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Stadtpalais Liechtenstein, Wien 1#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Stadtpalais Liechtenstein
Das Stadtpalais Liechtenstein auf einem Kupferstich von Salomon Kleiner (um 1724-1730)

Das Palais Kaunitz-Liechtenstein Minoritenplatz 4 / Bankgasse 9 ist Wiens frühestes hochbarockes Palais nach römischem Vorbild. Jahrhunderte später zollte Adolf Loos dem seiner Meinung nach schönsten Palast Wiens Lob: „Er ist so ganz unwienerisch hier tönt uns die machtvolle sprache Roms entgegen, unverfälscht, ohne die schnarrenden nebengeräusche eines deutschen grammophons.“ Sein Aussehen verdankt das Majoratshaus Adam Andreas I. Fürst von Liechtenstein (1657-1712), einem der größten Kunstmäzene und Bauherren seiner Zeit. Der Fürst übernahm die prominente Baustelle im Herrenviertel von Dominik Graf Kaunitz und betraute namhafte italienische und österreichische Künstler mit der Fertigstellung und Ausgestaltung. Der Bau mit fünfschiffiger Eingangshalle und quadratischem Innenhof hat - in der Bankgasse und am Minoritenplatz - zwei repräsentative Eingangsportale. Sie werden ebenso wie die bedeutende Skulpturenausstattung der Fassade und des Treppenhauses Giovanni Giuliani (1663-1744) zugeschrieben. Der Venezianer war zunächst für die Familie Liechtenstein tätig, ab 1711 lebte er als Laienbruder in Stift Heiligenkreuz, für das er seine bedeutendsten Arbeiten schuf. Giuliani war Lehrer von Georg Raphael Donner (1693-1741). Als Stuckateur wirkte Santino Bussi, Andrea Lanzani und Antonio Bellucci als Maler.

Bis 1897 befand sich die fürstliche Kunstsammlung, eine der bedeutendsten weltweit, in dem Palais. 1836-47 ließ Alois II. von Liechtenstein (1796-1858) das Stadtpalais umgestalten. Damals erhielten die Interieurs - erstmals in Wien - die Formen des Zweiten Rokoko. Zugleich war der Bauherr Neuem sehr aufgeschlossen. Es gab Aufzüge, eine Haussprechanlage, eine Heißluftheizung, drehbare Spiegeltüren, bewegliche Wände und Plafonds. Michael Thonet (1796-1871) fertigte prächtige Parkettböden und leichte Beistellstühle, so genannte Laufsessel, in der von ihm erfundenen Bugholztechnik. Es gab sie in drei Sorten, von einfachen bis zu vergoldeten und mit Sitzpolstern ausgestatteten Modellen. Die aufwändige technische Ausstatttung, die ständig Reparaturen erforderte, führte zum Spottnamen "Künstlerversorgungshaus". Die Adaptierung verursachte die enormen Kosten von 4 Millionen Gulden. Der Eröffnungsball 1848 war ein großes gesellschaftliches Ereignis.

In den letzten Kriegstagen des Zweiten Weltkrieges führten Bombentreffer und ein in das Dach gestürztes Flugzeug zu schweren Schäden. Das Stiegenhaus wurde im Deckenbereich des zweiten Stocks total zerstört, die daneben gelegenen Prunkräume stark beschädigt. In den ersten Nachkriegsjahren wurden Sicherungsarbeiten, und 1974/76 Renovierungen durchgeführt.

Nach rund vier Jahren waren im April 2013 die Generalsanierung und Restaurierung unter der Leitung von Architekt Prof. Manfred Wehdorn abgeschlossen. Es handelte sich um die umfangreichste Restaurierung nach wissenschaftlich-denkmalpflegerischen Grundsätzen der letzten Jahre in Wien. Mit einem Aufwand von 100 Mio. Euro wurde das Palais in aufwendigster Detailarbeit an moderne Standards angepasst, der historische Charme jedoch perfekt erhalten. Zur Verbesserung der Statik wurde ein Stahlskelett als Stütze eingezogen, zusätzlich stabilisiert der neue dreigeschossige Tiefspeicher das Gebäude. Das gesamte Haus ist barrierefrei erschlossen und vollklimatisiert. Rund 1.200 eigens entwickelte 1.200 LED-Leuchten ersetzen das historische Kerzenlicht und auch das Sicherheitskonzept erfüllt die höchsten Anforderungen.

Bei den restauratorischen Arbeiten legte man Wert auf den Einsatz authentischer Materialien und der originalen Bautechnik. Das Palais gilt als Vorzeigebeispiel der Denkmalpflege, das den Alterswert betont. So wurden die Vergoldungen großteils gereinigt, Neuvergoldungen (mit 150.000 Stück Blattgold) erfolgten nur an den ergänzten Teilen. Für die Rekonstruktion der Seidentapeten baute man einen Webstuhl nach, der wie vor 170 Jahren, mehr als 20.000 Kettfäden verarbeiten kann.

Auf rund 250 m² im ersten und rund 320 m² im zweiten Obergeschoß stehen die historischen Räume für exklusive Veranstaltungen zur Verfügung. Für die kunstinteressierte Öffentlichkeit sind sie (wie auch im Gartenpalais im 9. Bezirk) im Rahmen gebuchter Führungen zugänglich. Dabei kann man Gemälde und Möbel aus Klassizismus und Biedermeier, unter anderem Meisterwerke von Friedrich von Amerling, Friedrich Gauermann oder Ferdinand Georg Waldmüller, im originalen Ambiente betrachten.

Quellen#


Redaktion: hmw