Schwalbenwurzenzian-Wanderung - Austria-Forum : Heimatlexikon
Schwalbenwurzenzian-Wanderung#
Blütenpracht im Herbst#

"Heimatlexikon - Unser Österreich"
START: Parkplatz Satzstein bei Hintersee (750 m)
KURZFASSUNG: Satzstein, Bergalm, Sattelalm, Ladenbergalm, Satzstein
HÖCHSTE WEGSTELLE: Übergang bei Sattelalm (1.291 m)
HÖHENUNTERSCHIED: 550 m
REINE GEHZEIT: 6 Stunden
SCHWIERIGKEIT: Mittellange Wanderung (3-4 Stunden), keine wesentlichen Schwierigkeiten, Sportschuhe mit Profil.
TIPP: Erfrischen und Entspannen am Hintersee Einkehrtipp im Dorf: Gasthof Hintersee
Schwalbenwurzenzian, Herbstenzian, Hirschbrunftenzian (Gentiana asclepiadea)#
Familie: ENZIANGEWÄCHSE (Gentianaceae)
Gegen Ende des Sommers, wenn die meisten anderen Pflanzen schon verblüht sind, strahlt uns aus lichten Bergmischwäldern und Schlägen, Hochstaudenfluren und beidseitig von Forststraßen auf kalkhaltigen Böden das leuchtende Blau von Enzianblüten entgegen.
Die bis zu 1 m langen, schlanken Stängel bilden ganze Horste, überhängend durch die Last der Blüten sind sie mit 4 bis 8 cm langen, oval zugespitzten Blättern besetzt, die kreuzgegenständig angeordnet sind. In den Achseln der oberen Blätter sitzen bis zu dritt die typisch glockig-trichterförmigen Blüten, die 3–5 cm lang werden können und sich durch ihre tief azurblaue Farbe einmalig vom grünen Rundherum abheben. Ihre Krone besteht aus einer glockigen Röhre und 5 kurzen Zipfeln, die außen tief blau, innen rotviolett punktiert mit hellblauen Längsstreifen sind. Die Blüten schließen sich bei trübem Himmel und Einbruch der Dämmerung. Völlig geöffnet sind sie nur bei hellem Sonnenschein in der Blütezeit von August bis Oktober. In dieser Zeit erfreut der Schwalbenwurzenzian den Wanderer sowohl im Tal als auch in Höhen bis zu 2.200 m und setzt einen leuchtenden Schlusspunkt in die Blütenpracht des Bergsommers.
Wegen seiner späten Blütezeit ist er auf Selbstbestäubung angewiesen. Besonders große Vorkommen gibt es in der Steiermark und im Salzkammergut, trotzdem zählt der Herbstblüher zu den bedrohten Pflanzenarten und steht deshalb unter Schutz.

© Susanne und Rainer Altrichter
Hirschbrunftenzian – zu Recht so genannt! Im warmen Schein der ersten Sonnenstrahlen stolziert der König des Waldes einsam über die Lichtung. Die kapitalen Hirsche sind bis zur Brunftzeit lieber allein, obwohl sie normalerweise sehr gesellig in Rudeln leben. Ende August, Anfang September, exakt zur Zeit, wenn der Schwalbenwurzenzian seine ersten blauen Blüten öffnet, kommen die Hirsche in die richtige Stimmung. Ihr eindrucksvolles Röhren ist zuerst noch leise und schüchtern, bald aber stark und kilometerweit zu hören und gilt als Demonstration von Macht und Stärke. Jeden Morgen fordert der gebieterische Rothirsch seine Rivalen zum Zweikampf heraus, und ihre Geweihe fahren krachend ineinander. Der furchteinflößende Brunftschrei und das Geweih mit der wie mit Dolchen besetzten Krone sind die Waffen beim Kampf um die Gunst der Hirschkühe. Hat das Geweih seinen Dienst getan, fällt es ab und wird nach kurzer Zeit durch ein neues ersetzt.
