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Der Meteorit von Ybbsitz #

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Meteorit Ybbsitz
Meteorit von Ybbsitz - Durchmesser des Stückes etwa 20cm.
© Dr. Wolfgang Schnabel, Wien

"Es ist ein unglaublicher Zufall gewesen, der sich an einem schönen Spätsommertag des Jahres 1977 in der Nähe des schönen Marktes Ybbsitz in den westlichen Niederösterreichischen Voralpen ereignet hat: Im Wald des Prochenberges Prochenberg, Ybbsitz wurde ein Meteorit gefunden."

Es ist der 6. Meteorit, der je auf dem Gebiet des heutigen Österreich gefunden wurde und der erste Fund ohne Fallbeobachtung, der einzige Zufallsfund also.

Mit seinen fast 15 kg ist er der zweitschwerste, nur der von Mauerkrichen (OÖ) aus dem Jahre 1768 ist noch schwerer (19 kg). Der letzte Fund liegt über 50 Jahre zurück, es ist jener von Prambachkirchen (OÖ) aus dem Jahre 1932.

Nur eine ganz außergewöhnliche Folge von Zufällen kann zu so einem Fund verhelfen, unterscheidet sich doch ein außerirdisches Gestein oberflächlich in der Regel nicht auffallend von vielen irdischen vulkanischen Gesteinen, und solche sind auch im Voralpengebiet häufiger anzutreffen, als bisher angenommen worden war. Außerirdisches Gestein gelangt in großen Mengen (täglich viele 1000 Tonnen) in die Anziehungskraft der Erde, doch schützt uns die Erdatmosphäre davor. Kleinste Meteorteilchen - sogenannter meteoritischer (kosmischer) Staub - werden in großen Höhen meist ohne merkliche Erscheinungen abgebremst, etwas größere Stücke bis etwa 1cm verglühen in 90 - 120 km Höhe und werden von uns nur als Sternschnuppen wahrgenommen.

Noch größere erzeugen durch Kompression der Luft auffallende Leuchterscheinungen, da sie tiefer in die Atmosphäre eindringen, manche bis 10 km Höhe. Viele Stücke zerbrechen dabei in Einzelteile, was deren vollständiges Verglühen wieder begünstigt. Stoßwellen können als Donner wahrgenommen werden. Verbleibende Reste fallen zur Erdoberfläche, manche als sogenannte Meteoritenregen.

Die Schätzungen der so weltweit jährlich auf die Erdoberflache niederfallenden Meteorite schwanken zwischen 10000 und einigen 100. Die Zahlen mussten in letzter Zeit nach oben korrigiert werden, nachdem internationale Beobachtungsnetze des nächtlichen Sternenhimmels mit Spezialkameras aufgebaut wurden. Eine solche Station, betrieben vom Österreichischen Astronomischen Verein in Zusammenarbeit mit der Tschechischen Akademie der Wissenschaften, befindet sich in Öd bei Martinsberg im Waldviertel.

Aber unabhängig davon, wie viele Fälle dies nun wirklich sein mögen, ist wesentlich, dass weltweit nur wenige Stücke pro Jahr gefunden werden. Sie bieten die einzigartige Möglichkeit, außerirdische Materie direkt zu untersuchen.

Im September 1977 war der Verfasser im Zuge einer geologischen Neuaufnahme mit Geländearbeiten am Prochenberg, dem Hausberg von Ybbsitz, beschäftigt. Bei dieser Tätigkeit wird ein Gebiet flächenmäßig so lange abgegangen, bis möglichst alle Gesteinstypen und deren Verbreitung bekannt sind und Klarheit über den Gebirgsbau besteht.

Eines Abends - die Tagesarbeit war schon beendet - wurde beim Abstieg vom Prochenberg unter den Wänden der Gipfelregion ein alter Jägersteig verlassen und eine Abkürzung durch den steilen Waldhang eingeschlagen. An einer Stelle wurden einige herumliegende Gesteine angesehen. Dabei fiel ein Stück mit etwa 20cm Durchmesser durch seine braune Farbe und eigenartige Oberflächenbeschaffenheit Auf, das sich dadurch von den umherliegenden Kalkstücken unterschied.

Prochenberg
Der Prochenberg vom Schadneramt in Gresten (Nordosten).
Foto: Herzi Pinki. Aus: Wikicommons unter CC

Es ragte etwas aus dem Waldboden heraus. Nachdem es ausgegraben war, überraschten sein hohes Gewicht und seine Härte. Nur mit Mühe konnte ein etwa 1kg schweres Stück mit dem Hammer abgeschlagen werden, um es als Probe für eine Untersuchung im Labor vorzubereiten. Solche Proben werden routinemäßig von Gesteinen gemacht die im Gelände nicht identifiziert werden können oder aus anderen Gründen näher untersucht werden sollen.

In Salzburg wurde die ungewöhnliche Gesteinsprobe untersucht. Man stellte fest, daß es sich um außerirdisches Gestein handeln müsse.

Einige Zeit war inzwischen vergangen, dann aber begann die Aufregung der Bergung. Lag doch das Hauptstück noch draußen im Wald, und zwar unter einer dicken Schneedecke in einem langen und im Frühjahr oft wiederkehrenden Winter. Im April war das Gebiet endlich schneefrei, und eine kleine Suchmannschaft stieg zu der Stelle auf, an der aufgrund der Feldaufzeichnungen und der Erinnerung das Stück liegen mußte. Und da gab es zunächst eine herbe Enttäuschung.

An der vermeintlichen Fundstelle war eine Forststraße in den Hang gebaut worden. Dabei wird ja bekanntlich meist nicht gerade rücksichtsvoll mit der Natur umgegangen, die Gegend war stark verändert und kaum wiederzuerkennen. Recht mutlos begann ein systematisches Absuchen des verbliebenen Waldbodens, das nach etwa einer Stunde von Erfolg gekrönt war. Nur acht Meter oberhalb der in den Hang gesprengten Straßenböschung lag das Stück am Boden, so wie es vor Jahren liegengelassen worden war.

Meteoriten dieses Typs stammen aus dem Planetoidengürtel unseres Sonnensystems. Wir haben also einen kleinen Planeten vor uns. Sein Herkunftsgebiet ist demnach zwischen der Mars- und Jupiterbahn zu denken, kleinster Abstand von der Erde etwa 250 Millionen Kilometer, durchschnittlich 100 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt Diese hat er seit 4,6 Milliarden Jahren, seit Bestehen des Sonnensystems, zusammen mit unzähligen großen und kleinen Brüdern zwischen 750km Durchmesser und ganz kleinen Stücken umkreist. Er ist damit um mehr als eine Milliarde Jahre älter als die ältesten bisher bekannten irdischen Gesteine an der Erdoberfläche, die etwa 3,5 Milliarden Jahre alt sind.

Der Meteorit wurde in feierlicher Form von der Geologischen Bundesanstalt dem Naturhistorischen Museum in Wien übergeben und in dessen Meteoritensammlung, die zu den fünf größten der Welt zählt, eingereiht.

(Dr. Wolfgang Schnabel)

Quellen#

  • Dr. Wolfgang Schnabel


Redaktion: Dr. Wolfgang Schnabel