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Hutmacher#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Beruf: Hutmacher
Hutmacher. Um 1860. Kolorierte Lithographie. Aus: »30 Werkstätten von Handwerkern«. Schreiber: Eßlingen o.J.
© Ch. Brandstätter Verlag

Hutmacher (auch Huter, Hutwalker, Hutfilter) waren bereits im 13. Jahrhundert in Paris tätig, in Lübeck werden 1321 die Meister der Filter erwähnt, 1360 traten sie in Nürnberg unter dem Namen Filzkappenmacher auf, in Wien erhielten sie 1400 ihre erste Handwerksordnung, und von 1407 stammt eine erste Ordnung der hudemecher in Frankfurt am Main. Das Handwerk der Hutmacher hat sich aus dem der Tuchmacher und Wollschläger entwickelt, denn eine der wichtigsten Arbeiten der Hutmacherei, das Fachen, war dem Wollschlagen sehr ähnlich. In Straßburg haben Hutmacher bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts auch Wolle um Lohn geschlagen, in München fand erst 1428 eine Abgrenzung zwischen den Lodenwebern und den Hutmachern statt, und in Hamburg bildeten sie noch bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts mit den Tuchmachern ein Amt.


Eine weitverbreitete Hutform war der kegelförmige Filzhut, der seit dem 11. Jahrhundert vor allem vom Adel getragen und später mit aufgekrempeltem Rand und mit Pelz oder Pfauenfedern ergänzt wurde. Die Juden mussten einen behördlich verordneten gelben Spitzhut tragen, der sie dem Spott der Straße preisgab. Der Spitzhut wurde dann eine Zeitlang durch die Gugel verdrängt, kam aber bald in Verbindung mit ihr als Gugelhut wieder auf und erhielt sich bei Jägern und Reisenden bis ins 16. Jahrhundert. Nach der Zeit des Baretts (Barettmacher) kam um 1550 wieder der Hut zu Ehren, zuerst als hoher, gesteifter spanischer Hut ohne Krempe, dann als niederländischer, später sogenannter Rubenshut und bald nach Beginn des 17. Jahrhunderts als breitkrempiger schwedischer Schlapphut oder »Wallensteiner«.


Beruf: Hutmacher
Hutmacher. 1820. Kolorierte Radierung. Aus: »Gallerie der vorzüglichsten Künste«. Zürich – Leipzig 1820
© Ch. Brandstätter Verlag

Unter Ludwig XIV. wurden die Hüte auch hinten aufgeschlagen und auf beiden Seiten hinaufgebogen, woraus die zweispitzigen und die dreieckigen Hüte (Dreimaster, Dreispitze) entstanden, die fast hundert Jahre hindurch überall getragen wurden. Auf die dreieckigen Hüte folgten die Chapeaux bas, ganz flache Hüte, die nur unter dem Arm getragen wurden. Kurz vor der Französischen Revolution kamen, zuerst in England, dann auch in Frankreich, die runden Hüte auf. Die dreieckigen Hüte herrschten noch, besonders in Deutschland, bis zum Ende des 18. Jahrhunderts vor. In Frankreich kamen nach 1796 eine Zeitlang wieder dreieckige Hüte, die Incroyables, mit ungeheuer großen Krempen auf. Seidene Zylinderhüte tauchten, obgleich in ähnlicher Form bereits im 15. Jahrhundert getragen, als Modeerzeugnis zuerst um 1805 in London auf und bestanden aus schwarzem Felbel (Seidenplüsch) mit einem Gestell aus Pappe, die mit Schellack gesteift war. »Mechanische« oder Gibushüte (Chapeaux claques) bestanden aus Tibetstoffen oder Atlas, der über einen Mechanismus zum Zusammenklappen gespannt war und bei höchster Gala, bei Hof und von Diplomaten getragen wurde. Die bei den revolutionären Bewegungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgekommenen breitkrempigen niedrigen (hellfarbigen oder schwarzen), anfangs als Carbonari-, Hecker-, Turner- und Demokratenhüte missliebigen Hüte sind in vielerlei Formen verwendet worden. Der Hut galt auch als Standeszeichen der geistlichen Würdenträger (Kardinals-, Erz -bischofs-, Bischofs- und Protonotarienhut) und weltlichen Standespersonen (Fürsten-, Markgrafen-, Kur-, Herzogs- und Doktorhut).