Die Schäden allerdings, die dabei in unseren Wäldern angerichtet werden, sind alarmierend. Bei doppelt so viel Wild als etwa vor 40 Jahren werden junge Bäumchen vom Wild geschält oder verbissen und der Jungwuchs somit stark dezimiert. Es wäre dringliche Aufgabe der Jäger, das Gleichgewicht von Wild und Wald durch Abschüsse und Einstellung der Fütterungsstellen wiederherzustellen, um unsere geliebten Wälder, wahre Paradiese mit knorrigen, alten Baumriesen als Zufluchtstätte und Schutz für Mensch und Tier, zu erhalten.
Der Berg ruft auch ihn #
Unser Freund Sepp ist ein Wilderer. Zwar nun schon 85 Jahre alt, hat er seit einiger Zeit kein Gewehr mehr in der Hand gehabt, doch das wilde Funkeln in seinen sonst sanftmütigen Augen blitzt beim Stichwort Gams oder Hirsch unvermittelt auf. Begonnen hat es, wie vom Schicksal gewollt. Als jüngstes von neun Bergbauernkindern verbrachte er jeden Sommer auf der Alm beim Viehhüten. Ein uraltes Luftgewehr half, die Zeit zu vertreiben, der Blick fürs Ziel wurde schärfer, die Hand ruhiger. Und eines Tages verriet ihm der Senn sein Geheimnis. Unter dem Dach, zusammengelegt, in Wachstuch eingewickelt, war eine richtige Büchse versteckt. Es dauerte nicht lange, und Sepp beherrschte das Zerlegen und Zusammensetzen, wusste, wo ein Tropfen Öl hingehörte, Laden war ein Kinderspiel, der Druckpunkt beim Abziehen war ihm vertraut wie sein Hosensack, doch der erste Schuss versetzte ihm eine Ohrfeige, die er lang nicht vergessen sollte. Dann, zwei Wochen vor dem Almabtrieb, machten sich die beiden auf die verbotene Pirsch. Unten im Tal war es noch dunkel, doch über dem Morgennebel kündigte sich die Dämmerung an. Gesicht und Hände rußgeschwärzt, verstohlen um sich blickend, ging es hinauf zu den grasigen Matten des Mittagskogels. „Dort oben holen wir uns das Mittagessen“, flüsterte der Senn. Ein Schuss, das Gamskitz fällt, ein kurzer Augenblick des Innehaltens, schon war das Tier aufgebrochen, im Sack verstaut. Zurück ging es zur Alm.
Das Wildern hat den Sepp nie mehr losgelassen. Er ist tierlieb und konnte den Widerspruch selbst nicht verstehen. Doch ein-, zweimal im Jahr zog es ihn hinauf. Das Almgebiet um den Mittagskogel war ihm im Blut, er kannte jeden Steig und jede Kluft, er wusste, wann der Hirsch heraustreten würde, wo die Rehe auf den Wiesen ästen, in welchem Geröllhang sich die Gämsen herumtrieben.
War es der Reiz des Verbotenen, der archaische Trieb, Beute zu machen, den Jägern ein Schnippchen zu schlagen, oder gar etwas Unergründliches, eine dunkle Seite seines Wesens? Nicht nur einmal kam er schweißgebadet, schlammbespritzt, trockene Nadeln an der Joppe, der Blick voll Angst, zurück zur Hütte. Doch erwischt haben sie ihn nie. Die Büchse war schnell verstaut, der Mensch und seine Kleidung gesäubert, am Tisch das dampfende Häferl Milchkaffee und der Teller voll Mus. Es war ja auch gleich Zeit, mit der Arbeit zu beginnen.

© Susanne und Rainer Altrichter
Wenn er im Gespräch auftaut, räumt er wohl ein, dass manche glauben, die Wilderei wäre unrecht, doch gleich wendet er selbst ein, das Jagern sei ein unwiderruflicher Bestandteil alten Salzburger Rechts. Die müden Knochen würden es ihm halt heutzutage nicht mehr erlauben.
Schwalbenwurzenzian über dem Hintersee #
Auf der A 1 zur Abfahrt Thalgau über Hof und Faistenau, vorbei am See bis zur Ortschaft Hintersee oder A 10, Ausfahrt Hallein, über Ebenau auf der schmalen Landstraße nach Faistenau, Rest siehe oben. Bei der Kirche rechts abbiegen zum Parkplatz Satzstein.
