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Neobiota und Invasive Arten#


Heimatlexikon - Unser Österreich

"Heimatlexikon - Unser Österreich"#

Ein Projekt von ServusTV in Zusammenarbeit mit dem Austria-Forum

Von

Maga. Lisa Maurer

Drüsiges Springkraut
Impatiens glandulifera; Drüsiges Springkraut.
Foto: Author H. Zell. Aus: Wikicommons unter CC

Was sind Neobiota und invasive Arten?#

Der Begriff Neobiota bezieht sich auf Arten (Tiere oder Pflanzen), die erst durch die Tätigkeit des Menschen in ein bestimmtes Gebiet gelangt sind. Einige dieser Neobiota sind in der Lage sich stark zu vermehren und auszubreiten, wodurch sie auch große wirtschaftliche, ökologische und gesundheitliche Probleme verursachen können. In diesem Fall werden sie dann üblicher Weise als invasive Arten oder auch als Bioinvasoren bezeichnet. (Kowarik 2010) Im Gegensatz dazu sind einheimische Arten, Tiere oder Pflanzen, die ohne menschliche Mithilfe in ein Gebiet gekommen oder dort entstanden sind.

Im Laufe der Geschichte hat es, bedingt durch klimatischen Wandel (wie zum Beispiel Eiszeiten) immer Veränderungen in der Verbreitung von Arten gegeben. Auch der menschliche Einfluss auf die Landschaft durch die landwirtschaftliche Bewirtschaftung hat bei uns im europäischen Raum eine lange Geschichte und hat über Jahrhunderte zu großen Veränderungen geführt.

Trotzdem wird häufig das Jahr 1492 als Grenze zwischen einheimischen Arten und Neobiota herangezogen, da sich durch die Entdeckung Amerikas der weltweite Austausch von Gütern, Pflanzen und Tieren besonders verstärkte (Kowarik 2010). So definiert zum Beispiel auch das botanischer Wörterbuch (Schubert & Wagner 2000) Neophyten als Pflanzenarten, die in historischer Zeit (nach 1500) eingeführt wurden.

Welche Bedeutung haben Neobiota?#

Manche Regionen der Erde sind besonders stark von Neobiota betroffen, zum Beispiel ozeanische Inseln, Neuseeland, Australien etc. (Kowarik 2010). Der Grund dafür ist, dass diese Bereiche lange Zeit ohne menschlichen Einfluss waren und die dort lebenden Organismen dann in recht kurzer Zeit mit einer hohen Zahl an Tieren und Pflanzen konfrontiert wurden, an die sie nicht angepasst waren. Zudem weisen besonders diese Regionen eine hohe Dichte an endemischen (nur dort vorkommenden) Arten auf (Kowarik 2010).

Wie bereits erwähnt ist die Situation in Mitteleuropa, und dadurch auch in Österreich etwas weniger dramatisch, da Anpassungen an neue Arten häufig über einen längeren Zeitraum erfolgt sind. Außerdem haben die Neobiota einen geringeren Einfluss auf heimische Arten, da Neobiota überwiegend in menschlich beeinflussten Lebensräumen zu finden sind. Dennoch können invasive Arten naturnahe Lebensräume verändern (zB die Robinie) oder heimische Arten durch Konkurrenz verdrängen. (Grüne Reihe 2005)

Wieso und auf welche Weise können Neobiota problematisch werden?#

Negative Auswirkungen von Neobiota können auf unterschiedlichen Ebenen zu finden sein: (Nentwig 2011)

Beeinträchtigung der heimische Biodiversität (Artenvielfalt):

Eine Beeinträctigung der heimischen Biodiversität kann bei Pflanzen vor allem durch die Veränderung des Standortes passieren: Die räumlichen Strukturen, die vorhandenen Nährstoffe, die Ressourcenverfügbarkeit sowie veränderte mikroklimatische Bedingungen spielen hierbei eine Rolle. Wie bereits oben erwähnt, bewirkt zum Beispiel die Robinie eine Stickstoffanreicherung im Boden, wodurch der Standort verändert wird. Die kanadische Goldrute, das drüsige Springkraut, der Staudenknöterich, sowie der Riesenbärenklau, können durch massenhaftes Auftreten, einheimische Pflanzen verdrängen. Räuber unter den Neozoen können zum Beispiel kaskadenartige Veränderungen bis an die Basis der Nahrungskette bewirken (Essel et al 2002), außerdem können Tiere als Krankheitsüberträger wirken, wie am Beispiel des europäischen Flusskrebses zu sehen ist, der an Krebspest, einer von amerikanischen Flusskrebsen übertragenen Pilzerkrankung, stirbt.

