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Neuer Markt, Wien 1#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Providentiabrunnen auf dem Neuen Markt, © Peter Diem
Providentiabrunnen auf dem Neuen Markt
© Peter Diem

Die Benennung novum forum oder niuwer market zeigt den Gegensatz zum alten Hohen Markt, der seine Funktionen weiter behielt. 1234 erstmals erwähnt, ist der Neue Markt nach seinem Grundriss dem beginnenden 13. Jahrhundert zuzuordnen. Er entstand an der nach Süden führenden Handelsstraße. Daher waren die ersten hier tätigen Gewerbe Wagner, Schmiede, Seiler und andere, die mit Ross, Wagen und Verkehr zu tun hatten. Bei den Schmieden unterschied man Rem-, Rot-, Kupfer-, Kalt-, Reis-, Blech-, Huf-, Waffen-, Helm-, Klingen-, Scheren-, Griffel-, Knopf- , Zirkel- und Löffelschmiede. Seiler lieferten Stricke für die Wagenladungen und Seile für die Pferde. Sattler, Gürtler, Riemer und Gerichtmacher (Sie stellten die Seitenteile - Gerichte oder Leitern - der Transportwagen her) waren im 14. Jahrhundert auf dem Neuen Markt ansässig. Die Fuhrleute fanden in nächster Nähe Quartier.

Um 1320 änderte der Neue Markt seine Funktion. Fütterer nahmen jene Plätze ein, die durch die Abwanderung anderer Gewerbe frei geworden waren. Der Futtermarkt fand zweimal wöchentlich, am Dienstag und am Samstag, statt. Futterhändler war ein einträglicher Beruf, die vielen Pferde benötigten große Mengen an Hafer. 1368 beschränkte die Stadt Wien die Zahl der Fütterer auf 60 und verlangte hohe Gebühren für die Konzession. Futterschreiber kontrollierten den Handel. Gemeinsam mit den Verkäufern von Getreide und Hülsenfrüchten verhalfen die Fütterer dem Neuen Markt zu seiner Stellung als Zentrum des mittelalterlichen Getreidehandels.

Bis ins 19. Jahrhundert stellten die Müller das Hauptkontingent der Buden auf dem Neuen Markt. Daher war er noch lange unter der Bezeichnung „Mehlmarkt“ bekannt.

Zunehmend trat die Funktion als Gastronomiemeile und nobles Vergnügungsviertel in den Vordergrund. Belege von Herbergen und Schenken auf dem Neuen Markt lassen sich bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen. 1227 soll der Minnesänger Ulrich von Liechtenstein (um 1200 - 1275/77) hier abgestiegen sein. Im 18. Jahrhundert nahm der „Schwan“ eine besondere Rolle unter den Wiener Gasthöfen ein. Ludwig van Beethoven zählte zu den Stammgästen. Noch berühmter war die „Mehlgrube“, ein Restaurant mit Tanzsaal im Fischer-von-Erlach-Bau anstelle des städtischen Mehldepots. Um 1730 kamen die „Ahnenbälle“ in Mode, die sich durch Exklusivität der Eingeladenen und hohe Eintrittspreise auszeichneten. Sie waren dem Adel vorbehalten. In Josephinischer Zeit führte der Pächter eine neue Attraktion ein: „Liebhaberkonzerte“ mit den hervorragendsten Virtuosen seiner Zeit. Wolfgang Amadeus Mozart trat mehrmals dabei auf.

Der Platz selbst hatte als Veranstaltungsort Tradition, zunächst als Schauplatz von Turnieren und Festivitäten der adeligen Ritterschaft. Das letzte Fest dieser Art fand 1515 anlässlich einer habsburgischen Doppelhochzeit statt, Grafen und Herren, darunter Kaiser Maximilian I., nahmen am Wettkampf teil. In der Barockzeit erwählte der Kaiserhof den Neuen Markt für seine berühmten Schlittenfahrten. Die prächtigen Pferdeschlitten fuhren durch die Seilergasse oder vom Lobkowitzplatz auf den Neuen Markt, den sie in dreifacher Schlangenlinie bis zu sechsmal umkreisten. Der nötige Schnee wurde extra herbeigebracht, das Volk durfte die Straßen in dieser Zeit nicht benützen. Die letzte noble Schlittenfahrt fand während des Wiener Kongresses im Winter 1815 statt.

Neben weltlichen Vergnügungen gab es auf dem Marktplatz die feierlichen Prozessionen des Kapuzinerklosters zu sehen. Die Grundsteinlegung der Kapuzinerkirche erfolgte im Rahmen der gegenreformatorischen „Klosteroffensive“ 1622 durch Kaiser Ferdinand II., schon ein Jahr später zogen die ersten Mönche ein. 1632 erfolgte die Weihe der Gruft, in der 138 Mitglieder des Hauses Österreich, darunter zwölf Kaiser, ihre letzte Ruhestätte fanden. Von der Pracht der meisten Sarkophage hebt sich der schlichte Kupfersarg Joseph II. ab. Er enteignete zwar einen Teil des Kapuzinerklosters, hob es aber nicht auf. Eine weitere Sehenswürdigkeit auf dem Neuen Markt ist der Providentia-Brunnen, den Georg Raphael Donner (1693-1741) um 1737 schuf.

Quelle#

  • Helga Maria Wolf. Die Märkte Alt-Wiens. Geschichte & Geschichten. Wien 2006


Redaktion: hmw