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Kehlen und der Dorfer Berg#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Kapelle Kehlen, Viehauftrieb
Kapelle in Kehlen, Viehauftrieb
© Stadtarchiv Dornbirn

Dass die Kehlerstraße einst mit 93 Hausnummern die längste Dornbirns war, stand im Titel einer anderen heimatkundlichen Führung. Bei Beginn der straßenweisen Numerierung 1879 beginnt dieser Straßenzug schon beim sogenannten Stöffelisbild.[1] Diese Stelle wird heute gewöhnlich als Toblerone-Kreuzung bezeichnet. Einst waren Kreuzgasse und Kehlerstraße ein Strang und knapp daneben mündete die Flurgasse vom Oberdorf ein. Die innere Eisengasse war eine Abkürzung aus dem 16. Jh. und der Haselstauder Kirchweg wurde erst um 1770 zu einer Straße ausgebaut.

Das Stöffelisbild war eines der Feldrandzeichen, wie sie um die Dornbirner Felder mehrfach, zumindest in überlieferten Namen nachzuweisen sind. Die Stifterfamilie Stöffli hat im 16. Jh. in Dornbirn einen Ammann gestellt, ist aber bald nachher wieder erloschen. Die Meinung, dass es sich hier um ein Bild des hl. Christoph gehandelt habe, ist eher unwahrscheinlich, aber der Personenname Stöffli ist sicher eine Verkleinerungsform dieses Namens. Der Bildstock diente in den Emser Urbaren zur Lokalisierung des Fischbachs, da eine der etwa 15 Quellen des Bachs ganz nahe entsprungen ist.

Bis zur Wapprugg, richtiger wohl Wattbruck,[2] war die Kehlerstraße Mark zwischen den Feldern oder Erschen Steinebach und Edlach, wobei zwangsläufig beidseits ein Zaun stand. Der große Bogen im Bereich der Elastisana ist am ehesten durch die damaligen Bachläufe zu erklären. Der Kirchweg der Kehler und Berger war die heutige Roseggerstraße. Er verlief wie alle Kirchwege ungeschottert über das Feld, auch quer über alle Grundstücke. Am Fallenbergbach beginnt nun die alte Siedlung Kehlen. Die älteste Form Erlachs Kehlen steht erstmals in einer Urkunde von 1393 zu lesen.[3] Eine Kehle war sichtlich ein künstlicher Wasserlauf und zur Unterscheidung von anderen, ähnlichen Gerinnen, war das diejenige beim Erlach. Der Name kommt weit und breit in ähnlicher Form vor, so schon zu Wolfurt und in Meckenbeuren gibt es eine Pfarrgemeinde mit sehr großer Kirche.

Vor der Numerierung 1879 zählten auch die Häuser von Schmalenegg eindeutig zum Kehler Dorf. Unter Schmalenegg verstand man damals nur die Einschicht, die man jetzt Bick nennt. Bick ist ein Personenname, wohl aus dem Bregenzerwald. Kaspar Bick ist im Urbar des Merk Sittich von Ems verzeichnet, Maximilian war etwa zu gleicher Zeit in Mühlebach.[4] In noch früheren Jahren war das sichtlich das große Gut „Hätzlisberg“; das schon 1431 in vielen Teilen verliehen war.[5] Aus der Verkaufsurkunde über diesen Bick vom 29.11.1418 geht hervor, dass das Gut jenseits der Gemeinmark lag, also jenseits der Saatfelder. Wenn dort schon der Steinebach geflossen wäre, hätte man wohl diesen als Begrenzung angegeben. Geologisch muss der sanfte Hügel eine große Mure gewesen sein. Vom Fallenbergbach ist der Bick durch die „Schmale Egg“ getrennt, einen der besten Weinberge Dornbirns. Der Bürgermeister Albert Rhomberg (1819-1884) baute hier einen kleinen Landsitz, hierzulande meist „Lusthaus“ genannt, von dem man eine reizende Aussicht auf das Stadtzentrum hat.