Kanadische Goldrute
Solidago canadensis; Kanadische Goldrute.
Foto: Olivier Pichard. Aus: Wikicommons unter CC

Wirtschaftliche Schäden:

Hohe Kosten können unter anderem Vorratsschädlinge oder Schädlinge in der Landwirtschaft, wie z.B. die Reblaus, der Maiswurzelbohrer und der Kartoffelkäfer verursachen. Strukturelle-und Infrastrukturschäden entstehen an Dachstühlen oder Fassaden zum Beispiel durch Waschbären. Massenbesiedlungen von Ameisen können elektronische Anlagen stören, Muscheln können Kühlsysteme beschädigen und Rohre verstopfen, während grabende Tiere (Nutria, Bisam) Ufer untergraben und destabilisieren. Forstwirtschaftlich bedeutende Neophyten wie der Götterbaum und der Eschenahorn stehen in Konkurrenz zu Wertholzarten und liefern aber wenig wertvolles Holz, während massive Vorkommen von Hochstauden (Bsp.Topinambur, Goldrute..) auch die Verjüngung beeinträchtigen können. (Essel et al 2002). Außerdem können hohe Kosten durch die Bekämpfung von Arten oder durch die Beseitigung der Schäden entstehen, die von verschiedenen Pflanzen (zB: Goldrute, Staudenknöterich, Schmetterlingsflieder, Götterbaum), besonders entlang von Strassen und Bahndämmen, verursacht werden.

Gesundheitliche Auswirkungen:

Auch wenn der Großteil der Neobiota keine Gesundheitsbedrohung für den Menschen darstellt, gibt es dennoch einige wichtige Aspekte die mit zunehmender Verbreitung der Arten auch deutliche Folgen haben können. Der Riesenbärenklau kann zum Beispiel im Zusammenspiel mit Sonnenlicht schwere „Verbrennungen“ zur Folge haben, während die Pollen der Beifuß-Ambrosie (auch als ragweed bekannt) hoch allergen wirken und die Allergiesaison bis in den Herbst hinein verlängern. Durch eingeschleppte Wirbeltiere wie zum Beispiel den Marderhund oder den Waschbär ist die Tollwut wieder allmählich im Begriff sich auszubreiten. Auch die Ausbreitung des Tigermoskitos stellt ein Risiko für den Menschen dar, da es eine Vielzahl an Viruserkrankungen übertragen kann, darunter das Dengue Fieber und das West-Nil-Virus.

Wie viele Neobiota gibt es bei uns in Österreich?#

Pflanzen:

Laut Essel et al (2002) findet man in Österreich etwa 1.110 neophytische Gefäßpflanzenarten, die 2.950 Gefäßpflanzen Österreichs gegenüber stehen. Der Anteil an Neophyten an der Gesamtflora beträgt also in etwa 27%. Von den 1.100 in der freien Natur vorkommenden neophytischen Arten, kommen 835 unbeständig vor und 224 sind dauerhaft angesiedelt (106 Arten an einem oder an wenigen Orten) und 118 in größeren Bereichen). Davon werden in etwa 17 aus naturschutzfachlicher Sicht als problematisch eingeschätzt, sowie weitere 18 Arten als potentiell problematisch. Das bedeutet, dass etwa 96% der neophytischen Gefäßpflanzen keine größere Auswirkung zu scheinen haben, weniger als 2% als invasiv und weniger als 2% als potentiell invasiv einzustufen sind.

Tiere:

In Essel et al (2002) sind etwa 500 Neozoen dokumentiert, wobei knapp 2/3 als etabliert gelten. Aus naturschutzfachlicher Sicht zeigen 84% derzeit keine Auswirkungen. 14% sind potentiell invasiv und 2% gelten als invasiv. Insgesamt werden mehr aquatische Arten (22% der aquatischen Neozoen) als potentiell invasiv eingestuft als terrestrische (nur 7% der Neozoen).

