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Perückenmacher#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Beruf: Perückenmacher
»Die Modernisirung«: Szene beim Perükkenmacher. Um 1820. Kolorierte Kreidelithographie von Josef Lanzedelly
© Ch. Brandstätter Verlag

Perückenmacher entstanden zunächst als Hofhandwerker mit dem Aufkommen der Perückenmode in der Zeit Ludwigs XIV., als die Perücke in den Rang eines Kleidungsstückes erhoben wurde. Man benutzte natürlich schon im Altertum Perücken aus Menschen- und Tierhaaren sowie aus Pflanzenfasern und Gräsern, um ehrfurchtgebietender oder furchterregender zu erscheinen. Im Mittelalter und später war es dann üblich, bei Verlust des natürlichen Haares, Perücken, die aus ledernen Deckelhauben mit angehefteten fremden Haaren bestanden, zu tragen, wobei die Träger es hinnehmen mussten, dass »zwischen ihrer Kopfhaut und dem Schopf aus zweiter Hand zollbreite Lücken« klafften. Das änderte sich, als der französische Perruquier Ervais in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts begann, Perücken mittels sogenannten Tressen zu verfertigen, womit die Kopfform nachgeahmt werden konnte. Die Tresse war eine Art schmales Band, an dem einzelne Haarbündel mit Seidenfäden aneinandergeknüpft waren. Mit diesen Tressen, von großer Zahl und bestimmter Länge, wurde die über einen hölzernen Perückenkopf gespannte textile Haube oder Montur benäht, die den Kopfmaßen des Kunden entsprach.

Die französische »Erfindung« der Perücke verbreitete sich durch hugenottische Flüchtlinge rasch über die meisten Länder Europas. Allein in Frankfurt am Main waren bis 1714 ein Viertel aller Perückenmacher Franzosen. In Berlin entstand 1716 die erste Perückenmacherzunft, nachdem unter dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm (1620–1688) die Perücke als Repräsentationsobjekt an deutschen Fürstenhöfen Eingang gefunden hatte. Aber auch bei Beamten, Ärzten, Richtern, Geistlichen, Lehrern und niedrigen Hofbediensteten setzte sich die Perücke als Standessymbol durch. Schließlich wurde sie durch günstigere Herstellungsmöglichkeiten – weniger und kürzere Haare – auch für das Bürgertum in den Städten erschwinglich und zum »unentbehrlichen Stücke einer anständigen Kleidung «. Vom Einfluss der Perücke auf das Körperverhalten berichtete Goethe in Dichtung und Wahrheit: »Da ich aber vom frühen Morgen an so aufgestutzt und gepudert bleiben und mich zugleich in acht nehmen musste, nicht durch Erhitzung und heftige Bewegung den falschen Schmuck zu verraten, so trug dieser Zwang wirklich viel bei, dass ich mich eine Zeitlang ruhiger und gesitteter benahm, mir angewöhnte mit dem Hut unterm Arm und folglich auch in Schuh und Strümpfen zu gehen. War mir unter diesen Umständen eine heftige körperliche Bewegung versagt, so entfalteten sich unsere geselligen Gespräche immer lebhafter und leidenschaftlicher, ja sie waren die interessantesten, die ich bis dahin jemals geführt hatte.«

Beruf: Perückenmacher
»Perruquier Barbier« (Perückenmacher, Barbier). Kupferstich. Aus: Diderot – d’Alembert. »Encyclopédie, ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers«. Livorno 1771
© Ch. Brandstätter Verlag

Die Beliebtheit der Perücke machten sich die Herrschenden sogleich zunutze und belegten ihre Träger mit einer gar nicht geringen Steuer. Ob sie entrichtet wurde, konnte an einem an der Innenseite der Perücke angebrachten Siegel überprüft werden. Solche Kontrollen verliefen, wie berichtet wurde, nicht immer reibungslos. Weigerte sich nämlich der Perückenträger, seine Kopfbedeckung abzunehmen und dem Beamten die Steuermarke zu zeigen, dann musste dieser versuchen, mit Gewalt der Perücke habhaft zu werden, was gelegentlich in handgreifliche Auseinandersetzungen ausartete. In Preußen wurde die Perückensteuer 1717 abgeschafft.

