Tassilokelch - Austria-Forum : Heimatlexikon

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Tassilokelch#
Vom Baiern-Herzog Tassilo III. und seiner Gattin Luitpirga dem Kloster Kremsmünster (Oberösterreich)
gestiftet, ältester erhaltener und bedeutendster Abendmahlskelch des frühen Mittelalters im bayerisch-österreichischen Raum.
Die genaue Entstehungsgeschichte ist unklar. Da die Inschrift am Fuße des Kelchs die Hochzeit Tassilos voraussetzt, kommt nur eine Entstehung nach 768/69 in Frage. Als Herstellungsort wird eine Salzburger Werkstätte vermutet, es ist aber auch der bayrische bzw. oberitalienische Raum nicht völlig auszuschließen. Die im insularen Stil kontinentaler Prägung ausgearbeiteten Flechtband- und Tierornamente führten früher zur Vermutung, dass das wertvolle Gefäß vielleicht auch in England angefertigt worden sein könnte.
Der aus Kupfer bestehende Tassilokelch ist etwa 25 cm hoch und wiegt 3 Kilogramm; Kuppa und Knauf wurden als Einzelstücke hergestellt. Auf den teilweise vergoldeten Kelch sind Silbermedaillons aufgelötet, wobei die fünf großen Brustbilder an der Kuppa Christus mit den Initialen IS (Jesus Salvator), umgeben von den vier Evangelisten, die kleineren am Fuß die Heilige Maria und Johannes den Täufer, und, nach einer unsicheren Interpretation, die Langobardenkönigin Theodolinde und den heiligen Theoto zeigen. Darüber hinaus ist der Kelch mit Ornamenten in verschiedenen Stilrichtungen und Techniken, mehreren Pflanzenornamenten und geometrischen Motiven reich verziert.
Aufgrund der Größe und der aufwändigen Gestaltung des Kelchs handelt es sich wohl um einen so genannten Spendekelch („calix ministerialis“), der bei besonders festlichen Gottesdiensten benutzt wurde (und immer noch wird), um den Gläubigen die Kelchkommunion zu reichen. Ein Detail legt diese Annahme freilich im Besonderen nahe: Der Ring aus Metallperlen oberhalb des Knaufs ist frei drehbar. Dies erleichtert die Handhabung bei der Darreichung an mehrere Kommunikanten nacheinander; der Kelch kann so vom Kommunionspender nämlich nach jeder Person leichter gedreht werden – dies kann als Beleg für die Praxis der Kelchkommunion in der damaligen Zeit angesehen werden. Interessant ist, dass auch Papst Benedikt XVI. den Kelch bei der Feier der Heiligen Messe in Mariazell am 8. September 2007 verwendete.
Die Inschrift am Fuß des wertvollen Kleinods lautet "TASSILO DVX FORTIS + LIVTPIRC VIRGA REGALIS", was übersetzt so viel bedeutet wie "Tassilo, tapferer Herzog + Liutpirg, königlicher Spross" – ein Hinweis darauf, dass es sich, wie eingangs erwähnt, um den Hochzeitskelch von Tassilo handeln dürfte.
Quelle: Post AG
Tassilokelch in Stift Kremsmünster, 8. Jh. n. Chr. (Video Album)
Historische Bilder zu Tassilokelch (IMAGNO.at)
Literatur:
- F. Stollenmayer und E. Widder, Der Kelch des Herzog Tassilo, 1976
Tassilo- Denkmal eines Verlierers #
Das Stift Mattsee hat seinem Gründer Tassilo ein Denkmal gesetzt. Die Erinnerung an sein tragisches Schicksal soll den Menschen und der Kirche ein Fingerzeig sein – die Art und Weise wie er sein Schicksal bewältigt hat, ist bis zum heutigen Tag vorbildlich.#
Mit freundlicher Genehmigung aus DIE FURCHE vom 22. Juli 2010
Von
Stefan Müller
Mächtig blitzt es in der Sonne. Fast vier Meter hoch und eine Tonne schwer, aber doch irgendwie leicht, fast filigran.