Wie kommen Neobiota zu uns und wie bleiben sie?#

Neobiota werden entweder absichtlich eingeführt oder unabsichtlich eingeschleppt. Absichtlich eingeführt wurden Pflanzen und Tiere zum Beispiel im Zuge der Landwirtschaft, zu Forschungszecken, als Zierde, für Garten und Parks, zur Jagd, als Heimtiere oder aus verschiedensten Nutzungszwecken.

Einschleppt wurden Neobiota in Saatgut und Lebensmitteln, als Transportbegleiter (im Ballastwasser von Schiffen, in Reifenprofilen…) durch Kanäle und den Flugverkehr, in Verpackungsholz, in Erde, in Topfpflanzen etc. (Kowarik 2010).

Wandermuschel
Dreissena polymorpha; Wandermuschel.
Foto: Dan Minchin. Aus: Wikicommons unter CC

Vorhersagen zu treffen, ob Tiere oder Pflanzen, die absichtlich oder unabsichtlich einen neuen Lebensraum erreichen, ein Problem werden können, sind extrem schwer zu machen. Häufig wird in der Literatur die sogenannte Zehnerregel (siehe zB floraweb.de), oder auf Englisch „tens rule“ (Williamson et al 1996), aufgeführt. Diese besagt, dass von allen eingeschleppten und eingeführten Arten (v.a. in Bezug auf Neophyten) sich etwa 10% außerhalb von menschlicher Pflege unbeständig halten können. 10% davon etablieren sich auf Dauer in naturnahen Lebensräumen und davon wir werden wiederum nur 10% zu einen Problem (als invasive Neobiota). Auch wenn es inzwischen Untersuchungen gibt, dass diese Regel besonders in Bezug auf Neozoen nicht unbedingt zutrifft, liefert sie zumindest einen ungefähren Anhaltspunkt für die Ausbreitung und Etablierung von Neobiota.

Zusätzlich beobachtet man häufig eine Zeitverzögerung (in der Literatur als „time-lag“ bezeichnet) zwischen der Einfuhr und der tatsächlichen massenhaften Ausbreitung. Arten die zu einem späteren Zeitpunkt invasiv werden, waren häufig bereits Jahrzehnte in geringen Zahlen vor Ort (Grüne Reihe 2005). In einigen Fällen können auch Nutzungsänderungen, Überdüngung und gestörte (offene) Flächen zu einem plötzlichen, massenhaften Auftreten bestimmter Arten führen. Die Ausbreitung selber erfolgt dann meist entlang von günstigen Wegen wie Straßen oder Gewässern. Gerade bei Neophyten lassen sich einige Eigenschaften erkennen, die eine starke Verbreitung dieser Pflanzen begünstigen können: Es handelt sich hierbei vor allem um anspruchslose und anpassungsfähige Pflanzen, die eine sehr starke Vermehrung (Wurzelausläufer, Samen...) und eine effektive Verbreitung aufweisen. Außerdem spielen hohe Konkurrenzkraft und große Überdauerungsfähigkeit eine wichtige Rolle. (Grüne Reihe 2005)

Besonders in Städten findet man besonders viele Neobiota, im Inneren mitteleuropäischer Großstädte sind 40-50% Neophyten. Dies ist auf die gezielte Einfuhr von Nutz- und Zierpflanzen zurückzuführen, auf die hohe Verschleppung und auf die kleinräumigen Eigenschaften (Städte als Wärmeinseln). Im Allgemeinen kann man sagen, dass die meisten Neophyten in der Vegetation Mitteleuropas vor allem in Biotoptypen mit hohem anthropogenen Einfluss oder mit einer hohen natürlichen Störungsdynamik zu finden sind (Essel et al 2002).

