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Geheimnisse des Jogltisches#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Jogltisch
Jogltisch
© Willi Senft

Der Herd ist das Herz des Hauses, der Tisch ist der Kopf desselben

Peter Rosegger


Es gibt im gesamten bäuerlichen Bereich der gebirgigen Steiermark massive Tische. Sie waren neben der altüberkommenen Feuerstelle, dem Herd, immer das Zentrum des Hauses. Sie hatten eine entscheidende soziale Funktion. Hier geschah nicht nur die wichtige Kommunikation des Tages, nämlich das dreimalige gemeinsame Einnehmen der Mahlzeit, hier wurden auch Gäste empfangen, Feste gefeiert, aber auch Verträge abgeschlossen.

Besondere Kunstwerke waren und sind die „Jogitische", also jene, die man in der Nordoststeiermark, im sogenannten „Joglland" findet. Sie haben nicht nur - wie allgemein üblich - eine Brotlade und Fächerrahmen für das Eßbesteck, sondern auch „Geheimfächer". Meist ist so ein Tisch aus festem Ahornholz gebaut, mißt weit mehr als einen Meter im Geviert, und die Platte ist drei bis vier Zoll dick. Man hatte ja früher in den Bauernhäusern keine Schränke zum Aufbewahren von Dokumenten, sondern nur Truhen, in denen das Geschriebene aber oft zerknitterte.

In seinem Buch „Das Haus" beschreibt Peter Rosegger eine Szene, wo dieses „Geheimgelaß" zum Tragen kommt: „Der Nachbar saß am Tisch, schnitt sich aber nichts vom Brot und wollte von einem gütlichen Vergleich nichts wissen. Da stemmte sich mein Vater an die Tischplatte, diese gab nach und schob sich über das darunter liegende Fach hinweg. Nun zog mein Vater aus den vielen sorglich zusammengebundenen Papieren, die im Gelasse waren, ein Blatt hervor und sagte 'Wirst eh selber drauf unterschrieben sein' und legte es dem Nachbarn vor. Dieser studierte das Schriftstück kurz und zog kleinlaut von dannen. Mein Vater schob die wuchtige Ahornplatte wieder zurück und von dem Tag an wußte ich, wo das Urkundenarchiv des Hauses war."

Solche alten Jogltische kann man heute gelegentlich bei Antiquitätenhändlern um sündteures Geld erwerben. Oder man kann sich auch bei Spezialtischlern eine Neuanfertigung bauen lassen; den neuen Tischen fehlt allerdings die „Patina der alten Zeit"

Quellen#


Text und Bild aus: Steirischen Geheimnissen und Kuriositäten auf der Spur, Hilde und Willi Senft, MEDIA Marketing G.m.b.H. 2000


Redaktion: Hilde und Willi Senft