Ob Kehlen eine Außensiedlung des beengten Niederdorfs oder eine Talsiedlung des Fallenbergs war, ist heute wohl bedeutungslos. Die Wichtigkeit des Ortes wurde aber in der Vergangenheit grob überschätzt. Sogar Gelehrte vermuteten im 19. Jh. den Standort des vielfach genannten Dornbirner Kellhofs, der 1388 vom Frauenkloster Hofen bei Friedrichshafen an die Ritter von Ems überging. Der Kellhof lässt sich aber leicht zwischen Martinskirche, Marktstraße, Realschulstraße und Schulgasse lokalisieren. Auch angesehene Historiker haben manchmal nur über den Daumen gepeilt. Als Kern Kehlens gilt das ebene Straßenstück zwischen den beiden Ästen der Fallenberggasse. Hier sind oder waren die alten Gasthäuser des Ortes, der sich immer mehr gegen Haselstauden ausgedehnt hat. Rechter Hand war im Felsen eine Kaverne zur Aufbewahrung von Eis der Mohrenbrauerei aus einer Zeit, als es noch keine Kühlaggregate gab. An der Abzweigung der Mähdergasse stand die alte Kapelle. Wenn man Fremde, besonders Angelsachsen durch Dornbirn führt, sind sie oft entsetzt darüber, dass alte Kleinodien, Kapellen, Bildstöcke, ja auch der Friedhof einfach verschwunden sind. Der Alemanne und besonders der Dornbirner sind eben Rationalisten und die Erhaltung eines Bauwerks, das nicht mehr gebraucht wird, ist bei unserem Klima ungewöhnlich aufwändig. Viel besser ist das schon im Südtirol oder etwa in Irland, wo man keinen Frost kennt, bleiben Stein auf Stein tausend Jahre lang erhalten.

Die neue Kapelle ist 1867/68 erbaut worden. Damals zählten schon die Neusiedler am Fischbach zu den Beteiligten. Gewöhnlich diskutiert man sehr lang bei der Wahl des Patrons. Die Kehler haben es sich vereinfacht und die 14 Nothelfer ausgewählt, von denen jeder für ein anderes Anliegen zuständig sein soll. Drei davon sind Frauen und das ist ein Anteil von mehr als einem Fünftel, also ein besseres Verhältnis als in manchem Ausschuss. Bemerkenswert sind hier die Altarbilder des einheimischen Nazareners Kaspar Rick mit einer wertvollen Ansicht Dornbirns.[6] Nicht mehr viele wissen, dass um 1840 Kehlen kurzfristig zum Viertel Haselstauden geschlagen wurde und dass in Kehlen auch eine Volksschule für den ganzen Fischbachbereich und den Dorfer Berg geplant war.

Gleich nach der Kapelle rinnt über einen Felsen Wasser vom Fallenberg her, das ursprünglich als heilkräftig gegolten hat. Wie in Kehlegg oder Haslach hat manchmal schon allein die Anwendung von Wasser zum Wohlbefinden beigetragen, besonders wenn der Wirt noch anderes zu bieten hatte. Ein anderes Gasthaus nahe dabei muss hier noch genannt sein. Es ist der ehemalige Kehlerhof mit der Hausnummer 81. Im Volksmund nannte man es „Gasthaus zur ewigen Ruhe“, weil der Wirt alleinstehend war. Sein Sterben hat man eine Woche lang nicht wahrgenommen, und das nicht in einem großen Block, sondern im dörflichen Kehlen. Der Franzosenbrunnen soll an die Zeit Napoleons erinnern.[7] Zu jener Zeit war sicher jeder Brunnen von Franzosen umlagert. Die Brunnensäule stammt aus dem 19. Jahrhundert und trägt das Ulmerwappen, aber sonst keinen Hinweis auf jene Zeit.

Fallenberg
Fallenberg, Führung
© Stadtarchiv Dornbirn

Der Aufstieg auf den Fallenberg ist seit 1861 auf einer etwas steilen, aber guten Straße möglich. Früher führte der Weg über die „Jockelegasse“ und „Uris Naso“,[8] einen steilen Hügel, schnurstracks zum Haus Unterfallenberg 1. Bei einer früheren Führung war der Weg noch einwandfrei gangbar, wenige Jahre später schon nicht mehr zu finden. Es ist manchmal gut, zu demonstrieren, wie beschwerlich unsere Altvorderen den Transport ihrer Waren zu bewerkstelligen hatten. Das waren nicht nur Lebensmittel, sondern auch Streu für das Vieh.

