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Graveure#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Ein Projekt von ServusTV in Zusammenarbeit mit dem Austria-Forum

Beruf: Graveur
Zwei Putten als Allegorie der Bildhauerei. Figur aus der Wiener Porzellanmanufaktur Augarten. Um 1765–1770
© Ch. Brandstätter Verlag

Graveure waren Kunsthandwerker, die vertiefte oder erhabene Verzierungen, Schriftzüge und Zeichnungen, eben Gravuren, in Gegenstände aus Metall, Glas, Email, Horn, Schildpatt, Elfenbein oder Perlmutter mit Radiernadeln einritzten, mit Grabsticheln einschnitten und mit Punzen eindrückten oder einschlugen. Für Gravuren in Glas bediente man sich meistens eines Schreib-Diamanten. Gewöhnlich wurde die Vorlage (Schrift, Zeichnung etc.) mit der Radiernadel in das Werkstück leicht eingeritzt und danach mittels eines quadratischen oder rautenförmigen Grabstichels ausgearbeitet. Den dabei entstandenen scharfen Rand (Grat) entfernte man mit Schabern. Punzen kamen beispielsweise dann zur Anwendung, wenn mehrere kleine Vertiefungen wie Buchstaben und Zahlen, Tierfiguren, Kronen, Sterne, Kreuze, Punkte und dergleichen von absoluter Gleichheit sein mussten. Häufig wiederkehrende Muster wurden auf Gravier-, Guillochier-, Linien- und Schraffiermaschinen hergestellt.

Mit Bezeichnungen oder Verzierungen versehen wurden Gold- und Silberarbeiten, messingene Uhrbestandteile, Gewehrläufe, Gewehrschlösser, Säbel- und Degenklingen. Auf Instrumenten, feineren Maschinen, Zifferblättern und dergleichen stach man Zahlen, Buchstaben, Linienteilungen und ganze Aufschriften; nachgraviert (ziseliert) wurden im Bronze-, Messing- und Eisenguß stumpf und unvollstandig ausgefallene feine Zuge. Neben den angedeuteten allgemeinen Gravurarbeiten gab es spezielle, die von Siegel- und Wappenschneidern, Stempelschneidern, Schriftschneidern, Notenstechern, Kupferstechern und Guillocheuren ausgefuhrt wurden.

Der Graveur Walter Hofmann (geboren 1879) aus Dresden hat als Neunundsechzigjähriger seine Jugenderinnerungen niedergeschrieben und 1948 als Buch (Mit Grabstichel und Feder) veröffentlicht. Voll Bitterkeit schilderte er darin die »Entleerung und Entpersönlichung« der Arbeit zu Beginn des Jahrhunderts: »In der alten Praxis war der Graveur nicht nur für die technische Herstellung der Formen, sondern auch für deren Gestaltung selbst verantwortlich. Jetzt gingen die Fabrikanten in vielen Fällen dazu über, den ›Entwurf‹ der Formen einem neuen Berufsstand, den Musterzeichnern, zu übertragen. Soweit sich der Fabrikant überhaupt über den Formencharakter Gedanken machte, legte er diese nun nicht mehr dem Graveur, sondern eben dem Herrn Musterzeichner vor. Der Graveur sank zum bloß ausführenden Techniker herab. Selbst wenn er früher gleichfalls nicht mehr als ausführender Techniker gewesen wäre, würde er doch auf einer höheren Stufe gestanden haben. Denn die Formen, die er als Siegelgraveur etwa schnitt, waren edel, und die Zwecke der Siegel standen im Dienste einer würdigen Lebensordnung. Hingegen die Formen, die nun der Abgott Publikum verlangte, waren in aller Regel formlos, und die Zwecke, mit denen sie verbunden waren, waren banal. Die Andacht, die den Graveur erfüllte, wenn er das Siegel einer freien Reichsstadt, einer berühmten Universität, einer bischöflichen Kanzlei schnitt, eine solche Andacht war gänzlich unmöglich, wenn es galt, nach dem Entwurf eines kümmerlichen Musterzeichners Jacken- und Mäntelknöpfe mit geschmacklosen Ornamenten zu ›verzieren‹.« Und an anderer Stelle heißt es: »Dort, wo früher der schlanke Grabstichel leise und behutsam den Span aus der silbernen oder goldenen Fläche herausgehoben hatte, wurden nun gewaltige Punzen mit schweren Hämmern in große Blöcke oder Platten von Stahl und Eisen getrieben, und in der früher so stillen Zelle des Graveurs dröhnte es nun oft wie in einer Kesselschmiede. Das bedrückende Gehör -leiden, mit dem mein Vater in seinen späteren Jahren zu kämpfen hatte, hatte seinen Ursprung ohne Zweifel in dem satanischen Lärm, den das Einschlagen grobschlächtiger Punzen in die schmiedeeisernen Waffelplatten hervorrief. Der Graveur musste in seinen Sinnen selbst gröber werden, um sich in dieser so sehr vergröberten Arbeitswelt behaupten zu können.« Am Schluss seiner Aufzeichnungen resümierte er, er habe bei seinem Vater »nacheinander die Knopfstanzenperiode, die Waffelplattenperiode, die Glückwunschkartenperiode, die Schokoladeformenperiode erlebt, kleinerer Zwischenspiele nicht zu gedenken. Ein immer erneuter Zusammenbruch eines mühsam erworbenen Kundenkreises, eine immer wiederholte Entwertung wertvoller Einrichtungen und Hilfsmittel, ein außerordentlicher, im Grunde unproduktiver Verbrauch der Kräfte. Und das alles, um einer urteilslosen Masse ein paar neue, gänzlich überflüssige Geschmacklosigkeiten zu liefern.«

Quellen#

  • Verschwundene Arbeit, R. Palla, Christian Brandstätter Verlag, 2010


... mit freundlicher Genehmigung des Christian Brandstätter Verlags.