Wer in Mattsee
, jenem 20 Kilometer von Salzburg entfernten Ort am gleichnamigen See, von der Bäckerei Richtung Stiftskirche geht, kommt am Denkmal Tassilos vorbei. Seit Ende Juni ist der ehemalige Bayernherzog am renovierten
Stiftsplatz verewigt. Nach langem Hin und Her ist es 1250 Jahre nach der Stiftsgründung gelungen, das 110.000 Euro teure
Bronze-Denkmal zu verwirklichen.
Tassilo III., Herzog von Bayern, hat im 8. Jahrhundert 18 Klöster gegründet, als erstes Mattsee 760 nach Christus. Er dehnte sein Reich nach Osten aus, christianisierte die Heiden. Am Höhepunkt seiner Macht herrschte er über ein Gebiet, zu dem das heutige Oberösterreich, Salzburg, Nord- und Südtirol, Kärnten und die Steiermark gehörten. Er heiratete ins italienische Königshaus ein, der Papst taufte seinen Sohn. Unter seiner Ägide wurde der mächtige Salzburger Dom geweiht, ein Symbol von Stärke.
Aber nicht deshalb ist man in Mattsee so stolz auf ihn und bemüht sich um die Seligsprechung in Rom. Vielmehr ist es die Art und Weise, wie er sein Schicksal bewältigt hat.Denn Tassilo war ein Verlierer.
Der Verrat wurde ihm angedichtet#
Seine Geburt 741 wäre heute ein Fall für die Klatschspalten. Ein handfester Skandal. Tassilos Vater Odilo, ein Alemanne, war von den fränkischen Karolingern, die formal die Oberhoheit über Bayern hatten, als Herzog eingesetzt worden. Weil sich das Volk gegen den „unechten“ Bayern wehrte, suchte Odilo zeitweilig Schutz am Hof des Frankenkönigs Karl Matell – wo er dessen Tochter Hiltrud schwängerte. Kurz vor der Geburt eilte diese heimlich zu ihm nach Bayern – um einen dort tauglichen Herrscher – Tassilo III. – zu bekommen.
Die Spannungen zwischen Franken und Bayern wurden dadurch noch verschärft. Schließlich sollte Tassilo seinem eigenen Cousin – Frankenkönig Karl dem Großen – zum Opfer fallen. Der dehnte sein Reich nach Osten aus und erledigte einen Widersacher nach dem anderen. Nachdem Tassilo den Rückhalt seines Landadels und der Fürsprecher in Rom verloren hatte, nahm Karl seine Familie gefangen und zwang ihn zur Unterwerfung.
In einem Prozess 788 wurden ihm Pflichtversäumnisse und Bündnis mit dem Feind vorgeworfen. „Der Verrat wurde ihm angedichtet“, sagt der Mediävist Herwig Wolfram. „Es war ein Rechtsbruch Karls des Großen, eine brutale Machtdemonstration.“
Die verhängte Todesstrafe wurde „gnädig“ in Klostertod umgewandelt: für Tassilo, seine Frau und alle vier Kinder. Damit war das bayerische Herrschaftsgeschlecht der Agilolfinger ausradiert. Um 800 dürfte Tassilo gestorben sein, an einem 11. Dezember.
Der Legende nach soll er sich vor seinem Tod, geschoren und geblendet, im Kloster Lorsch noch mit Karl dem Großen versöhnt haben.
Das Denkmal von Lotte Ranft zeigt Tassilo als schlichte Person mit verschränkten Händen, vertikal auf einer Zeitscheibe sitzend, auf der Stationen aus seinem Leben dargestellt sind.
Von der Macht zur Ohnmacht#
„Er hat uns in der Bewältigung seines Schicksals immer noch etwas zu sagen. Man kann einem Menschen die Würde nicht nehmen, selbst nach dem Sturz in die Ohnmacht“, so Stiftspropst Vinzenz Baldemair.
Von der Macht zur Ohnmacht, vom Herrscher zum frommen Mönch: Diese Umkehr der Werte kennt das Christentum sehr gut. Die Kraft wird in Schwachheit vollendet, denn wenn ich schwach bin, bin ich stark – heißt es im zweiten Korintherbrief.
Auch die Kirche selbst, betont Baldemair, könne noch einiges an Stil und Prunk ablegen: „Ihre Kraft muss im Inneren liegen. Nicht im Besitzen und Beherrschen, sondern im Dienen und Eintreten für die Menschenrechte.“
Auch dafür könnte Tassilos Botschaft herhalten.
Quellen:
- AEIOU


