Hardegg - Austria-Forum : Heimatlexikon

Hardegg: Ein Bummel durch die kleinste Stadt Österreichs #

Im schützenden Schatten des Castrum regale


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Burg Hardegg
Burg Hardegg im Morgenlicht.
© Eva Wrazdil

Die Hochebene im Westen von Retz bricht im Wald bei Merkersdorf unvermittelt zum schluchtartigen Thayatal hin ab. Von der Straße aus blickt man herab auf eine ausladende Burg. Erst spät tauchen eine Kirche und ein paar Häuser auf, die sich im Norden an diese Festung schmiegen. Die einzige Straße im Ort endet an der Thaya in einer schmalen Brücke. Man möchte es nicht glauben, aber man hat soeben die Stadt Hardegg durchquert!

In der Flussmitte verläuft die Staatsgrenze zwischen Tschechien und Österreich. Wer den Pass bei sich hat, kann die Reise per Rad oder zu Fuß nach drüben fortsetzen.

Vor dem Fall des Eisernen Vorhangs war an dieser Stelle jedoch Endstation. Bis zur Hälfte war die Brücke intakt, ab der Mitte erstreckten sich lediglich zwei verrostete Traversen zum anderen Ufer. Es sollte, so hieß es damals von drüben, nur ja niemand ins kommunistische Paradies gelangen können, und man hatte genug damit zu tun, die eigenen Leute durch Stacheldraht und Wachtürme an der Flucht aus eben diesem Paradies zu hindern.

Stadt und Burg Hardegg.
Stadt und Burg Hardegg.
© Eva Wrazdil

Die tote Grenze trug aber nur zum Teil Schuld daran, dass die Bürger von Hardegg ihre Stadt verließen. Sie hatte schon zu Beginn ihres Stadtwerdens mit dem Verlust an Bedeutung zu kämpfen. Im 13. Jahrhundert herrschen hier die Grafen von Plain, die später den Namen Hardegg annehmen. Nach dem Tod des letzten Babenbergers, Friedrich II. des Streitbaren, sind sie als einflussreiches Geschlecht an der interimistischen Leitung des Herzogtums beteiligt und huldigen mit anderen Adligen dem böhmischen König Ottokar II. Přemysl als neuem Landesherrn. Hardegg wird für kurze Zeit Sitz der Regierung. 1260 fallen die Grafen im Kampf gegen die Ungarn, ohne männliche Erben zu hinterlassen. Berthold von Rabenswalde wird der neue Ehemann der Gräfinwitwe. Er ist Gefolgsmann von König Rudolf von Habsburg, lässt Hardegg zur Stadt ausbauen und erweitert die Burg mit gestaffelten Wehranlagen zu einer bedeutenden Festung, die allerdings gegen den gefährlichsten Gegner, die benachbarte Stadt Retz, völlig unwirksam ist. Retz liegt nämlich an einer wichtigen Kreuzung von zwei mittelalterlichen Verkehrswegen und empfiehlt sich als Herrschaftssitz in freundlicher Lage.

Traglaterne
Traglaterne in der Burgkapelle.
© Eva Wrazdil

Noch kann sich die trutzige Burgstadt unten im Thayatal gegen den Absturz in die Bedeutungslosigkeit behaupten. 1363 wird Hardegg als Castrum regale, als königliche Burg, bezeichnet und bleibt für die Grafen von Hardegg zumindest der emotionale Mittelpunkt ihrer Herrschaft. Der Beleg dafür ist ein Altarrelief in der Schlosskapelle mit der ältesten bildlichen Darstellung der Burg. Es stammt von einem monumentalen Grabmal aus jener Zeit, als die Hardegger Herren zum lutherischen Glauben gewechselt und als führende Protestanten zu einflussreichen Gegnern der katholischen Habsburger geworden waren.

1730 gelangte Hardegg schließlich in den Besitz der Khevenhüller. Johann Carl von Khevenhüller-Metsch ließ die Ruine im Geist der Romantik wiederaufbauen und holte sich dafür den Architekten Carl Gangolf Kayser, einen vielbeschäftigten Mann, der für die Familie Wilczek Burg Kreuzenstein und für die Fürsten von und zu Liechtenstein deren Stammsitz bei Mödling ganz nach mittelalterlichem Vorbild wiederherstellte.

