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Hoher Markt, Wien 1#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Der Hohe Markt mit der Schranne im 15. Jahrhundert
Der Hohe Markt mit der Schranne im 15. Jahrhundert

Die Bezeichnung "Hoher Markt", die in einer Straßenbenennung weiter lebt, verweist auf den ehemaligen Hauptmarkt Wiens. So wird er schon in einer Urkunde des letzten Babenbergerherzogs Friedrichs II. (1211-1246) vom 1. Mai 1233 bezeichnet. Zur Römerzeit war hier ein Mittelpunkt städtischen Lebens. Das Haus des Festungskommandanten befand sich hier. Ein Museum unter Nr. 3 bewahrt Reste des Legionslagers Vindobona aus dem 1. bis 4. nachchristlichen Jahrhundert auf. Die heutige Verkehrsfläche war damals kein Platz, sondern im Bereich des Lagers verbaut.

1211 schenkte ein Wiener Bürger dem Schottenstift in dieser Gegend einen Fleischtisch (mensa macellaria) und einen Fischtisch (mensa piscalis). 1354 werden Händler mit venezianischen Glaswaren, 1360 Wachshändler, 1442 Bäcker erwähnt. Außerdem gab es Verkaufstische der Schuster, Tuchbereiter, Lodenwirker und Gewandkramer. Unter den Lauben befanden sich schon 1288 die Tuchhändler, 1340 die Gewandhändler.

Um den Hohen Markt als Wirtschaftsmittelpunkt gruppierten sich die Häuser und Geschäfte von Händlern und Handwerkern. Sie boten Waren aller Art in den „Kramen“ („Kräm“) genannten Läden in ihren Häusern an. 1255 zählte erstmals ein Krämer zu den Bürgern, schon zwei Generationen zuvor waren Detailhändler aus Regensburg in Wien tätig. Sie durften Waren aus- und einführen, doch unterlagen diese Wert- und Gewichtsgrenzen. Im 15. Jahrhundert bildeten die Kaufleute die maßgebliche Oberschicht der Wiener Bürger. Sie verdankten ihren Wohlstand dem Handel mit Ungarn und Venedig und lagerten die Waren in ihren Privathäusern. Einige der reichsten besaßen Häuser auf dem Hohen Markt, welche um 1600 vier Geschosse und einen hohen, spitzen Giebel hatten.

Schon in seiner Frühzeit war der Marktplatz mit dem Münzwesen und dem Geldgeschäft verbunden. Mehr als ein halbes Jahrtausend hindurch wurde auf dem Hohen Markt auch Gericht gehalten. Bis 1706 war er die traditionelle Stätte für Enthauptungen. Auch ein Pranger, wo Leib- und Ehrenstrafen exekutiert wurden, befand sich hier. Das (landesfürstliche) Amt des Stadtrichters wurde 1192 erstmals erwähnt und bestand bis 1783. Dem Richter oblagen Grundherrschaft, Obrigkeit und Landgerichtsbarkeit. In seine Kompetenz fielen das Eintreiben von Zöllen und Geldstrafen ebenso wie Entscheidungen über Leben und Tod. Er amtierte in der Schranne, die (spätestens) seit 1325 auf dem Hohen Markt stand. Das Stiftungsbuch des Klosters Zwettl erwähnt sie als „von Verkauftischen umgeben“. Die so genannte ältere Schranne befand sich auf dem Areal der Häuser 1 und 10 bis 12. Nachdem sie 1437 einem Stadtbrand zum Opfer fiel, baute man sie an einem anderen Teil des Platzes (bei Nr. 5) auf, um mehr Raum für den Markt zu gewinnen. Das Meisterwerk spätgotischer Baukunst war ein dreigeschoßiges Gebäude mit hohem Spitzgiebel und vorkragendem, von einem spitzbogigen Gesimse getragenen Dachgeschoß. Dem ersten Stock vorgeblendet war ein von steinernen Rundbögen getragener, von einer Maßwerkbrüstung gesäumter Balkon, von dem aus die Urteile öffentlich verkündet wurden. In der Barockzeit war die Schranne erneuerungsbedürftig. Hofbaumeister Joseph Emanuel Fischer von Erlach (1693-1742) entwarf sie als viergeschoßiges Gebäude mit einem Zwiebeltürmchen. Die darauf angebrachte Uhr trug die Inschrift „Diese Uhr schlägt keinem Glücklichen“.

Im 16. Jahrhundert stand der Auslaufbrunnen der ersten öffentlichen Wasserleitung auf dem Hohen Markt. Das Wasser kam vom Quellgebiet des Alsbaches. In Hernals befand sich ein Reservoir, aus dem es in Bleirohren in die Stadt geleitet wurde. Der Brunnen auf dem Hohen Markt war ihre wichtigste und schönste Entnahmestelle. An dessen Stelle schuf 1706 Johann Bernhard Fischer von Erlach das Holzmonument des Josefsbrunnens, dessen Stiftung der Kaiser vier Jahre zuvor gelobt hatte. 1729 ersetzte Fischers Sohn das inzwischen vermoderte Kunstwerk durch eine „Säule von Ertz und Marmor“. Auf dem Sockel stehen die Statuen von Maria, Joseph und dem Hohenpriester unter einem Baldachin. Der - nach dem Zweiten Weltkrieg wieder hergestellte - Vermählungsbrunnen ist dem Namenspatron Joseph I. gewidmet.

In der Nostalgie des ausgehenden 19. Jahrhunderts war der Hohe Markt ein Synonym für Alt-Wien. Seine historischen Ansichten dienten als Vorbilder eines Themenparks. 1892 war das Weltausstellungsgelände im Prater mit der Rotunde Schauplatz der „Internationalen Ausstellung für Musik-und Theaterwesen“. Als Chefarchitekt der Großausstellung fungierte Oskar Marmorek, einer der prominentesten und meist beschäftigten Planer, der eine Reihe interessanter Wohnhäuser, wie den Nestroyhof in der Leopoldstadt oder den Rüdigerhof in Margareten baute. Marmorek entwarf die Rekonstruktion des Hohen Marktes anno 1692, ein Theatermaler führte sie in Originalgröße aus. Sie zeigte alle charakteristischen Häuser, Schranne und Brunnen. Auf einer Bühne in der Mitte des Platzes spielte man Komödien und ließ den Hanswurst auftreten. Ein kostümierter Nachtwächter bewachte die Szene.

Quelle#


Helga Maria Wolf. Die Märkte Alt-Wiens. Geschichte & Geschichten. Wien 2006

Redaktion: hmw