Beruf: Hutmacher
L’Agacante Modiste (Paris). Hutmacherin drapiert Hut mit Bändern. Um 1830. Kolorierte Lithographie von Charles Philipon. Aus: »Suite des têtes de femmes, répresentant des commercants et ouvrières de Paris«
© Ch. Brandstätter Verlag

Die Hauptaufgabe der Hutmacher war es, durch Verfilzung aus Wolle oder Tierhaaren ohne irgendwelche Bindemittel einen festen und dichten Stoff zu bilden und diesem Filz ohne Naht eine beliebige Form zu geben. Für die nicht aus Schafwolle verfertigten Hüte verwendete man vor allem Haare von Bibern, Bisamratten, Seehunden, Affen, Kamelen, Waschbären, Fischottern, Hasen, Kaninchen und Ziegen. Zur Herstellung des Hutfilzes wurden nun die Haare der mit Scheidewasser (das Quecksilber und Arsenik enthielt) gebeizten Felle durch Rupfen mit einem Rupfeisen oder Schneiden (Abmeißeln) mit dem Schneidblech entfernt, sortiert, gewaschen und getrocknet. Die Beize und ihre Zusammensetzung hat man früher streng geheimgehalten und ihr deshalb den Namen secret gegeben. Dieses Geheimnis trug freilich zur typischen Hutmacherkrankheit bei, die sich durch Zittern in den Gliedern, Gliederschmerzen und Lähmungserscheinungen äußerte. Ja bisweilen traten sogar geistige Störungen auf, und der englische Ausdruck as mad as a hatter, »verrückt wie ein Hutmacher«, verweist aller Wahrscheinlichkeit nach auf diese Erkrankung. Die nächste Arbeit war das »Fachen« auf der Fachtafel, dem Arbeitstisch. Mit Hilfe des Fachbogens, einer langen Holzstange, die mit einer Darmsaite bespannt war und mit dem Schlagholz zum Schwingen gebracht wurde, lockerte man die Haare auf und formte aus der sich bildenden flaumigen Haarschicht ein dreieckiges sogenanntes Fach. Das Fach wurde angefeuchtet und durch Drücken, Reiben, Schieben unter Benutzung eines Siebes (Fachsieb) und weiteres Kneten in Leinentüchern oder dickem Papier in Filz verwandelt. Zum Formen des Hutes vereinigte man kegelförmig zwei Fache an den Rändern durch andauerndes Walken mit den Händen unter Zuhilfenahme des Rollholzes und Eintauchen in eine siedende Walkbeize; dabei wurde die Krempe gebogen und dann der Boden (Kopf) durch Ein- und Ausstoßen in die Form gebracht (in den Kranz geschlagen). Zum Trocknen und zur Formvollendung zwang man den Hut über eine Form aus Linden- oder Erlenholz. Die Anfertigung wollener Filzhüte war mühsamer und nahm mehr Zeit in Anspruch als bei Haarhüten; diese wurden aus Woll vlies, das wie ein Fach zugeschnitten war, gewalkt und geformt. Nach dem Färben und Lüften erfolgte über Holzformen ein abermaliges Waschen mit weichen Bürsten, das sogenannte Glänzen, und nach dem Trocknen das Steifen mit Leim, der eingedampft wurde. Nun konnte der Hut zugerichtet werden, wobei er durch Bügeln Strich und Glanz erhielt. Seine gänzliche Vollendung erhielt er durch das Staffieren (Ausschmücken), worunter das Einfassen der Krempe, das Anbringen des Futters und des Schweissleders, das Aufnähen von Tressen und Federn gemeint war. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts bildete sich ein eigenes, meist unzünftiges Gewerbe der Staffierer (Hutschmücker, Hutstepper) heraus, die auch Putzmacherinnen be schäftigten. Gegen Ende des Jahrhunderts finden sich in Deutschland mehr und mehr (meist durch Hugenotten betriebene) Hutmanufakturen, wie beispielsweise in Berlin und Erlangen; aber auch im kleinbetrieblichen Handwerk setzte sich die Arbeitsteilung allmählich durch. Das Haarrupfen und -schneiden, das Fachen und Walken, das Färben und Staffieren wurde immer mehr von unterschiedlichen Arbeitskräften verrichtet. Den Meisterfrauen und Töchtern war es jedoch untersagt, »Männerarbeit« zu leisten, und ihr Beitrag beschränkte sich auf das Hutschmükken und den Verkauf. Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die fabrikmäßige Hutproduktion schließlich durchgesetzt und das Handwerk weitgehend verdrängt. Gelegentlich bezogen die Hutmacher noch gefärbte Stumpen, die sie zu Hüten formten und staffierten, doch immer mehr verlegten sie sich auf den Handel, das Umformen und die Reparatur.

Quellen#

  • Verschwundene Arbeit, R. Palla, Christian Brandstätter Verlag, 2010


... mit freundlicher Genehmigung des Christian Brandstätter Verlags.