle Beschläge zieren noch heute viele Türstöcke im Haus.

Der eine Römer-Grabstein zeigt, wie häufig bei solchen Steinmalen anzutreffen, ein männliches und ein weibliches Bildnis. Noch bis ins vorige Jahrhundert glaubten die Ausseer, dass es sich bei den beiden Figuren mit Gefäßen in den Händen um Salzsieder handle - wunderschön hätte dies einmal mehr bewiesen, dass schon die Römer die Hohe Kunst des Salzsiedens in Aussee betrieben (was durchaus wahrscheinlich ist). Aber leider: Mittlerweile haben die Wissenschafter aufgezeigt, dass es sich um den Grabstein eines Dienerpaares handelt.

Der Stein hat eine merkwürdige Odyssee hinter sich: 1920 wurde er an einen burgenländischen Weinhändler verkauft, der in Eisenstadt ein Privatmuseum unterhielt. Durch die „Arisierung" des Besitzes gelangte der Römerstein in das Landesmuseum in Eisenstadt, von wo er schließlich 1959 dem Land Steiermark zurückgegeben wurde und sodann als "ständige Leihgabe" wieder an seinen ursprünglichen Ort in die „Blaue Traube" zurückkehrte.

Der zweite Römerstein zeigt kein Bildnis, sondern trägt nur eine Inschrift, deren Übersetzung in etwa lautet: "Success, Sohn des Sumus und der Accepta, dessen Gemahlin, haben sich und ihrem mit zwei Jahren verstorbenen Sohn Citatus dieses Denkmal schon zu Lebzeiten gesetzt."

'Blaue Traube'
Die "Blaue Traube" in Bad Aussee - mehr als bloß ein Gasthof.
© Willi Senft

Aber kommen wir zum Haus selbst zurück. Seine ersten historisch verbürgten Zeugnisse beziehen sich auf das Jahr 1454, als in einer Urkunde Kaiser Friedrichs III. die Edelleute Ernann aus Steyr als Besitzer aufscheinen. Von ihnen ging der Besitz um 1540 an den Hallamtsschreiber Tollinger, der mit Helene von Stainach verheiratet war, und aus jener Zeit liegt eine Beschreibung des Hauses vor, in der auf seine wehrhafte Ausstattung mit Gängen, Schießluken und Eisentüren sowie auf eine mit Brustwehr umgebene Gartenmauer hingewiesen wird - vielleicht zum Schutz gegen aufständische Bürger, Salzsieder oder Bauern. Auch einen unterirdischen Gang bis zum "Gschlössl" im Ortsteil Straßen, heute ein Bauernhaus, dem man ansieht, dass es früher einmal Sitz eines verarmten Ritters war, soll es verbürgt gegeben haben - aus Sicherheitsgründen wurden Teile davon schon vor dem zweiten Weltkrieg zugeschüttet.

In den späteren Jahrhunderten wechselten die Besitzer: Marktrichter, Bäcker, Bierbrauer... Erst um 1830 gab der Gastwirt Gabriel Walcher dem Haus den Namen "Blaue Traube", und er, als eifriger Sammler von Altertümern, kam auch in den Besitz der beiden Römersteine. - Erzherzog Johann gab Gastmähler in diesem Haus, so 1843, als er fünfzig Personen zur goldenen Hochzeit seines Freundes Paul Adler aus Mühlreith lud.

Aber auch in die jüngere Vergangenheit reicht die Geschichte dieses Hauses wahrlich tiefgreifend:

An der "Blauen Traube" ist nämlich eine Gedenktafel an Dr. Karl Renner, Staatskanzler der Ersten Republik und nachmaliger Bundespräsident, angebracht, der hier im Sommer 1895 gewohnt hat. Er knüpfte damals Kontakte zu den Salinen- und Forstarbeitern und erörterte im Nebenstüberl in vielen Gesprächen mit den „treuen Seelen" - wie er sie nannte - die Arbeit lokaler sozialdemokratischer Ortsgruppen.

In den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts war im zweiten Stock des Hauses das „Heimatwerk", ein Vorläufer des heutigen Kammerhof-Museums, untergebracht, und nun ist die "Blaue Traube" wieder ausschließlich ein gerne aufgesuchter Gasthof.

Wandervorschlag#

Die klassische Bergwanderung von Bad Aussee führt uns auf den ZINKEN, dessen Gipfelkreuz in die Stadt herabgrüßt: Er wird entweder von Ost nach West überschritten oder nur auf der westlichen Route (Nr. 695) im Auf- und Abstieg begangen. Die östliche Route (Nr. 696) - über die „Handlerstiege" - ist besser nur im Aufstieg zu begehen.

Ausgangspunkt für beide Routen, die einander auf der Händler-Alm treffen, ist der Bahnhof von Bad Aussee. In vielen Serpentinen geht es durch Bergwald hinauf, und wir erreichen über das ausgedehnte Almplateau das Gipfelkreuz auf 1.854 m. Prachtblick über das gesamte Ausseer-und Tote Gebirge! 6 Std. Gesamtgehzeit (Kompaß WK Nr. 20).

Quellen#

  • Hilde und Willi Senft: Geheimnisvolles Salzkammergut. Magisches, Besonderes, Kurioses und Unbekanntes. Leopold Stocker Verlag, Graz 2002; 2. Auflage 2003.


Redaktion: Hilde und Willi Senft