Warum ist eine Bekämpfung invasiver Arten wichtig aber schwierig?#

Invasive Organismen kosten Geld:

  • In England kostet die Kontrolle invasiver Knötericharten 1,5 Milliarden Pfund.
  • In Ungarn wird jährlich ein Prozent der Steuern zur Ambrosiabekämpfung aufgewendet.
  • In Deutschland verursachen Mink und Bisamratten jährlich Schäden in Höhe von Millionen Euro (Nentwig 2011)

Im Allgemeinen werden Bekämpfungsmaßnahmen meist nur bei wirtschaftlich wichtigen Arten durchgeführt. Meist sind diese Maßnahmen, mit einem hohen Aufwand und eine völlige Zurückdrängung meist nur punktuell oder vorübergehend möglich. Besonders hartnäckig sind zum Beispiel: Götterbaum (Ailanthus), der Staudenknöterich, das indische Springkraut, die Robinie und die Goldrute. Bekämpfung sollte so gemacht werden, dass die schädlichen Nebeneffekte möglichst gering sind und auch biologische Schädlingsbekämpfung sollte mit Vorsicht betrieben werden (Essel et al 2002).

Wichtig für die Bekämpfung von invasiven Arten ist, dass die Fortpflanzungs- und Verbreitungsbiologie der Arten bekannt sein muss. Bekämpfungsmaßnahmen müssen meist über einen längeren Zeitraum hinweg konsequent erfolgen, wodurch es wichtig ist sicher zu stellen, dass die benötigten Ressourcen vorhanden sind, als auch die Unterstützung der betroffenen und durchführenden Personen (Essel et al. 2002). Auch bei erfolgreicher Bekämpfung ist es aber von großer Bedeutung, dass eine erneute Wiedereinschleppung verhindert wird. Besonders wichtig ist es aber, dass eine Bekämpfung immer möglichst früh erfolgt und wo möglich sollten präventive Maßnahmen verhindern, dass Neobiota überhaupt eingeschleppt werden.

Literatur#

  • (Essel et al. 2002) Franz Essel, Wolfgang Rabitsch: Neobiota in Österreich, Umweltbundesamt, Wien 2002.
  • (Floraweb.de 2012) Floraweb: NeoFlora – Invasive gebietsfremde Pflanzen in Deutschland, Bundesamt für Naturschutz www.floraweb.de/neoflora zuletzt aufgerufen: Februar 2012
  • (Grüne Reihe 2005) Grüne Reihe des Lebensministeriums: Aliens – Neobiota in Österreich, Herausgegeben vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, Band 15, Böhlau Verlag Wien, 2005
  • (Kowarik 2010) Kowarik Ingo: Biologische Invasionen – Neophyten und Neozoen in Mitteleuropa. Mit Beiträgen von Wolfgang Rabitsch, 2. wesentlich erweiterte Auflage, Eugen Ulmer Verlag, 2010
  • (Nentwig 2011) Nentwig Wolfgang (Hrsg.): Unheimliche Eroberer – Invasive Pflanzen und Tiere in Europa. , Haupt Verlag, 2011
  • (Schubert & Wagner 2000): Botanisches Wörterbuch: Pflanzennamen und botanische Fachwörter. Mit einer Einführung in die Terminologie und Nomenklatur, 12. Auflange, UTB, 2000
  • (Williamson et al 1996) Mark Williamson, Alastair Fitter: The characters of successful invaders. Biological Conservation 78 (1996) S. 163-170

Weiterführendes#

  • Global invasive species database: www.issg.org/database Die weltweit 100 schlimmsten Arten, lateinische Artnamen, sonst English, teilweise deutsche Namen erwähnt. (Englisch)
  • DAISIE: Delivering alien invasive species inventories for Europe: www.europe-aliens.org Europäisches Project zu invasiven Arten, auch das Östereichische Umweltbundesamt war beteiligt, website auf Englisch, Übersicht basiert vor allem auf den wissenschaftlichen Namen (Englisch)
  • Floraweb: NeoFlora – Invasive gebietsfremde Pflanzen in Deutschland www.floraweb.de/neoflora Gute Informationen über ausgewählte invasive Pflanzen in Deutschland. Situation in Österreich ist ähnlich. (Deutsch)
  • Neobiota: www.wikipedia.org/wiki/Neobiota Ausführlicher Artikel über Neobiota mit vielen Literaturverweisen (Deutsch)


Redaktion: Maga. Lisa Maurer