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Lustfeuerwerker#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Beruf: Lustfeuerwerker
Feuerwerk am 8. Dezember 1666 anläßlich des »Kayserl. Beylagers« (Hochzeit) von Kaiser Leopold I. (1640–1705) mit Margarita Teresa von Spanien. Zeitgenössischer Kupferstich nach Entwurf von Lodovico Burnacini
© Ch. Brandstätter Verlag

Lustfeuerwerker widmeten sich der schönen Kunst der Verschwendung und unterhielten ihr Publikum zu verschiedenen Anlässen wie Geburten, Taufen, Hochzeiten und Krönungen von fürstlichen Persönlichkeiten, Siegen und Friedensschlüssen mit wirbelnden Feuerrädern, rasenden Schwärmern, krachenden Kanonenschlägen, berstenden Lustkugeln, mit Raketen, aus denen plötzlich vielfarbige Bouquets hervorbrachen, und mit gleißenden Schnurfeuern und Kaskaden. Feuerwerke wurden zur Kunstform und zum Höhepunkt der Huldigung an Könige und Fürsten. Nach der Entrée Royale (1707) des Artilleriekommandanten von Brest, Amédé François Frézier, gab es keine sinnvollere, geeignetere Form, Gott und sein Abbild auf Erden, den König, zu ehren als durch Licht, Flammen und Wärme. Denn sie symbolisierten die Überwindung der Nacht, den Sieg über Dunkel und Chaos. Festarchitekten ließen riesige Kulissenbauten errichten, Feuerwerkspantomimen wurden aufgeführt, Belagerungen simuliert, Duelle der apokalyptischen Monster Leviathan und Behemoth, die Eroberung des Goldenen Vlieses oder die Geschichte der Zauberin Circe inszeniert, wobei man Tanz, Theater, Parklandschaft und Wasserspiele mit einbezog. Ein Höhepunkt in dieser Entwicklung war zweifellos die Aufführung der Feuerwerkmusik von Georg Friedrich Händel im Jahr 1749 in London, die während eines Feuerwerks zur Feier des im Jahr zuvor erfolgten Friedensschlusses von Aachen gespielt werden sollte. Nach geglückter Generalprobe musste allerdings die eigentliche Uraufführung abgebrochen werden, weil ein Teil der Feuerwerkskulissen in Brand geraten war.

Beruf: Lustfeuerwerker
»Artificier« (Feuerwerker). Kupferstich. Aus: Diderot – d’Alembert. »Encyclopédie, ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers«. Livorno 1771
© Ch. Brandstätter Verlag

Die europäische Premiere der Lustfeuerwerkerei fand vermutlich am Pfingsttag 1379 in Vicenza statt. Es war kurz nach dem Friedensschluss der Scaliger und der Visconti, als eine funkensprühende Rakete in Form einer colomba, einer Taube, an einer Schnur vom Turm des bischöflichen Palasts in einen Festbau hinabglitt. Ein Chronist berichtete, die Gläubigen hätten sich, erschüttert von dem »Wunder«, auf ihr Gesicht geworfen und in »fremden Zungen« gesprochen, so wie die Bibel es von der ersten Pfingstgemeinde nach der Einwirkung des sanctus spiritus berichtet. Fast alle namhaften Pyrotechniker stammten aus Italien, mit der Hochburg Florenz, und ihre Kunst der raffiniert ausgetüftelten und perfekt ausgeführten Licht- und Lärmeffekte brachte ihnen einträgliche Engagements an ausländischen Höfen. Die Architektenfamilie Galli-Bibiena, die an verschiedenen deutschen Fürstenhöfen tätig war, wurde von Kaiser Leopold I. nach Wien geholt; Giacomo Torelli, einer der wenigen, die das ganze Trickrepertoire der verschwenderischen Festgestaltung genial beherrschten, übersiedelte 1645 nach Paris. Besondere Berühmtheit erlangte die Familie Ruggieri; der Vater Petronio führte den Theaterblitz und den Theaterdonner ein, ließ Schauspieler in Gewändern, die von oben bis unten mit Brandkörpern besteckt waren, zu seinen feux d’artifice griechische Mythen aufführen und amüsierte Ludwig XV. Sein Sohn Claude-Fortuné war kaiserlicher Hoffeuerwerker Napoleons, der erstmals 1801 den Bastillesturm pyrotechnisch hochleben ließ und so ziemlich alle Heldentaten des Imperators feurig feierte.

Das Grundgemenge der meisten Feuerwerkskörper bestand aus dem »weiblichen« Salpeter, dem »männlichen« Schwefel und der Holzkohle. Im Laufe der Feuerwerksgeschichte kamen noch Antimonsulfid, Rauschgelb, Arsensulfid und andere Stoffe dazu, die man mit Rohöl, Terpentin und Alkohol ergänzte, um die Verbrennung zu erleichtern.

Die Herstellung von Feuerwerkskörpern und das Abbrennen von Feuerwerken lagen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts oft auch in den Händen der militärischen Feuerwerker und Büchsenmeister bzw. der Artillerieoffiziere.

Quellen#

  • Verschwundene Arbeit, R. Palla, Christian Brandstätter Verlag, 2010


... mit freundlicher Genehmigung des Christian Brandstätter Verlags.