Hochmoor in Schrems - Austria-Forum : Heimatlexikon
Auf der Himmelsleiter in die Unterwasserwelt #
Unter internationalem Schutz: Das Hochmoor in Schrems #

"Heimatlexikon - Unser Österreich"
Ramsar, der Name einer iranischen Stadt, steht als Synonym für den Schutz besonders erhaltenswerter Feuchtgebiete dieser Welt. Es handelt sich dabei um eine Konvention, für die jedes Mitgliedsland mindestens ein Gebiet zu benennen hatte, das die Kriterien zur Aufnahme in die „Liste der Feuchtgebiete internationaler Bedeutung“ erfüllt. Es muss unter anderem repräsentative, seltene oder einzigartige Beispiele natürlicher oder naturnaher Feuchtgebietstypen aufweisen und gefährdete oder vom Aussterben bedrohte ökologische Gemeinschaften beherbergen. 1983 trat Österreich dieser Konvention bei und konnte gleich sechzehn wertvolle Feuchtgebiete einbringen. Die Teich-, Moor- und Flusslandschaft des nördlichen Waldviertels zählt dazu.
Ein wesentlicher Teil dieses Ramsargebietes ist das Hochmoor in Schrems, wobei das Verhältnis zwischen Mensch und Moor nicht immer so ungetrübt war wie heute. Torf, der sich in unvorstellbar langen Zeiträumen gebildet hatte, wurde gestochen und als Heizmaterial verbrannt, die sumpfige Gegend insgesamt eher als störend denn als Bereicherung empfunden und möglichst trocken gelegt, um noch ein kleines Stück mehr kargen Feld- oder Waldboden zu gewinnen. Mit der Ernennung zum besonders geschützten Gebiet hat sich die Einstellung zu Sumpf und saurer Wiese schlagartig geändert. Unter dem geforderten „wise use“, der klugen Bewirtschaftung, wurde das Schremser Hochmoor zur Attraktion für sanften Tourismus und zum Belebungsfaktor einer an und für sich strukturschwachen Grenzregion.
Der Einstieg in den fantastischen Mikrokosmos des Moores erfolgt im „Unterwasserreich“, besser gesagt: man trudelt durch eine überdimensionale DNA-Spirale zurück in die weite Vergangenheit bis zum ersten Lebensfunken in der Ursuppe und durchlebt die Evolution Auge in Auge mit Amöben und Geißeltierchen. Mikroskope machen die bizarren Formen kleinster Lebewesen sichtbar, und das Mörderkino zeigt in Großaufnahme den unerbittlichen Kampf dieser winzigen Monster ums Überleben. In einem eigenen Labor dürfen Besucher, allen voran die zahlreichen Schulklassen, unter freundlicher Anleitung der Moorführer Wasserforschung betreiben oder der „Raubtierfütterung“ in den Aquarien zuschauen und fasziniert in der Buchhaltung der Evolution blättern, die in kaum einem anderen Biotop so deutlich abzulesen ist wie in einem Moor, das über 8.000 Jahre alte Informationen speichert.
Nach und nach taucht man wieder in der Gegenwart auf und wird ins Freie in eine großzügig angelegte Anlage mit schilfbewachsenen Teichen und Wasserläufen geführt, in der in einem Gehege der zahme und verspielte Fischotter Merlin aus Spaß an der Freud’ seine One-Animal-Show abzieht.
Nach dieser Einführung im architektonisch sehr ansprechend und fantasievoll gelösten Besucherzentrum geht es hinaus auf eine kleine Wanderung durch den Naturpark Hochmoor Schrems, am besten an einem Nebeltag, damit der Ausflug auch recht mystisch wird. Auf dem Weg dorthin werden gruselige Geschichten erzählt: von Moorgeistern und Irrlichtern sowie von Moorleichen, die es in unseren Breiten jedoch nicht gibt. Man erfährt, dass derartige Mumien nur aufgrund besonderer Begräbnisriten zustande kamen. Ein Mensch versinkt nicht einfach im Sumpf, er muss versenkt werden, wie beispielsweise ein Hingerichteter, der zuerst gehenkt, erwürgt, erschlagen und erst dann im Moor begraben wurde. Genauso wenig gibt es im Waldviertel rituelle Funde. Während in Norddeutschland von den Mooren prähistorische Opfergaben, wie Schmuck, Waffen und Luren (Blasinstrument der Kelten), konserviert wurden, bleibt hierzulande die Suche nach dem vom Druiden versenkten Schatz leider ohne Resultat.
