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Gartenpalais Liechtenstein, Wien 9#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Gartenpalais Liechtenstein
Gartenpalais Liechtenstein
© Doris Wolf

Das barocke Gartenpalais Liechtenstein (Liechtensteinmuseum) ist in der Fürstengasse mit einem lanzenbewehrten Zaun und das klassizistische Haupttor von Joseph Kornhäusel abgeschlossen. Dessen Inschriften lauten: "Der Natur und ihren Verehrern" und "Die Kunst den Künstlern. IOH. Fürst von Liechtenstein". Der Ehrenhof diente als Versammlungsort bei Jagden, zur Vorfahrt adeliger Kutschen ebenso wie den zahlreichen Gärtnern bei der Pflege exotischer Pflanzen. Die ihn beiderseits abschließenden, halbrunden Seitentrakte sind auf der Attika durch Kopien von lebensgroßen Figuren des Bildhauers Giovanni Giuliani (1664-1744) geschmückt. Für den Park und die Nebengebäude offerierte der Bildhauer 39 Einzelstatuen und acht Doppelfigurengruppen, zwischen denen 22 Vasen stehen sollten. Nachdem Johann Adam Fürst Liechtenstein (1662-1712) einen Entwurf J. B. Fischer von Erlachs (1656-1723) als zu wenig repräsentativ abgelehnt hatte, wurde das Gartenpalais 1691-1711 nach Plänen von Domenico Egidio Rossi (1659-1750) und Domenico Martinelli (1650-1719) errichtet. Dieser folgte der italienischen Tradition innerstädtischer Palastarchitektur. Für ein vorstädtisches Gartenpalais ist der Entwurf höchst ungewöhnlich. Das fürstliche Landschloss mit seiner strengen Gliederung der 13 Fensterachsen ist dreigeschoßig, 75 m lang und 40 m breit. Innen wurde eine aufwändige Raumfolge etabliert: Auf ein Vestibül folgen zwei große Treppenhäuser mit Stufen aus rotem Salzburger Marmor, die zum Herkules-Saal und der anschließenden Galerie führen. Kaiser Franz I. (1768-1835) soll 70.000 Gulden für die Prachtstiege geboten haben, in deren Stein 195 Millionen Jahre alte Ammoniten eingeschlossen sind. Im Zuge der jüngsten Restaurierungsarbeiten wurden in den Stiegenhäusern die ursprünglichen Fresken von Johann Michael Rottmayr (1654-1730) entdeckt und bis 2006 wieder hergestellt. Das Deckenfresko im östlichen Stiegenhaus zeigt auf einer Fläche von etwa 220 Quadratmetern den klassischen Götterhimmel, im westlichen ist der Kampf der Giganten und Götter dargestellt.

Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg verlegte die fürstliche Familie ihren Wohnsitz nach Vaduz, auch die Kunstschätze wurden dorthin verbracht. Zur Zeit des Wiederaufbaus wurde 1957 in Palais und Park (mit Muster-Fertigteilhäusern) das Österreichische Bauzentrum etabliert. Nach mehr als 20-jähriger Tätigkeit hatte das Informationszentrum seinen Zweck erfüllt. 1979 zog das "museum moderner kunst" dem das 20er-Haus, der Weltausstellungspavillon von 1958, zu klein geworden war, in das Gartenpalais ein. Es blieb hier bis 1999 und übersiedelte 2001 in sein neues Haus im MuseumsQuartier.

Bis zur Jahrtausendwende war die Konsolidierung der finanziellen Lage des Fürstenhauses so weit gediehen, dass eine Revitalisierung des Gartenpalais und die Neuaufstellung der Kunstsammlung möglich wurde. Die Kosten der Sanierung, Restaurierung, Verbesserung der Technik und Infrastruktur betrugen 11 Mio. Euro. 2004 fand die Wiedereröffnung statt. Um den Herkules-Saal in der Beletage sind weitere sieben Galeriesäle gruppiert, in denen 170 Hauptwerke aus allen Kunstperioden gezeigt werden: Religiöse Kunst der Gotik und Renaissance in Italien; Portraits der Spätgotik und Renaissance; Werke von Peter Paul Rubens, Adrian De Fries und Masimiliano Soldani Benzi; Die flämische Malerei; Bilder von Peter Paul Rubens und Anthonis van Dyck. Die Kunstkammer enthält das Badminton Cabinet, einen Kabinettschrank, der wegen seiner Intarsien aus Schmucksteinen (Commessi di pietre dure) und Dekor mit vergoldeten Bronzen als das bedeutendste Werk dekorativer Kunst aus den letzten 300 Jahren gilt. Dazu kommen die Sala terrena mit dem berühmten Goldenen Wagen aus 1738, die neu aufgestellte, 100.000 Bände umfassende Bibliothek und Wechselausstellungen in den Sälen I-III. Hoffte man bei der Wiedereröffnung auf 300.000 Besucher im Jahr, so blieb deren Zahl mit 45.000 weit unter den Erwartungen. Fürst Hans-Adam II. Liechtenstein entschied daher, den Museumsbetrieb im Jänner 2012 einzustellen. Seither finden nur noch Veranstaltungen und gebuchte Führungen durch die fürstlichen Sammlungen statt.

Der ca. 60.000 m² große Liechtensteinpark war ursprünglich neben dem Belvedere-Garten der bedeutendste Repräsentant barocker Gartenkunst in Wien. Mit den Skulpturen Giovanni Giulianis und seinen vielfältigen formalen Bepflanzungen bildete er einen eigenen Kosmos. Im 19. Jahrhundert wurde er in einen englischen Landschaftsgarten umgestaltet. 1984 stellte die Bezirksvertretung den Antrag an die Gemeinde Wien, einen ca. 6.800 m² großen Teil des Parks als Kinderspielplatz zu erwerben. Dieser wurde vom Fürstenhaus verpachtet und ist seit 1987 durch einen Zugang in der Mauer des Parks an der Liechtensteinstraße erreichbar. Mit der Generalrenovierung des Palais erfolgte auch die Veränderung des Parks. Die Neugestaltung soll sowohl an den barocken Garten, als auch an den Landschaftsgarten des 19. Jahrhunderts erinnern. An das Palais schließt ein barockes Blumenparterre an, das in einen englischen Garten übergeht. Mit der Neugestaltung und der Einbeziehung des bisher privaten Bereichs wurde der Park nicht nur vergrößert, sondern auch durch Denkmäler verschönt. Das Denkmal des Raffael (manchmal als "Dante" bezeichnet) von Ernst Rudolf Hähnel (1811-1891) wanderte von der Vorderseite des Palais an seine Rückseite und der bisher private Nereidenbrunnen von Franz Anton Zauner (1746-1822) kann nun aus der Nähe betrachtet werden. Eine Blickachse führt zum sogenannten Neuen Palais in der Alserbachstraße 14. Dieses wurde als fürstlicher Witwensitz 1873-75 durch Heinrich Ferstel an Stelle eines Belvederes von J. B. Fischer von Erlach errichtet. Der Neubau zitiert die Idee des urprüngliche Gebäudes mit seiner triumphbogenartigen Gestaltung.

Quelle#


Redaktion: hmw