Johannesberg, Johanneskircherl - Austria-Forum : Heimatlexikon
Vom Hannsberg angezogen #
Johannesberg: Ein Kircherl statt der Burg#

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Das Kircherl auf dem Gipfel des Johannesberges (839 m) bei Harmannstein
ist von unten kaum zu sehen, nur die Spitze des kleinen Dachreiters ragt über die Wipfel hinaus. Trotzdem kommt man nicht drum herum – man muss zu ihm hinauf steigen! Den Schlüssel dazu gibt es beim letzten Bauernhaus am Fuß dieses Bergerls. Von dort sind es nur ein paar Minuten, bis man vor einer abweisenden hohen Mauer und einer gotischen Apsis steht, deren kantige Stützpfeiler sich an einen Felsen klammern, den man auf einer schmalen Balustrade umrundet. Eine enge, steile Stiege führt schließlich zum Eingang der Kirche hinauf.
Gegenüber dem niedrigen Portal erhebt sich ein Felsmassiv mit einem nackten hohen Gipfelkreuz, das sich in einer mit Wasser gefüllten Steinschale spiegelt. Man steht nun vor einer Opferstätte und dem Tummelplatz von Zwergen, den kleinen Geistern des Steines, wird einem von durchaus vernünftigen Leuten versichert, und sie schwören darauf, bei ausgezeichnetem seelischem und geistigem Wohlbefinden während einer Rast diese rätselhaften Gestalten beobachtet zu haben.
Erdgeister haben offenbar keine Scheu vor dem katholischen Gotteshaus, das ihnen im späten Mittelalter vor die Nase gesetzt wurde. 1162 wird an dieser Stelle eine Burg des Kuenringers Hadmar II. genannt, die allerdings bereits 1319 als „öde“ bezeichnet wird. Die Zisterzienser des Stiftes Zwettl errichteten auf den Trümmern 1381 eine Filialkirche der Pfarre Großschönau, die nach dem Hussitensturm um 1425 neu gebaut werden musste und 1452 geweiht wurde.
In den Mauern des Gebäudes ist das Mittelalter noch zu spüren: im Granit des Netzrippengewölbes, des Sakramentshäuschens und der Sitznische, allesamt Zeugnisse hoher Steinmetzkunst der Gotik. An den Wänden im Chor tauchten bei gründlichen Reinigungsarbeiten Reste von spätgotischen Fresken auf, unter anderem das Abbild des himmlischen Jerusalem aus der Apokalypse und ein mächtiger Christophorus. Interessant ist die seltsame Symbolik, mit der sein Bild bereichert wurde. Während der Heilige, auf einen Baumstamm gestützt, das Christuskind trägt, versucht ein dicker Skorpion dessen Schritt zu hemmen.
Das Fresko wird teilweise vom Hauptaltar verdeckt, einer Schnitzarbeit mit der Taufe des Johannes und anbetenden Engeln vermutlich aus dem 18. Jahrhundert. Als in den 1990er Jahren Experten die wertvollen Fresken besser zur Geltung bringen und den Altar aus der Johannesbergkirche entfernen wollten, stießen sie auf Widerstand der Bewohner von Harmannstein, die auf ihrem Johannesaltar beharrten. Er wurde in der Folge restauriert und präsentiert sich nun in ungewöhnlicher Farbenpracht.
Die „Madonna vom Hannsberg“, eine Schnitzarbeit aus der Zeit um 1450, ist nur mehr als Kopie zu verehren; das Original befindet sich im Diözesanmuseum in St. Pölten – aus leider allzu verständlichen Gründen, denn 1981 wurden von einem der beiden Seitenaltäre eine Taufe-Christi- Skulptur aus dem 19. Jahrhundert sowie vier geschnitzte Kerzenleuchter gestohlen.
Über den Sängerchor erreicht man den Dachboden und kann von dort in den Dachreiter zur Glocke hinaufsteigen. Vorsicht ist allerdings bei einem aufziehenden Gewitter angebracht. 1746 wurde Adam Göschl beim Wetterläuten vom Blitz erschlagen. An einem sonnigen Tag wird die Mühe des Aufstiegs zum höchsten Punkt der Johanneskirche jedoch mit einer nahezu unbeschränkten Fernsicht über das nordwestliche Waldviertel belohnt.
Text und Bilder mit freundlicher Genehmigung des Stocker Verlags aus dem schönen Buch:
Hannes Gans, Eva Wrazdil: Geheimnisvolles Waldviertel. Magisches, Besonderes, Kurioses und Unbekanntes. Leopold Stocker Verlag, Graz 2007.
Bestellung des Buches (Leopold Stocker Verlag)

