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Spielzeugmacher#

Heimatlexikon - Unser Österreich

"Heimatlexikon - Unser Österreich"#

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Puppenhersteller - Kupferstich
»Dockenmacher von PappenZeuch« (Puppenhersteller). Kupferstich von Christoph Weigel. Aus: »Abbildung der Gemein-Nützlichen Haupt-Stände …«. Regensburg 1698
© Brandstätter Verlag

Spielzeugmacher waren meist Handwerker, die aus den unterschiedlichsten Berufen kamen und entweder nebenbei oder ausschließlich Gegenstände zur Unterhaltung und Beschäftigung der Kinder herstellten. Ein Holzschnitt von Hans Burgkmair in der von Kaiser Maximilian I. entworfenen Erzählung Weißkunig (1516) zeigt die Spielsachen des jungen Kaisers, unter anderem Ritterfiguren aus Blech und Bronze, die damals von den Plattnern, Zinn- und Bronzegießern recht lebensecht gehämmert und gegossen wurden. Im 17. und 18. Jahrhundert waren Tischler, Drechsler, Hafner, Klempner, Gelb- und Rotgießer, Schlosser, sogar Gold- und Silberschmiede mit der Anfertigung von Spielzeug beschäftigt. Allerdings behinderten schikanöse Zunftbestimmungen immer wieder die erfinderische Initiative; so durften beispielsweise die Drechsler ihr Holzspielzeug nicht selbst bemalen, sondern mussten es zu diesem Zweck den Wismutmalern überlassen, und den Hafnern war es untersagt, zu ihrem Puppengeschirr auch noch die Schränklein zu bauen.

Mädchen mit ihren Puppen
Mädchen mit ihren Puppen. Um 1910. Handkoloriertes Glasdiapositiv
© Brandstätter Verlag

Beliebt und weit verbreitet war das Holzspielzeug aus den Werkstätten und den Höfen der Bildschnitzer und Bauern in Thüringen, in Oberammergau, im Berchtesgadener Land, im sächsischen Erzgebirge und im Grödental. Rasseln, Ratschen, Windrädchen, Nußknacker, »Fatschenkindln«, Hampelmänner, Pferde mit und ohne Reiter, Fuhrwerke, Kutschen, Schlitten, Schiffe, besonders Galeeren, Zwitschervögel, Klimperkästchen, Figuren aus dem Volksleben, »Stadt in der Spanschachtel« und »Wochenmarkt«, Holzpuppen und Puppenhausmobiliar wurden von Händlern, den sogenannten Verlegern, oder von Hausierern und »Kraxenträgern« in diesen Gegenden eingesammelt und vertrieben, oft bis Lissabon und Moskau, ja sogar bis in den Orient und nach Übersee. In vielen Kinderstuben war damals das »Kakelorum« anzutreffen, ein Glücksspiel, das auch unter dem Namen »Tivoli-Spiel« oder »Marmelturm« bekannt war. Eine Kugel wurde in den kronenartigen Kopfaufsatz einer Figur gesteckt und dann über eine kunstvoll in den Körper eingearbeitete Spirale auf ein rundes Brett gelenkt. Dort blieb sie, vom Zufall bestimmt, in einer der hundert Mulden liegen, deren Nummer jeweils Verlust oder Gewinn anzeigte. Ein Spielzeug, das fast in allen Zentren der deutschen Spielwaren-Heimarbeit hergestellt wurde, war die Arche Noah. Hieronymus Bestelmeiers Spielwaren-Magazin von 1793 bot beispielsweise eine große und eine kleine Arche Noah an, und schon die kleine Ausgabe beherbergte hundert Tiere und Figuren. Gewiss eines der populärsten Spielzeuge war das hölzerne Steckenpferd, nicht selten mit echter Roßhaarmähne, das schon in dem 1482 gedruckten französischen Buch Le Propriétaire des Choses auftaucht. Einem Bericht zufolge paradierten anlässlich des Nürnberger Konvents 1649 nicht weniger als 1476 Knaben auf Steckenpferden vor dem Quartier des kaiserlichen Generalbevollmächtigten Octavio Piccolomini. Konkurrenz bekam das Steckenpferd allerdings später durch das Schaukelpferd auf Kufen und Rädern.

Tochter des Ehepaares Werner
Die Tochter des Ehepaares Werner. 1835. Gemälde von Ferdinand Georg Waldmüller
© Brandstätter Verlag

In Nürnberg entstand bereits im 15. Jahrhundert das Gewerbe der Docken- oder Puppenmacher, die zunächst Puppen aus Holz schnitzten und bemalten. Arme und Beine der Puppen bewegten sich in Scharnieren oder an Schnüren. Dazu kamen die Leder- und Stoffpuppen, deren Bälge mit Lumpen, Kleie, Roßhaar oder Sägemehl gefüllt waren, mit Köpfen aus Ton, Holz, Wachs oder Alabaster. Bekannt für seine Puppen wurde Sonneberg im Meininger Oberland, besonders für jene mit Köpfen aus Papiermaché. Später kamen Gummipuppen und Köpfe aus Porzellan in Mode, bewegliche Augen lösten die starren ab, und im 19. Jahrhundert lernten die Puppen schließlich sprechen. Sie hatten stets nach der neuesten Mode gekleidet zu sein, und nicht selten ließen sich die Damen ihre Kleider nach den Modellen anfertigen, die die Puppen trugen. Zur Puppe gehörte das Puppenhaus oder Puppenzimmer, das vielfach durch seine bürgerliche Gediegenheit auffiel und mitunter elterliche Wunschträume erahnen ließ.

