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Rathausplatz, Wien 1#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Christkindlmarkt am Wiener Rathaus
Christkindlmarkt am Wiener Rathaus.
Aus: Wikicommons

Die Gegend um das Rathaus, Rathausplatz 1 / Felderstraße / Friedrich-Schmidt-Platz / Lichtenfelsgasse wurde relativ spät in die Planungen der Stadterweiterung einbezogen. Bis 1868 bestand dort der Exerzier- oder Paradeplatz. Zehn Jahre vergingen bis zur Ausschreibung des Wettbewerbs, es gab 23 Standortvorschläge und 64 Projekte. Der siegreiche Architekt, Dombaumeister Friedrich Schmidt (1825-1891) hatte sein Projekt nicht für hier, sondern beim „Communalloch“ geplant. So nannte man den Rest des Stadtgrabens, der zwischen Johannesgasse und Weihburggasse unverbaut blieb, während sich daneben schon Ringstraßenpalais erhoben. Schmidt beklagte, dass sein Bau nicht „dem buschigen Stadtpark gegenüber“ sondern in der „wüsten Einöde des Exerzierplatzes“ stehen sollte. Man versöhnte ihn durch die Mitwirkung bei der Anlage des Rathausparks, dessen Eröffnung zugleich mit der Grundsteinlegung des Rathauses stattfand. Für dieses wählte Schmidt idealtypisch abgewandelte Elemente der Gotik, der Renaissance und barocker Schlossanlagen.

Das Wiener Rathaus entstand 1872-1883. Mit sechs kleinen und einem großen Hof bildet ein Viereck von 152,5 mal 127 Meter, 13.670 m2 Fläche sind in neogotischem Stil verbaut. Der Arkadenhof misst 80,83 mal 34,72 Meter. In der Mittelachse der Hauptfront liegt die Volkshalle als Ausstellungsraum und darüber der größte historistische Saal Österreichs, der zweigeschossige, 17-jochige Festsaal. Er ist 70,7 Meter lang, innerhalb der Arkaden 14,7 Meter breit und 17,1 Meter hoch. Nach Kriegszerstörungen wurde er 1999 in alter Pracht mit überaus reicher malerischer Auszier, Prunklustern und Intarsienparkettböden wieder hergestellt. An der gegenüber liegenden Seite befindet sich im Hauptgeschoss der Gemeinderatssitzungssaal. Im Rathaus sind die Amtsräume des Wiener Bürgermeisters und Landeshauptmanns, des Gemeinderates und Landtages, von Wiener Stadtsenat und Wiener Landesregierung, des Magistratsdirektors und verschiedener Magistratsabteilungen untergebracht.

An der Schauseite trägt das Rathaus vier kleine und einen Hauptturm in der Mittelachse. Der an drei Seiten frei stehende Turm ist ein altes Symbol städtischer Macht, wie das Gebäude als ganzes an die Rathäuser des Mittelalters erinnern sollte. Der Turm bleibt mit 97,7 Meter offiziell unter der Höhe der Votivkirche, rechnet man aber den Rathausmann dazu, wird die 100-Meter-Marke leicht überschritten. Den Standartenträger nach dem Entwurf von Friedrich Schmidt stellte der Schlosser Alexander Nehr (1855-1928) in der Werkstatt von Ludwig Wilhelm in der Rossau her. Mit einem Angebot von 50.000 Gulden hatte Wilhelm nur ein Drittel des wahren Wertes verlangt und nachdem er den Zuschlag erhalten hatte, auch darauf verzichtet. Symbolisch - „Scherben bringen Glück“ - wurde später eine Begebenheit bei der Aufstellung des Standartenträgers 1882 gedeutet: Architekt Schmidt sagte Lobsprüche auf den Kaiser, die Monarchie und die Stadt und warf dabei jeweils ein Glas zu Boden. Doch die ersten beiden blieben ganz, nur das dritte zerbrach erwartungsgemäß.

Der 40.000 m2 große Rathauspark erstreckt sich zwischen Rathausplatz und Dr.-Karl-Lueger-Ring. Bei der Gestaltung des Erholungsraums anstelle des Paradeplatzes arbeiteten Stadtgärtner Rudolf Siebek (1812-1878) und der Architekt des Rathauses, Friedrich Schmidt zusammen. Der symmetrisch angelegte Landschaftsgarten entstand im Hinblick auf die Monumentalbauten als „Nordpark“ bei der Universität und „Südpark“ beim Parlament. Zwischen den beiden Teilen liegt der - in den letzten Jahrzehnten zum ganzjährigen Open-Air-Veranstaltungsort gewordene - Rathausplatz. Acht überlebensgroße Marmordenkmäler auf hohen Postamenten, die ursprünglich die Elisabethbrücke über den Wienfluss zierten, säumen die Blickachse zum Rathaus. Ein Springbrunnen in jeder Parkhälfte erinnert an die feierliche Inbetriebnahme der Zweiten Wiener Hochquellenwasserleitung 1910. Im Rathauspark wachsen Exoten wie ein japanischer Schnurbaum oder ein alter Gingkobaum und Naturdenkmäler: Zwei 1898, zum 50. Regierungsjubiläum Franz Josephs, gepflanzte Linden und die 1906 gesetzte Lueger-Eiche, Tulpenbaum, Rotbuche, kaukasische Flügelnuss und drei Platanen.

Quelle#

  • Helga Maria Wolf: Spurensuche Wien. Rundgänge durch die Geschichte. Erfurt 2007

Redaktion: hmw