Beruf: Perückenmacher
»Perruquier Barbier, Perruques« (Perückenmacher, Barbier). Kupferstich. Aus: Diderot – d’Alembert. »Encyclopédie, ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers«. Livorno 1771
© Ch. Brandstätter Verlag

»Die Paroquen seynd wie die Verwandlungen bey dem Ovidio«, stellte Herr Reiner in seinem 1748 zu Nürnberg erschienenen Curiosen Tändel-Marckt fest, »sie machen aus einem alten Greisen einen munteren Jüngling, und wird durch ihre lange Wuckel mancher Buckel unsichtbar, die Paroquenmacher müssen sich fast närrisch studiren über die neue Erfindungen so vielerley Paroquen, man sieht lange Paroquen, knüpffte Paroquen, kurtze Paroquen, züpffte Paroquen, kahle Paroquen, zauste Paroquen, grauste Paroquen, zierte, frisirte und geschmirte Paroquen, Spanische und Französische Paroquen, in Summa allerhand Paroquen.« Die Vielfalt an Perückenmodellen war erstaunlich: von der Encyclopédie perruquière wurden 1764 insgesamt einhundertfünfzehn unterschiedliche Modelle beschrieben. Jeder Berufsstand trug bald eine distinktive Perücke, ja sogar Lehrlinge und Waisenhausschüler zierten sich mit weißen »ziegenhaarnen Perrucken«. Die prächtigste aller Perücken war zweifellos die Allongeperücke mit hüftlangen gekräuselten Haaren. Kreiert hatte dieses »Symbol des Zeitalters« Binet, der Leibfriseur Ludwigs XIV., etwa um 1670. Nach 1700 verbreitete sich die bequemere Knotenperücke, bei der das seitliche Haar zopfähnlich zusammengebunden war. Die Haarbeutelperücke fasste die nun kürzer gewordenen Haare am Hinterkopf in einem schwarzen Taftsäckchen zusammen, das mit einer im Nakken sitzenden Schleife geschlossen wurde. Bei der Stutzperücke, einer verkürzten Nachahmung der Allongeperücke, waren die kinnlangen Seitenhaare in horinzontale Locken um den Kopf gelegt. In Deutschland kam um 1750 die Zopf perücke auf, in Anlehnung an den natürlichen Zopf beim preußischen Heer seit Friedrich Wilhelm I., die neben der eleganteren Haarbeutel perücke die männliche Haarmode der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts beherrschte (Zopfzeit). Spätere Perücken, die nur den sonst behaarten Teil des Kopfes – beispielsweise bei Kahlköpfigkeit – einhüllten, nannte man Touren, solche, die nur eine Stelle bedeckten und aufgeklebt oder durch Federn festgehalten wurden, halbe Perücken, Toupets und Platten.

Der Perückenmacher beschäftigte sich nicht nur mit der Herstellung neuer Perücken, sondern auch mit der Auffrischung, dem »Accomodieren«, der Aufbewahrung und der Umarbeitung gebrauchter Perücken. Werkzeuge und Techniken werden auf Tafel 1888 und 1889 in Diderots Encyclopédie abgebildet. Zu sehen sind: Kardätschen, Hecheln, Kräuselhölzer, eine Tressierbank, ein Etagierlineal (auf dem die Maße der Tressen verzeichnet wurden), verschiedene Kämme und Brenneisen, Scheren, Puderquasten und -masken, Papilloten (Haarwickel), Aufrolltechniken, Haarpakete und Knüpftechniken der Tressen. Das rohe Haar, das vielfach von Menschen aus Zuchthäusern, Kriegsgegenden und verarmten Landregionen stammte, wurde von Schmutz und Fett befreit, gehechelt, nach Farbe und Länge sortiert und gekräuselt. Dazu dienten die runden, fingerlangen Kräuselhölzer aus Buchsbaumholz, auf die man die Haare aufwickelte und bis zu drei Stunden lang in Regenwasser kochte. Nach dem Trocknen wurden die Haare, ohne sie von den Hölzern abzunehmen, in Brotteig eingeschlagen und ungefähr weitere drei Stunden im Backofen gebacken, damit die Lockenform dauerhaft wurde. Aus den losgewickelten Haaren konnten nun die bereits erwähnten Tressen verfertigt werden. War die Perücke fertig, wurde sie frisiert, parfümiert, oft auch mit Pomade gefestigt und gepudert.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wich die Perückenmode nach und nach der natürlichen Haarpflege, und die Beschäftigungslosen Perückenmacher sattelten auf Damenfriseure um.

Quellen#

  • Verschwundene Arbeit, R. Palla, Christian Brandstätter Verlag, 2010


... mit freundlicher Genehmigung des Christian Brandstätter Verlags.