Marktstand mit Kinderspielzeug, Wien
Marktstand mit Kinderspielzeug am Hof in Wien. Um 1910. Glasdiapositiv
© Brandstätter Verlag

Spielzeug aus Papier und Pappe ist ebenfalls seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Augsburger »Stecher« vervielfältigten bestimmte Vorlagen zum Ausschneiden, die man zum Beispiel als Papiersoldaten auf Holzklötzchen aufmarschieren lassen oder zu Tiergruppen zusammenstellen konnte. Neu waren zu Ende des 18. Jahrhunderts Ankleidepuppen aus Papier, ferner Guckkastenbilder, die die Zeitereignisse wiedergaben, Papiertheater (sie wurden oft bei Theaterpremieren für die Kinder der Besucher aufgelegt) sowie Anleitungen zum Falten von Schiffchen, Hüten, Spitzentüchern und Spielen wie »Himmel und Hölle« aus Papier.

Der Zinn- und Kannengießer Andreas Hilpert, der im Jahr 1760 in Nürnberg das Bürger- und Meisterrecht erworben hatte, kam auf die Idee, Zinnfiguren als Spielzeug zu gießen. Er schuf recht billig Tier- und Menschenfiguren, Kriegstheater, Rokokoszenen, Hirtenstilleben und Zigeunerlager und machte dem bemalten Holzspielzeug ernsthaft Konkurrenz. Hergestellt wurden die Zinnfiguren, indem man die Negativform der beiden Figurenhälften in Schieferplatten schnitt und fein säuberlich gravierte, die Hälften zu einem Model zusammenfügte und mit flüssigem Zinn ausgoss. Die fertigen Gussstücke ließ man anschließend von Heimarbeiterinnen bemalen. Die bekannteste Figur wurde gewiss der Zinnsoldat, der sich rasch über ganz Deutschland und die Schweiz verbreitete. Mitte des 19. Jahrhunderts einigten sich die führenden Hersteller Heinrichsen in Nürnberg und Allgeyer in Fürth auf die »Nürnberger Größe« von dreiunddreißig Millimetern, so daß sich die Armeen mit gleich großen Zinnsoldaten beliebig ergänzen ließen. Hans Christian Andersen machte den »Standhaften Zinnsoldaten« zum Helden eines seiner bekanntesten Märchen.

Kind auf einem Spielzeugpferd
Kind einer aristokratischen Familie auf einem Spielzeugpferd. 1910. Photographie
© Brandstätter Verlag

Im 19. Jahrhundert entstand allerhand optisches Spielzeug wie etwa die »Thaumatropische Unterhaltung«, die aus Papierscheiben bestand, welche auf jeder Seite ein anderes Bild (zum Beispiel Käfig und Papagei) trugen. Wurde nun die Scheibe an einer Schnur schnell um ihre eigene Achse gedreht, verschmolzen die beiden Bilder zu einem. Der Papagei saß im Käfig. 1831 entwickelten Professor Stampfer in Wien und Professor Plateau in Gent das »Lebensrad«. Der eine nannte es Stroboskop, der andere Phénakistiscop; es bestand aus zwei Scheiben, die um eine gemeinsame Achse rotierten. Die äußere Scheibe trug radiale Schlitze, durch die man die auf der inneren Scheibe befindlichen Zeichnungen aufeinanderfolgender Phasen einer Bewegung betrachten konnte, die zu einem Bewegungseindruck verschmolzen. Der Wiener Spielzeughersteller Trentsensky machte sich diese Erfindung sofort zunutze und vertrieb die »Wunderscheibe« zum stolzen Preis von fünf Gulden. Ebenso wie das »Lebensrad« funktionierte auch die »Wundertrommel«, die unter dem Markennamen »Zootrop« und »Daedaleum« weltweit bekannt wurde. Sie bestand aus einer um ihre Achse drehbaren, oben offenen Trommel mit einer Reihe schmaler senkrechter Schlitze. An die Innenwand der Trommel legte man Papierstreifen, auf denen Figuren in verschiedenen Phasen einer Bewegung abgebildet waren. Drehte man die Trommel, so entstand beim Blick durch die Schlitze die Illusion einer ununterbrochenen Bewegung: Turner und Akrobaten zeigten ihre Kunststücke, Vögel segelten durch die Lüfte, Pferde galoppierten, Augen schlossen und öffneten sich. Die Begeisterung darüber war riesengroß, und so manche Firma warb mit den handgezeichneten Bilderreihen für ihr Produkt. So brachte ein Herrenausstatter eine »Zootrop«-Kragenschachtel heraus, die zehn Hemdkrägen und drei Bilderreihen enthielt und mühelos in eine »Wundertrommel« verwandelt werden konnte.