Gesicht auf  Fenstergesims
Rätselhaftes Gesicht auf mittelalterlichem Fenstergesims.
© Eva Wrazdil

Bis heute ist Burg Hardegg im Besitz der Familie. Mit etwas Glück trifft man dort Francesca Gräfin Pilati von Thassul und würde in der mit einem grauen Arbeitsmantel und festen Stiefeln bekleideten Dame kaum die Burgherrin vermuten. Wenn es nur irgendwie möglich ist, nimmt sie sich Zeit für eine Führung durch das Gemäuer, zeigt die Familiengruft, eine Waffensammlung und eine Ausstellung über Erzherzog Ferdinand Maximilian als Kaiser von Mexiko. „Der Bergfried muss ein besonderer Kraftort sein“, erzählt sie dabei, „jedes Jahr kommt aus Tschechien ein Mann auf die Burg, schwarz angezogen wie ein Magier, ein ganz esoterischer Typ. Er setzt sich auf die Spitze der Burg und lässt sich dort aufladen.“ Sie ist davon überzeugt, dass Leute, die etwas zu sagen hatten – und meint damit die Grafen Hardegg –, sich ganz bewusst im Wissen um die Geomantie (heute würde man sagen: nach den Regeln von Feng Shui) diesen Platz ausgesucht und danach gebaut haben. „Wahrscheinlich wurde die Burg deswegen nie eingenommen“, lautet ihre Schlussfolgerung, „weil die Verteidiger so energetisch aufgeladen waren, dass sie jeden Feind abwehren konnten.“ Keine Kraft der Welt konnte jedoch verhindern, dass das Städtchen Hardegg heute nur unter absoluten Insidern als Ferienziel gehandelt wird. Wer aber jemals dort gewesen ist, wird vom Zauber dieses vergessenen Kleinods erfasst. An der Straße steht noch die Rolandssäule als Erinnerung an die Gerichtsbarkeit und unmittelbar daneben die Stadtbibliothek, ein winziges Häuschen, das derzeit als Galerie für heimische Künstler Verwendung findet. Eine Etage höher befinden sich die im Kern romanische Kirche und der Karner aus 1150/60. Der Stadtbummel ist damit absolviert; den Rest des Tages wandert man das romantisch gewundene Tal der Thaya entlang. Ehrensache, dass man sich mit Reiseproviant in der einzigen Greißlerei / Bäckerei des Ortes eindeckt.

Burg Hardegg
Abendhimmel über Burg Hardegg.
© Eva Wrazdil

Flussabwärts trifft man nach etwa einer halben Stunde Gehzeit den „Einsiedler“. An dieser Stelle, so wird erzählt, hat hoch oben im Felsen ein steirischer Ritter in selbst auferlegter Buße gelebt. Er war von einem Kreuzzug nach Hause gekommen, hatte seine Frau in den Armen eines jungen Mannes vorgefunden und beide erschlagen. Im Verbluten sagte ihm der junge Mann, dass er seinen eigenen Sohn ermordet hätte… Man folgt dem Fluss bis zum Umlaufberg, einem Kegel in einer Thayaschlinge, übersteigt dort einen Sattel und sieht vor sich den Fluss, der hier überraschenderweise von Osten kommt und sich in einer engen Kehre wieder nach Südosten Richtung Burg Neuhäusl (ČZ) wendet.

Flussaufwärts trifft man am Ortsausgang auf Reste der einstigen Stadtmauer und biegt dort hinauf in den Wald, bis sich der Blick auf Burg und Stadt öffnet. Rechter Hand erhebt sich der Reginafelsen, eine markante Felsnase mit Spuren von Mauerwerk, die zu sagenhaften Spekulationen Anlass gegeben haben. Ein Graf hätte das Mädchen Regina aus der Vorstadt begehrt, diese wäre aber nicht willig gewesen, worauf sie der verschmähte Liebhaber kurzerhand auf diesem Felsen einmauern habe lassen. Geologen erklären sich die mauerartige Form des Felsens mit hohem Silikatanteil im Gestein, das vom Flüsschen Fugnitz, das bei Hardegg in die Thaya mündet, ausgeschwemmt und scharf abrasiert wurde. Man steigt nun in die so genannte Vorstadt hinab, in einen Ortsteil, der stets außerhalb der Mauern der Stadt lag. Nach der Rast im Gasthaus „Hammerschmiede“ gibt es kein Verirren mehr; nur eine einzige Straße führt zurück in die Stadt Hardegg.



Text und Bilder mit freundlicher Genehmigung des Stocker Verlags aus dem schönen Buch:

Hannes Gans, Eva Wrazdil: Geheimnisvolles Waldviertel. Magisches, Besonderes, Kurioses und Unbekanntes. Leopold Stocker Verlag, Graz 2007.


--> Bestellung des Buches (Leopold Stocker Verlag)


« Diese Seite wurde am Donnerstag, 29. März 2012, 11:03 von Ziegler Katharina erstellt, zuletzt geändert am Donnerstag, 14. Juni 2012, 13:39 von Ziegler Katharina (Version 5).
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