unbekannter Gast

Leinenweber#

Heimatlexikon - Unser Österreich

"Heimatlexikon - Unser Österreich"#

Ein Projekt von ServusTV in Zusammenarbeit mit dem Austria-Forum

Beruf: Leinenweber
Weber. Um 1860. Kolorierte Lithographie. Aus: »30 Werkstätten von Handwerkern«. Schreiber: Eßlingen o.J.
© Ch. Brandstätter Verlag

Leinenweber verarbeiteten ursprünglich sowohl gesponnenen Flachs als auch Hanf zu Leinwand; seit etwa 1500 wurde Hanf hauptsächlich nur noch für Haustuch, Sack- und Packleinwand, grobe Zeuge wie Segeltuch und Seilerwaren verwendet. Der Flachsanbau und die Leinenweberei sind uralt. Gräberfunde zeigen, dass die Weberei in Ägypten bereits 2000 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung auf hohem Niveau stand. So wurden beispielsweise Mumienbänder aus feinstem Leinen mit 152 Fäden in der Kette und 71 Fäden im Schuss auf einen Quadratzoll gefunden.

Im Gegensatz zur Tuchmacherei (Wollweberei), die sich doch meist als städtisches Handwerk etablierte, war die Leinenweberei lange Zeit im ländlichen Raum als Heimgewerbe verbreitet und wurde vielfach von hörigen Bauern und Tagelöhnern, die als unehrlich galten, betrieben. Von den Webern hieß es, sie machten aus fremdem Garn ihre Leinwand, und überhaupt brandmarkte sie der Volksglaube als Diebe, obwohl sie den »Galgen«, gemeint war der Webstuhl, stets vor Augen hatten. Wenn sie das Schiffchen hin und her warfen, so war es mit »tausend Sakrament« beladen, denn kein Handwerk war angeblich mehr dem Fluchen und Schelten ergeben als dieses. Das seltsamste der altdeutschen Spottlieder auf die Leinenweber ist wohl Igel und Leinweber. Es schildert, wie die Leinenweber sich vermessen, den Igel totzuschlagen, dann aber im Kampf mit ihm schmählich unterliegen. Ihre Armseligkeit schildert ein anderes Lied:

Beruf: Leinenweber
Leinenweber. 1820. Kolorierte Radierung. Aus: »Gallerie der vorzüglichsten Künste«. Zürich – Leipzig 1820
© Ch. Brandstätter Verlag

»Die Leineweber haben eine saubere Zunft, /

Mit Fasten halten sie Zusammenkunft; /

Die Leineweber schlachten alle Jahr zwei Schwein, /

Das eine ist gestohlen – das andere ist nicht sein. /

Die Leineweber nehmen keinen Jungen an, /

Der nicht sechsWochen hungern kann.«

Die einjährige Pflanze des zur Gattung Linum gehörenden Gemeinen Flachses (Lein) mit lanzenförmigen Blättern, blauen Blüten, zehnfächeriger Kapsel und öl- und schleimreichem Samen wurde von den Landwebern selbst angebaut und versponnen. Sobald das untere Drittel der Stengel »zeisiggelb« geworden und die Blätter abgefallen waren, wurde der Flachs gerauft. Beim Raufen begann schon das Sortieren nach Länge, Stärke und Reife der Stengel, die dann auf dem Feld ausgebreitet wurden, bis sie lufttrocken waren. Danach wurden die Samenkapseln (Leinknoten) abgedroschen, später mit der Riffel oder der Riffelbank, einem eisernen Kamm, abgeriffelt, und der Bast wurde in warmem Wasser mehrere Tage geröstet (gerottet). Der geröstete Flachs wurde dann getrocknet (gedörrt), gebrochen, mittels einer Schwinge (einer stumpfen Holzklinge) geschwungen, um die holzigen Teile (Schäbe) vollständig zu entfernen, und zuletzt gehechelt. Beim Durchziehen durch die spitzen Stahlnadeln der Hechel wurde der Bast in Fasern zerlegt, und kurze Fasern (Werg, Hede) und noch eingeschlossene Holzteilchen wurden ausgeschieden. Der so gewonnene Reinflachs zeichnete sich durch seidenartigen Glanz, Feinheit und Weichheit aus. Für die Herstellung feinster Garne wurde der Reinflachs noch geklopft und gebürstet sowie durch Kochen mit Pottaschelösung vom Pflanzenleim befreit.

Leinwand war im Mittelalter ein hochgeschätztes Gewebe, aus dem nicht nur Hemden und Bettzeug, sondern auch Kleider, Waffenröcke, Satteldecken, Hutbezüge und Paniere verfertigt wurden. Nach Art der Webtechnik unterschied man Stoffe mit Leinwand- (Hausleinwand, Batist), Köper- (Zwillich- und Drillicharten, Gradl) und Atlasbindung (Damast).

Beruf: Leinenweber
Bearbeitung des Flachses. Um 1825. Lithographie von Jos. Trentsensky. No. 13
© Ch. Brandstätter Verlag

Die Zentren der Leinenweberei waren ursprünglich die Niederlande und Westfalen, dann blühte sie nach und nach in der oberschwäbischen Landschaft (Konstanz, Augsburg, Ulm), in Hessen, Thüringen, Böhmen, Oberösterreich (Linz) und Sachsen auf. Bedeutendstes Leinengebiet war um 1800 Schlesien. Bereits Friedrich der Große förderte die Ansiedlung von Webern in Schlesien, teils durch wirtschaftliche Versprechungen, teils durch »gewaltsamen Menschenraub« in seinen weniger mächtigen Nachbarstaaten. Die Leinenproduktion steigerte sich zwar bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, doch verstärkte sich auch durch irische, böhmische und russische Konkurrenz der Preisdruck auf dem Weltmarkt, wodurch die Handleinenweberei in eine schwere Krise geriet. Weber elend und Weberaufstände, nicht nur in der Leinenweberei, waren die unausweichlichen Folgen und wurden zum zentralen Thema nicht der Machthaber, die mit brutaler Gewalt jedes Aufbegehren erstickten, sondern vieler Dichter und bildender Künstler. Der Hungerrevolte und den aufständischen schlesischen Webern von 1844 beispielsweise, der ersten bedeutenden Erhebung des deutschen Proletariats, widmete Gerhart Hauptmann sein in Peterswaldau (von wo aus der Aufstand auf andere schlesische Dörfer übergriff) spielendes Drama Die Weber. Käthe Kollwitz schuf einen Zyklus von Radierungen, die das revolutionäre Geschehen jenes Frühsommers zum Gegenstand haben; und auch der aus politischen Gründen verfolgte und zur Emigration nach Frankreich gezwungene Heinrich Heine ergriff Partei für die verelendeten Weber mit seinem Gedicht Die schlesischen Weber, dessen dritte Strophe heißt:

»Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, /

Den unser Elend nicht konnte erweichen, /

Der den letzten Groschen von uns erpreßt, /

Und uns wie Hunde erschießen läßt – /

Wir weben, wir weben!«

Der Verdrängungsprozess wurde durch Maschinengarn und mechanische Webstühle verstärkt, und schließlich versiegte um 1900 der Flachsanbau, da die Nachfrage nach Leinen zurückging, dafür die nach Baumwollgeweben stieg (’ Barchent- und Baumwollweber).

Quellen#

  • Verschwundene Arbeit, R. Palla, Christian Brandstätter Verlag, 2010


... mit freundlicher Genehmigung des Christian Brandstätter Verlags.