Unter derartigen Überlegungen gelangt man zur Himmelsleiter, einer hoch aufragenden Holzkonstruktion mitten im Moor. Sie ermöglicht den Überblick von oben, bevor man sich herunten direkt an den Schlenken (Wasserflächen) und Bulten (Moospolstern) ins Detail vertieft. Man muss sich Zeit nehmen, auf den Boden legen und einfach nur schauen, dann sieht man sie in natura wieder: die gefräßigen Larven von Libelle und Goldrandkäfer oder den Sonnentau. Dieses hübsche Pflänzchen, das sich nach außen hin so zart und zierlich zeigt, verwandelt sich beim leisesten Kontakt mit einem Insekt in ein fleischfressendes Ungeheuer, an dessen klebrigen Tentakeln sich die Beute zu Tode zappelt. Was aussieht wie ein Alien, ist der Taumelkäfer mit seinen beiden Augenpaaren, von denen eines nach oben, das andere nach unten ins Wasser schaut. Rundum blühen und reifen, je nach Saison, Sumpfschwertlilie, Rauschbeere, Moosbeere oder der Sumpfporst, der in Österreich schon als ausgestorben gegolten hat. Dazwischen wachsen gleich mehrere Arten von Birken, die mit ihren gewundenen weißen Stämmen dem Moor das ganze Jahr über seine geheimnisvolle Aura verleihen.
Wandertipp: #
Der Wanderweg durch den Naturpark Hochmoor Schrems mit der exakten Länge von 4.580 m beginnt am Parkplatz vor dem Unterwasserreich. Unter guter Beschilderung wird man zur Himmelsleiter geführt und von dort zum Prügelsteg, damit das Moor aus nächster Nähe erlebt werden kann. An die Sünden der Vergangenheit erinnert die Station „Dorfstechen“, von der man zum Torfhaus mit Grillstation wandert. Von dort führt der Weg wieder zurück zum Ausgangspunkt, wo an heißen Sommertagen das von der Gemeinde Schrems angelegte Moorbad Abkühlung verspricht.
Text und Bilder mit freundlicher Genehmigung des Stocker Verlags aus dem schönen Buch:
Hannes Gans, Eva Wrazdil: Geheimnisvolles Waldviertel. Magisches, Besonderes, Kurioses und Unbekanntes. Leopold Stocker Verlag, Graz 2007.
Bestellung des Buches (Leopold Stocker Verlag)
Naturpark Hochmoor in Schrems#

Zwischen Himmel(sleiter) und (Torf-)Erde#
Der Naturpark – eine wunder schöne, stille Moorlandschaft – liegt im nordwestlichen Waldviertel, östlich der Granitstadt Schrems. Aus einem ehemaligen Torfstich entstanden, finden sich hier verschieden weit fortgeschrittene Moor-Regenerationsstadien und Moorteiche. Die „Himmelsleiter“– eine 20 m hohe Aussichtsplattform – garantiert besondere Einblicke in die faszinierende Torflandschaft.
Einrichtungen und Angebote#
- Besucherzentrum UnterWasserReich mit Erlebnisausstellung, Cafeteria & Shop
- Fischotter in natürlicher Umgebung
- Seilfloße für Kinder
- Individuelle Führungen & Workshops
- Geführte Wanderungen durch den Naturpark
- Aussichtsplattform „Himmelsleiter”
- Moorgeschichteweg
Typisches und Besonderes#
Sumpfborst, Wilder Rosmarin, Brauerkraut, Rausch (Rhododendron tomentosum)
Familie: Heidekrautgewächse
Beschreibung: Die Zweige des mehrjährigen Strauches sind rostbraun und filzig behaart. Er kann eine Höhe von 50 - 150 cm erreichen. Die Blüten sind weiß und in Dolden am Ende der Zweige angeordnet. Die Blütezeit ist zwischen Mai und Juni. Aufgrund ätherischer Öle verbreitet der Strauch einen balsamterpentinartigen Geruch.
Standort: Die Pflanze kommt auf sauren, sumpfigen Magerböden vor, besonders in Hoch- und Übergangsmooren. Im Naturpark wächst sie in der Nähe des Prügelstegs und wird im Zuge von Moorführungen den Gästen vorgestellt.
Besonderheiten: Der Sumpfborst ist ein eiszeitliches Relikt und steht in vielen Ländern auf der Roten Liste der gefährdeten Pflanzenarten. Von der Bronzezeit bis in die frühe Neuzeit wurde er als Brauzusatz verwendet; heute ziert er das Etikett des Schremser Naturparkbiers.
Naturpark Hochmoor Schrems und UnterWasserReich
Moorbadstraße 4, 3943 Schrems
Tel.: 02853 / 76 334; Fax: DW 34
info nospam@TUGraz.at @unterwasserreich.at
Österreichische Naturparke im Überblick