Der Name Fallenberg steht schon im Mehrerauer Zinsrodel von etwa 1340.[9] Damals musste an das Kloster jährlich 8 Schilling Zins „unter den Linden“ geleistet werden. Der Berg, worunter man die Anhöhe zwischen dem Fallenbergbach und dem Stiglbach versteht, gliedert sich in den unteren und oberen Fallenberg, Stüben, Grundegg und Gehr. Nun gehört auch Rickatschwende dazu, das früher im Haselstauder Viertel lag.[10] Am unteren Fallenberg fällt das Haus Nr. 2 besonders durch 2-seitige Klebdächer auf. Es heißt, man habe hier im 19. Jh. gestickt und auch Stickereien an andere Sticker vergeben. Das Gelände unterhalb wird auch Völker genannt. Die Völki waren schon um 1400 ein begütertes Dornbirner Geschlecht. 1396 war Hans Fölk Othmarizinser am Fallenberg.[11] Obwohl Völkis Hof inzwischen eindeutig bei Bantling lokalisiert ist, scheint doch ein Zusammenhang mit dem Fallenberg bestanden zu haben, denn um 1800 besaß Alois Klocker, der „Völker“, Wald und Gestreus am Völkerhof.[12] Vielleicht reichte der Weg durch die Jahrhunderte: Fallenberg-Bantling- Fallenberg-Vorderachmühle.

Auffällig sind die Spuren des einstigen Weinbaues in diesem unteren Teil. Das Huttenbeet steht in mehreren Einkünfteverzeichnissen der Emser.[13] Schon im eigenhändig geschriebenen Urbar Ulrichs des Reichen von 1393 und im Nachtrag von 1396 lesen wir von den Verpflichtungen der Fallenberger diesen aufstrebenden Herren gegenüber. Auch der untere Fallenberg hatte eine kleine Kapelle. Einst führte der Weg von hier steil zum oberen Berg. Jetzt macht die Straße eine Schleife über Stüben. Dieser Ort ist erst 1598 als eigene Parzelle genannt.[14] Die alten Häuser sind hier so gestellt, dass alle lang von der Sonne beschienen werden. Die Felder liegen hauptsächlich am Weg zur Fluh und lieferten vor 200 Jahren noch reichlich Getreide. Der Schreiber, der hier im Jahre 1794 die Fatierung machte, hat uns wohl unbeabsichtigt viele, jetzt verlorene Flurnamen überliefert.[15] In anderen Teilen Dornbirns steht meistens nur der Seiboden pauschal, die Anzahl der Kuhwinterungen, Wälder und Alprechte.

Kapelle Oberfallenberg
Kapelle Oberfallenberg
© Stadtarchiv Dornbirn

Der obere Fallenberg zählte 11 alte Häuser und die Kapelle, die anstelle des Wohnhauses des Georg Kalb um 1870 mit Unterstützung des wohl bekannten Kaufmanns Mathäus Thurnher errichtet wurde. Die Kapelle ist neben dem hl. Mathäus, des Stifterpatrons, der heiligen Augenpatronin Ottilia geweiht. Nach der mündlichen Überlieferung waren früher Wallfahrten zum Kloster St. Odile im Elsass keine Seltenheit. So wie man schon früh die Heilige neben der seligen Ilga am Schwarzenberg verehrt hat, wo gleich wie im Elsass eine ausgiebige Quelle fließt, wollte man sich auch hier den tagelangen Marsch einsparen. Schließlich konnte man die Opfergelder auch im Land brauchen. Augenärzte gab es bekanntlich noch nicht und Krankenkassen ebensowenig, um die Kosten einer Brille ersetzt zu bekommen. Die Tafel der Heiligen wurde auch hier von Kaspar Rick gemalt. Im übrigen zieren die Kapelle große Figuren, die der Überlieferung nach aus der alten Kirche St. Martin stammen sollen.

Einige Bauernhäuser sind auch hier auffällig gut erhalten. Das Haus Nr. 10 ist allerdings seit der letzten Führung abgerissen, wurde aber vorher wenigstens noch gut dokumentiert. Das umfangreiche Gutachten von Klaus Pfeifer aus dem Jahr 2003 gibt für den Wohntrakt nach der dendrochronologischen Methode das Baujahr 1611 an. Natürlich waren in der Zwischenzeit, besonders im Jahre 1835, wesentliche Veränderungen vorgenommen worden. Wir könnten nach dieser Methode das Alter der Bauernhäuser am Dornbirner Berg vielfach um 50 bis 100 Jahre älter schätzen.[16]