Puppen in einer Heimindustriestube
Puppen in einer Heimindustriestube aus dem deutschen Erzgebirge. Um 1930. Photographie
© Brandstätter Verlag

Mit der Erlangung der Gewerbefreiheit etablierten sich nach und nach Spielzeugfabrikanten (wie in Nürnberg und Fürth), die ihrer Herkunft nach Handwerker waren, aber alle erforderlichen Tätigkeiten in einem Betrieb konzentrierten. Dazu kam, daß immer mehr Blech zu Spielzeug verarbeitet wurde, was die Entwicklung der industriellen Fertigung sehr begünstigte. Puppenkücheneinrichtungen, Puppenküchenherde, auf denen man kochen konnte, Kaufläden, Blasinstrumente, Kindertrompeten, Rasseln, Kreisel, »Pickpick-Vögel«, Clowns im Handstand, Scherenschleifer, Kettenkarusselle, Modelleisenbahnen und Autos waren als »Volksspielzeug« nunmehr in den Schaufenstern der Spielwarengeschäfte zu bewundern. Zu einem begehrten, wenn auch teuren Spielzeug wurde der Metallbaukasten, 1901 von dem Engländer Frank Hornby erfunden. Sein System, dem er zunächst den Namen »Mechanics Made Easy« gab, bestand aus gestanzten Metallschienen, die mit Schrauben und Muttern zu Modellen der »technischen Wirklichkeit« zusammengebaut werden konnten. In Deutschland fand Hornbys »Meccano «, wie er später hieß, sehr bald Nachahmer. Der »Stabil« von Walther & Co. in Berlin oder der legendäre Baukasten Nr. 5 von Märklin waren wohl die bekanntesten, die selbst in der Zeit der Wirtschaftskrise vor dem Zweiten Weltkrieg den Herstellern steigende Umsätze bescherten.

Spielwarenverkäuferin
Spielwarenverkäuferin. Um 1900. Photographische Postkarte aus der Serie »Wiener Lieder«
© Brandstätter Verlag

Einer Plüschfigur blieb es jedoch vorbehalten, wahrlich Spielzeuggeschichte zu machen: dem Teddybären. Der Spielzeugbär erblickte im Jahre 1902 an zwei Orten gleichzeitig das Licht der Welt – in den USA und in der deutschen Spielzeugfirma Steiff in Giengen an der Brenz. Der Entwurf kam von Richard Steiff, dem jüngsten Neffen der Firmengründerin Margarete Steiff. Seine Skizzen und Studien dafür hatte er während des Studiums an der Kunstgewerbeschule in Stuttgart gemacht, wo es ihm die Bären in Nill’s Tiergarten angetan hatten. So entstand die Idee, einen Spielbären herzustellen, dessen Kopf, Arme und Beine beweglich waren. Öffentlich zu sehen war der neue Steiff-Bär auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1903, wo er zunächst wenig Beachtung gefunden haben soll. Erst am letzten Messetag bestellte ein amerikanischer Spielwarenverkäufer aus New York dreitausend dieser Bären, und in den darauffolgenden Jahren waren in Giengen und Umkreis »alle irgendwie geeigneten Frauen und Mädchen mit der Herstellung von Teddybären beschäftigt«. Auf amerikanischer Seite gab es offenbar einen Zwilling, der dem Steiff-Bären den Anspruch streitig machte, der erste Teddy gewesen zu sein. Im November 1902 findet sich in der Washington Post eine berühmt gewordene Karikatur des Präsidenten und Großwildjägers Teddy Roosevelt mit einem Bärenjungen, die Morris Michtom, einen russischen Einwanderer, der in Brooklyn einen Laden mit Süßwaren und selbstgebasteltem Spielzeug betrieb, anregte, einen Bären aus Plüsch zu nähen. Kaum stand der Bär neben der Zeichnung in der Auslage, war er auch schon verkauft. Das Geschäft gedieh prächtig, und um dem erfolgreichen Geschöpf einen zugkräftigen Namen zu geben, nannte es Michtom angeblich mit Billigung des Präsidenten »Teddys Bär«. Aus diesen Anfängen entstand die Ideal Toy Corporation, einer der größten Spielwarenhersteller Amerikas. Spätestens seit 1907 hat sich die Bezeichnung Teddybär für den »König der Stofftiere« durchgesetzt, und bei Steiff in Giengen schaffte man in jenem Jahr mit über 900 000 Teddys einen Produktionsrekord. Heute wird der originale Teddy als ein Design-Klassiker verkauft, der in Amerika zusammen mit sechzig anderen Produkten zu den »schönsten Dingen des Lebens« gekürt wurde.

Quellen#

  • Verschwundene Arbeit, R. Palla, Christian Brandstätter Verlag, 2010


... mit freundlicher Genehmigung des Christian Brandstätter Verlags.