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Strumpfwirker#

Heimatlexikon - Unser Österreich

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Strumpfwirker
Geschäftskarte des »bürgerlichen Seidenstrümpfwirker Meisters Joseph Kramel« in Wien. Um 1790. Kupferstich
© Brandstätter Verlag

Strumpfwirker stellten durch Fadenverschlingung Maschenwaren wie Strümpfe, Socken, Schlafhauben, Hosen, Handschuhe aus Schafwolle, Seide, Baumwolle oder Leinengarn her. Das Handstricken soll in Italien schon 1254 bekannt gewesen sein, jedenfalls trug der Leichnam des Papstes Innozenz IV. (1195–1254) gestrickte seidene Handschuhe. Gestrickte Strümpfe setzten sich erst mit der Vorherrschaft der spanischen Tracht seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts durch. In den meisten europäischen Ländern wurden die Strümpfe von Handstrickern sowohl in der Stadt als auch auf dem Land gefertigt, die in Deutschland zünftig organisiert waren. Eine für das damalige technische Niveau geniale Erfindung, nämlich der Strumpfwirk- oder Handkulierstuhl, gelang 1589 dem protestantischen Geistlichen William Lee aus dem Sankt Johannes Collegio in Cambridge. Als »ein Meisterstück der Erfindungskraft und des Witzes, das künstlichste Werkzeug aller Handwerker und Künstler« bezeichnete Johann Beckmann in seiner Anleitung zur Technologie (1777) Lees Maschine, die bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts nahezu unverändert gebaut und bis in das späte 19. Jahrhundert nur unwesentlich verbessert wurde.

Das Wesen dieses Strickapparates, der fast gänzlich aus Eisenteilen gebaut war, bestand darin, den komplizierten Bewegungsvorgang beim Handstricken, bei dem die Maschen durch das Zusammenwirken von Finger- und Nadelbewegungen entstanden, nachzuahmen, was dadurch gelang, daß für jede einzelne Masche eine besondere, mit einem Haken versehene Nadel verwendet wurde. »Dieser Maschenbildungsvorgang war also von dem bisherigen Handstricken grundverschieden. Jetzt konnte man eine ganze Reihe von Maschen gleich in der Breite des Strumpfes auf einmal herstellen und die Reihen zu einem ebenflächigen Warenstück hintereinanderfügen. Die Form erlangte man durch Ein- und Ausdecken der Randmaschen« (C. Aberle, Geschichte der Wirkerei und Strickerei).

In England zuwenig unterstützt, begab sich Lee auf Einladung Heinrichs IV. von Frankreich mit seinem Bruder, sechs Wirkern sowie der entsprechenden Anzahl von Wirkstühlen nach Rouen, wo er ein Patent für seine Stühle erwartete. Die Ermordung des hugenottischen Königs machte aber alle seine Pläne und Hoffnungen zunichte, und um 1610 starb er verarmt in Paris. Nach Aufhebung des Edikts von Nantes, das den Hugenotten Gleichberechtigung mit den Katholiken gewährte, flüchteten die protestantischen Wirker samt ihren Werkzeugen unter anderem nach Deutschland und führten dort die Wirkerei ein.

Quellen#

  • Verschwundene Arbeit, R. Palla, Christian Brandstätter Verlag, 2010

... mit freundlicher Genehmigung des Christian Brandstätter Verlags.