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Seidenweber#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Seidenweber
Seidenwirker. 1774. Kupferstich. Aus: »Schauplatz der Natur und Künste«, in vier Sprachen, deutsch, lateinisch, französisch und italienisch. Erster Jahrgang. Verlag Joseph von Kurzbeck: Wien 1774
© Brandstätter Verlag

Seidenweber verarbeiteten die verzwirnten Fäden der echten oder edlen Seide und der wilden Seiden zu Geweben, die je nach Webtechnik (Bindung) als Taft (Taffeta), Sergen (Levantine, Croisé, Drap de soie, Bombasin, Satin oder Atlas), Samte (Plüsch, Felbel) oder Gazen (Flor, Marly, Krepp, Stramin, Barège) bezeichnet wurden. Seide wird aus dem Gespinst (Kokon) der Seidenraupe gewonnen, das diese schon als gummiartigen Faden (und nicht als Faser) aus ihren Spinndrüsen presst, der aber sehr dünn ist und verzwirnt werden muss. Echte oder edle Seide stammt vom Kokon der Raupen des Maulbeerspinners (Bombyx mori), die schon im Altertum (vermutlich um 2630 vor Christus unter Kaiser Hwang-ti) in China gezüchtet wurden. Wilde Seiden hingegen werden aus den Gespinsten wildlebender Schmetterlingsarten produziert. Zu den wichtigsten aus der Familie der Nachtpfauenaugen gehören der Tussahspinner Indiens (Antheraea mylitta) und der in China lebende und in Japan heimische Eichenspinner (Antheraea pernyi und yamamayi). Dazu gehört auch der auf dem Götterbaum (Ailanthus) und dem Rizinus (Christpalme) lebende Ailanthusspinner (Philosamia cynthia), dessen Seide früher in Japan nur der Mikado tragen durfte. Die Ausfuhr der Eier dieses Spinners wurde mit dem Tode bestraft.

Der Name Seide stammt vom chinesischen sze. Das Abwinden und Verweben des Fadens ist eine uralte und lange geheimgehaltene chinesische Erfindung. Die Seide verbreitete sich von China über Korea nach Japan (3. Jahrhundert nach Christus), auf dem Landweg nach Indien und von dort nach Zentralasien und Persien. Die ersten Römer, die mit Seidengeweben Bekanntschaft machten, waren die sieben Legionen des Marcus Licinius Crassus. Es geschah während des Feldzuges gegen das kriegerische Reitervolk der Parther 53 vor Christus nach Überschreiten des Euphrat in der Nähe der Stadt Karrhä (heute ein Dorf namens Eski Harran, vierzig Kilometer südöstlich von Urfa in der Türkei): Die flüchtenden Parther wendeten plötzlich ihre Pferde und griffen die römischen Truppen mit tödlichen Salven ihrer Pfeilgeschosse an. Diese unvermutete Attacke brach die Formation der Römer auf, die Parther nützten die Verwirrung, durchbrachen in wildem Galopp die Reihen der Legionäre und entfalteten unter schrecklichem Geschrei große seidene Banner, die im grellen Sonnenlicht den Feinden die Sicht raubten. Diese simple Kriegslist führte zur vernichtenden Niederlage der Römer.

Seidenwurm
Der Seidenwurm. 1775. Kupferstich. Aus: »Schauplatz der Natur und Künste«, in vier Sprachen, deutsch, lateinisch, französisch und italienisch. Zweiter Jahrgang. Verlag Joseph von Kurzbeck: Wien 1775
© Brandstätter Verlag
Doch einige Fetzen dieses ungewöhnlichen, verführerischen Materials, das »leicht wie eine Wolke« und »durchscheinend wie Eis« ist, konnten die Flüchtenden erbeuten und lösten damit einen blühenden Handel zwischen China und Rom aus, bei dem die siegreichen Parther als gut verdienende Vermittler auftraten. Über die legendäre Seidenstraße (der Name wurde von dem deutschen Gelehrten Ferdinand Freiherr von Richthofen im 19. Jahrhundert geprägt) gelangte die chinesische Seide nach dem Westen und ins Römische Reich, wobei eine der unberechenbarsten und gefährlichsten Wüsten, die Taklamakan, und das eisige, schneeverwehte »Dach der Welt«, das Pamir-Gebirge, zu überwinden waren.

Das italienische Lucca war offenbar im 12. Jahrhundert der Ausgangspunkt der europäischen Seidenweberei, wo bereits in wassergetriebenen Zwirnmühlen, sogenannten Filatorien, die Seidenfäden auf mehrspindeligen Zwirnapparaten zur gleichen Zeit abgewickelt und verdrillt werden konnten. Italien war durch Jahrhunderte das führende Seidenland Europas. In Frankreich entwickelte sich Lyon zum Zentrum der Seidenweberei, und Köln war im 16. Jahrhundert die einzige deutsche Stadt mit einem bedeutenden Seidengewerbe. Erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts kam die Seidenraupenzucht nach Deutschland, und weitere bedeutende Standorte der Seidenfabrikation entstanden in Berlin, Krefeld und Wien.

Quellen#

  • Verschwundene Arbeit, R. Palla, Christian Brandstätter Verlag, 2010


... mit freundlicher Genehmigung des Christian Brandstätter Verlags.