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Kirtag#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Stefflkirtag, © Helga Maria Wolf
Stefflkirtag
© Helga Maria Wolf

Traditionelle Kirtage fanden bis in die jüngste Gegenwart im Weinviertel (Niederösterreich) das ganze Jahr über statt, vom Saukirtag im Jänner in der Umgebung von Poysdorf bis zum Kathrinikirtag, bei dem der Kathreintanz "den Tanz einstellt". Nur die beiden tanzlosen Festzeiten, Fastenzeit und früher Advent waren ohne Kirtag, aber manchmal gab es Jahrmärkte am Andreastag, der am 30. November in den Advent fallen konnte. Kirchweihe und Patrozinium sind meist gleichzusetzen, weil man sich bemühte, die Kirche am Tag des Patrons zu weihen. Man wollte aber den "weltlichen" Kirtag in der warmen Jahreszeit halten und wählte daher auch den Termin des zweiten Kirchenpatrons oder einen Heiligen, dem ein Seitenaltar geweiht war. Neben der Fortführung des Althergebrachten gibt es Wiederbelebungen und Umbenennungen (Volksfest). Besonders in Niederösterreich organisierten die Burschen den Kirtag, früher der jeweilige Rekrutenjahrgang. Häufig übernehmen sie mit dem Wirt Haftung und Risiko für die Veranstaltung. Nicht nur die Gruppe der unverheirateten Männer tritt als Veranstalter auf, auch die katholische Jugend, die Gemeinde, der Verschönerungsverein, die Naturfreunde, Feuerwehren oder Brauchtumsgruppen.

Zu den Pflichten der Veranstalter gehört die Aufnahme der Musik, mehrere Wochen vor dem Fest, das an einem Sonntag stattfand. Auch ein Tanzboden musste beschafft werden, früher war die Tanzbühne im Besitz der Musikanten. Eine Woche vor dem Kirtag fuhren die "Irkenburschen" mit einem geschmückten Pferdewagen, auf dem sich ein Bierfass befand, in die Nachbarorte, um einzuladen und Plakate anzubringen. Für die Frauen gab es viel Arbeit hinter den Kulissen, beim Kirtagsputz, Kochen und Backen und Beschaffen neuer Kleider, die von der dörflichen Schneiderin genäht wurden. Professionelle Kirtagbäckerinnen sorgten für Keks und andere Köstlichkeiten. Bei den Zuckerbäckern gab es Weinbeerkipferl, Krapfen aus Butterteig mit bunter Spritzglasur, Schnürkrapfen und Schneeballen. Das klassische Essen war Leberknödelsuppe, Rindfleisch mit Semmelkren, Gänsebraten, auch Backhendl, Schnitzel und Schweinsbraten, dazu Erdäpfel- und Gurkensalat.

Weithin sichtbares Zeichen des Kirtags war der Kirtagbaum oder Tanzbaum, geschmückte und bis auf den Wipfel entrindete Nadelbäume. Wie der Maibaum wurde dieser erkraxelt, wobei dem Sieger eine Flasche Wein als Preis winkte. Wie beim Maibaum bestand auch ein Stehlrecht, oft aus dem Gemeindewald. Früher hatte der Grundherr das Rechtssinnbild als Geschenk zu stiften. Der Festtag begann mit der Festmesse und dem Umzug des Kirtagskranzes. Die Burschen ließen den Honoratioren von der Musik ein Ständchen bringen und wurden dafür bewirtet und entlohnt. Abends im Kirtagslokal gab es eine Reihe von Ehrentänzen, dazwischen wurden Gstanzln gesungen. Nach Mitternacht ließ sich die Dorfprominenz von den Musikanten "heimgeigen" oder "heimblasen". Am Kirtagmontag wurde weitergefeiert, wobei es in der Kirche ein "Burschenamt" gab. Im Lauf der Zeit verlagerte sich die Veranstaltung aber auf Samstag und Sonntag, weil viele nicht mehr daheim als Bauern, sondern auswärts arbeiteten. Am Kirtagdienstag folgte dann in manchen Orten das Kirtageingraben oder -verbrennen. Eine Parallele zur Parodie des Faschingseingrabens mit dem Trauerzug.

Der Rowisch (slawisch rovus - Kerbholz) war Würdezeichen und Zeremonienstab der Kirtagburschen im nördlichen Weinviertel. In das bändergeschmückte, zweiteilige Kerbholz wurde die Konsumation an Bier und Wein eingeschnitzt. Am Ende fügte man die Teile zusammen und der Wirt erhält die entsprechende korrekte Bezahlung.

Zum Kirtag gehört der Jahrmarkt oder ein Standelmarkt. Auf diesem haben u.a. Lebzelter ihre Stände, wo sie die mit buntem Zuckerguss verzierten Herzen anbieten. Traditionell ist der Kirtag ein Kommunikationszentrum, Brautschau, Unterhaltung, Anlass für Essen und Trinken. Seit dem Spätmittelalter wurden Missstände am Kirtag beklagt, doch dauerte es bis ins 18. Jh., dass sich die weltliche Obrigkeit für einen einheitlichen Termin aussprach. Joseph II. bestimmte den 3. Oktobersonntag als Allerweltskirtag. Doch konnte der verordnete Kaiserkirtag die angestammten Termine nicht verdrängen, im Gegenteil, er kam noch dazu. Der Aufklärer Josef Richter, bekannt als Eipeldauer, notierte: "Kirchweih ist der Fasching der Bauern. Die Zeremonie wird mit einer Predigt und einem Hochamte angefangen und mit Tanzen und einem derben Rausch geschlossen. Die Stadtleute, die sich das ganze Jahr weder um den Bauern noch um seine Kirche kümmern, lassen sich an diesem Tag zu ihm herab - und verderben ihm öfters seinen Spaß."

In Wien wurden in den 1970er Jahren eine Reihe von Kirtagen wieder belebt, sind allerdings meist wieder abgekommen. Neuerdings werden gern "Kirtage" mit ländlichem Anstrich (Stefflkirtag seit 9 Jahren, Wiener Kirtag auf dem Rathausplatz, zum 2. Mal) und Veranstaltungen wie der Trachtenpärchenball ("Der schrägste Ball, seit es Lederhosen gibt") oder 2011 erstmals die "Wiener Wiesn" mit Anklängen an das bayrische Oktoberfest besucht.

Quelle#

Werner Galler: Kirtag in Niederösterreich. St. Pölten 1984


Redaktion: hmw