Der Satzstein, vom eiszeitlichen Gletscher wie beiläufi g verfrachtet und abgelegt, mächtig überhängend, mystische Kraft ausstrahlend, ist es schon am Beginn der Wanderung wert, einige Minuten innezuhalten.
Hier beginnt der breite Fahrweg, beschildert „Bergalm 55/851“ und hält sich vorerst an das rechte Ufer des Ladenbaches. Bei der alsbald auftauchenden Talsperre, errichtet zum Schutz vor Muren bei Hochwettern, schlängelt sich der alte Almweg der Ladenbergalm talauswärts, unser späterer Rückweg.

© Susanne und Rainer Altrichter
Wir halten uns links, ebenso beim mächtigen Ahorn auf 960 m, von dem ein Fahrweg zur Ladenbergalm rechts abzweigt. Immer wieder blitzen die ersten Schwalbenwurzenziane entlang des Weges auf, dunkelblau schaukeln die Blüten auf den langen Stielen im Grün der begleitenden Eschen, Ahorn, Erlen und einer Vielzahl der anderswo so stark bedrohten Ulmen. Im feuchten, kühlen Schatten des Gebirgswaldes gedeihen alle möglichen Arten von Farnen, die in ihren lebhaften Grüntönen und gefi ederten Wedeln aufl ockernd wirken und Zeugen der Urzeit sind. Auffallend sind die großen, weißen Dolden der Waldengelwurz, deren Wurzel für Heilzwecke verwendet wird. Immer wieder ziehen verschieden dicke Pakete von gebankten Platten des Dolomitkalkes, hellbis ockergrau, die Blicke auf sich.
Ein kurzer, etwas steilerer Anstieg, der Wald tritt zurück, die Almflächen der Oberen Tiefenbachalm tun sich auf. Dort locken auf den mageren Auwiesen, strukturiert durch sanfte Riedel und weiche Einbuchtungen, dunkelgrüne Inseln von Brombeerstauden mit schwarzglänzenden, reifen Früchten, etwas höher Silberdisteln, in Weiß bis Zartrosa schimmernd, letzte Überbleibsel von weißen Schafgarben, heilkräftigem Dost, und Teppiche der samtigen, blasslila blühenden Minzen verbreiten frischen Pfefferminzduft. Doch als wahrer Schatz der Natur besticht der Schwalbenwurzenzian in all seiner Schönheit in einem überreichen Vorkommen.
Der Fahrweg zur Alm teilt sich und bringt als Wanderweg leicht ansteigend hinauf zur Bergalm. Links die Erhebung des Regenspitz, ein beliebter Hinterseer Wanderberg, bis vor zum Hohen First, vor uns die Alm mit Blick auf Watzmann, Hohen Göll, Hochkönig und das Tennengebirge.
Nach einer verdienten Rast bei Salzburger Schmankerln, wie Kaspressknödel, Pofesen, Bauernkrapfen, Kasnocken und einem Glas des beliebten Hollersaftes, geht es gemütlich weiter. Hinter der Bergalm lehnt sich der Fußweg fast eben an die Hänge erst des Bergköpfels, später des Sattelköpfels, bis hin zur neu erbauten Sattelalm und weiter zur Ladenbergalm. Wem der Sinn danach ist, wird sich eine weitere Rast gönnen – der Blick ist zwar nicht spektakulär, doch die Alm ist einladend und heimelig.
Zurück zum Parkplatz bietet sich als kürzeste und interessanteste Variante Weg 56 hinunter ins Ladenbachtal an. Nach einem kurzen, mäßig steilen Abstieg ist die Höhle der so genannten Hanslkirche erreicht, später begleiten eine Reihe von Wasserfällen, Quellen, sprudelnde Kaskaden sowie der rauschende Ladenbach durch den Schluchtenwald zurück zum Parkplatz.
Text und Bilder mit freundlicher Genehmigung des Stocker Verlags aus dem schönen Buch:
Susanne und Rainer Altrichter. Die schönsten Blütenwanderungen in Tirol und Österreich. Leopold Stocker Verlag, Graz 2010.
Bestellung des Buches (Leopold Stocker Verlag)