Zum Fallenberg zählt auch die ganz nahe Einschicht Gehr. Nach dem Familienbuch ist hier Johann Sohm um 1690 nachgewiesen. Wie in hundert anderen Fällen musste der Verfasser Johann Hämmerle jeden Hans zu einem Johann ummodeln, denn ein Hans war zu profan für ein kirchliches Buch. Später war eine Wehinger-Sippe auf der Einschicht, die dann ins Oberdorf zog. Ein letzter Spross war unser Professor Franz Wehinger, der noch Gehrer Wisis Martis Franz genannt wurde.[17] Das ist aber nicht alles. Die Bewohner des Gehrs, womit ein heute noch erkennbares, spitziges Grundstück gemeint war, nannte man natürlich Gehrer und daraus ist ein amtlicher Familienname entstanden, wie er auch in Dornbirn üblich war. In Höchst, wo die meisten Gehrer anzutreffen sind, kommt man mit der Familienforschung nicht weit zurück. Der Fallenberg kann als Stammheimat der Vorarlberger Gehrer gelten, so lang nicht aus einer anderen Gegend ein älterer Beleg auftaucht. Sehr ungünstig zu bewirtschaften ist der erste Hof zu Grundegg. Ein Stück hinter der alten Säge in Kehlen befindet sich die Flur Grund, eine einstige Rodung, die jetzt wieder aufgeforstet ist. Hinter diesem Grund baut sich eine Egg auf, also ein Kamm oder auch Grat und am oberen Ende steht unser Hof, von dem der Hausname Grundeggers stammt. Auch dieses waren Wehinger und später Schwendinger.

Quellen#


... mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchivs Dornbirn.

[1] Stöffelisbild, 1564 Steuflenbild, nach der ausgestorbenen Familie Stöfli benannt, Feldrandbildstock, nahe bei der obersten Fischbachquelle, Plan der Firma J.G.Ulmer in: Werner Matt (Hg.), Fabriken-Mühlen-Bauernhäuser. Zur Entstehung einer Industrielandschaft. Baupläne für Dornbirn und Umgebung aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Dornbirn 1992, S. 88/89.
[2] Gebhard Winsauer, Flurnamenplauderei. In: Heimat 7 (1926), Sonderheft Dornbirn, S. 48 f.
[3] Stadtarchiv Dornbirn, Urk. 354.
[4] Vorarlberger Landesarchiv, Reichsgrafschaftsarchiv Hohenems, Hds. und Cod. 4, Urbar der Erben nach Hans von Ems 1564, S. 109.
[5] Franz Kalb, Lokalisierung von Dornbirner Flurnamen. In: Montfort 43 (1991), S. 169-171.
[6] Zu Kaspar Rick vgl. Franz Albrich, Der Maler Johann Kaspar Rick 1808 - 1888. In: Montfort 54 (2002), S. 124-133.
[7] Der Brunnen geht in der jetzigen Form nicht auf die Franzosen zur Zeit Napoleons zurück. Es ist unklar, warum man sich gerade hier an die unseligen Jahre erinnern wollte.
[8] Es war nicht mehr zu erfragen, nach welchem „Jokele“ die Gasse benannt wurde und welcher „Ure“ eine Nase hatte, die mit dem steilen Sporn vergleichbar war.
[9] Benedikt Bilgeri, Zinsrodel des Klosters Mehrerau 1290-1505 (Allgäuer Heimatbücher 21, Alte Allgäuer Geschlechter 16), Kempten 1940, S. 39.
[10] Siehe auch Aufsatz „Abgegangene Höfe in Rickatschwende, Ammenegg und Schauner“ in diesem Heft.
[11] Vorarlberger Landesarchiv, Reichsgrafschaftsarchiv Hohenems, Nr. 173,4, Urbar Ulrichs des Reichen von Ems, Nachtrag, datiert 1396.
[12] Stadtarchiv Dornbirn, Steuerbücher 1794, Abschnitt Niederdorf.
[13] Vorarlberger Landesarchiv, Reichsgrafschaftsarchiv Hohenems, Hds. und Cod. 4, Urbar der Erben nach Hans von Ems 1564. Es ist eindeutig die Jahrzahl 1409 falsch. Nach dem Siegler Hans Mötz (I.) muss es 1509 heißen.
[14] Vorarlberger Landesarchiv, Reichsgrafschaftsarchiv Hohenems, Hds. und Cod. 15, Urbar des Grafen Kaspar v. Hohenems 1605, Zinsbrief des Jakob Walser 1598.
[15] Leider ist der Lehrer, der um 1930 im Auftrag von Gebhard Winsauer dort die Flurnamen ermitteln sollte oder ermittelt hat, nicht bekannt.
[16] Weil immer mehr alte Häuser abgerissen werden oder Bränden zum Opfer fallen, ist es nur eine finanzielle Frage, wie weit sich die Stadt Altersbestimmungen leisten kann.
[17] Prof. Franz Wehinger hat unter dem Titel „Auf dem Schnellzuge des Lebens durch’s Oberdorf“ allerlei aus der Geschichte des Oberdorfs zusammengetragen. Das Manuskript wurde vom Pfarramt Oberdorf zur Verfügung gestellt.